HGM Wissensblog

Die amerikanischen Waffendepots in Österreich

Als am 20. Jänner 1996 in der Zeitung „The Boston Globe“ ein Bericht über angeblich in Österreich noch vorhandene, aus der Besatzungszeit stammende amerikanische Waffendepots erschien, rückte damit ein Bereich der österreichisch-amerikanischen Beziehungen – vor allem in Bezug auf die unmittelbare Nachkriegszeit ­– unerwartet in das öffentliche Interesse.

Die in Österreich angelegten Waffenlager waren offensichtlich in „Vergessenheit“ geraten, um nunmehr aufgrund einer internen Untersuchung in den Archiven der CIA durch einen Ausschuss des Kongresses publik zu werden. Die Veröffentlichung im „The Boston Globe“ machte verständlicherweise eine sofortige offizielle Information der österreichischen Bundesregierung notwendig. Als noch am 20. Jänner 1996 die amerikanische Botschafterin Swanee Hunt Bundeskanzler Franz Vranitzky im Bundeskanzleramt auch offiziell über die Existenz der versteckten Waffenlager informierte, wurde seitens der Amerikanerin zugesagt, bei der Auffindung dieser Depots ehestmöglich die notwendigen Unterlagen für deren Auffindung bereitzustellen. Wenn auch seitens des Bundeskanzlers und der Regierungsmitglieder die Verwunderung über die Existenz derartiger Lager angesprochen wurde, so stand dennoch vordringlich die Auffindung und Räumung der in diesen Lagern befindlichen Waffen- und Kriegsmaterialgegenstände im Vordergrund. Es erwies sich hinsichtlich der Gefährdung der Zivilbevölkerung als beruhigend, dass keinerlei ABC-Waffen vergraben worden waren.

Gleich nach dem Bekanntwerden erfolgten wildeste Spekulationen sowohl über den Inhalt als auch die politische und militärische Bedeutung dieser Waffenlager. Innerhalb Österreichs stellte man sich vor allem die Frage, wer von den damaligen politischen Verantwortungsträgern bei der Einrichtung dieser Waffenlager etwa eingebunden oder von ihnen gewusst haben könnte bzw. für wen das vergrabene Kriegsmaterial überhaupt vorgesehen worden war. Mehr noch interessierte jedoch die Frage, gegen wen die Waffen und Sprengmittel zum Einsatz hätten gebracht werden sollen. Darüber hinaus gab es auch noch unzählige Spekulationen über etwaige Goldvorräte, die gleichfalls vergraben worden wären – ein Umstand, welcher der späteren Bergung auch noch ein gewisses Maß an Schatzgräber-Romantik verleihen sollte.

Am 29. Jänner wurden dem österreichischen Innenminister 79 Kuverts mit genauen Aufzeichnungen über die exakte Lage der einzelnen Waffenlager übergeben und die weiteren Schritte zur Bergung insoweit festgelegt, dass aufgrund des vorhandenen Materials – es handelte sich um Waffen, Kriegsmaterial und Sprengstoffe – eine Bergung unmittelbar notwendig erscheinen würde. Dadurch sollte einerseits die Gefährdung von Teilen der Zivilbevölkerung ausgeschaltet, andererseits die missbräuchliche Verwendung dieses Materials ausgeschlossen werden. Die Federführung bei der Bergung der Lager übernahm das Bundesministerium für Inneres, welches in einem Verwaltungsübereinkommen mit dem Bundesministerium für Landesverteidigung, das vor allem bei der unmittelbaren Bergung eine große Rolle spielen sollte, die Verantwortungsbereiche genau abgrenzte. Die sicherheitspolitische Gesamtverantwortung wurde in dieser Angelegenheit auch nicht den örtlichen Sicherheitsdirektionen bzw. Bezirksverwaltungsbehörden übergeben, sondern bis zum Abschluss der Aktion durch die Generaldirektion für öffentliche Sicherheit unmittelbar wahrgenommen.

Von den angeblich insgesamt vorhanden gewesenen 85 US-Waffenlagern konnte eines nicht gefunden werden. Dieses dürfte aber aufgrund der abträglichen Bodenbeschaffenheit in jenem Bereich überhaupt nicht angelegt, sondern mit einem anderen vereinigt worden sein. Zehn Lager wurden bereits in früheren Zeiten aufgefunden und teils durch die Exekutive geräumt teils durch Privatpersonen „geplündert“. In einem größeren Zusammenhang waren diese Waffenlager damals jedoch nicht gesehen worden. Sechs Lager enthielten lediglich logistisches Gerät bzw. Verpflegung, 68 Waffenlager wurden letztlich nach ihrer genauen Erkundung mit Hilfe von Pionierkräften des Heeres geräumt. Der Einsatz dauerte vom 22. April bis 13. September 1996 und förderte rund 300 Pistolen, 250 Gewehre, 270 Maschinenpistolen, 65 Maschinengewehre, 20 Sonderwaffen, 50 Panzerabwehrrohre, ca. 2700 Handgranaten, 230 000 Schuss Munition, 1150 Panzerabwehrgranaten und 3,4 Tonnen Sprengstoff zu Tage.1

Nicht uninteressant zeigte sich auch der rechtliche Aspekt der Waffenlager. Dabei spielten vor allem die Frage der Eigentumsverhältnisse des aufgefundenen Kriegsmaterials sowie die Kosten der Bergung bzw. etwaige Abgeltung von Schäden durch die Existenz oder Bergung der Lager gegenüber Dritten eine entscheidende Rolle. Seitens des Bundesministeriums für Auswärtige Angelegenheiten / Völkerrechtsbüro wurden einerseits der Österreichische Staatsvertrag 1955 mit seinen in den Artikeln 14 und 24 angeführten Bestimmungen bezüglich Kriegsmaterials alliierten Ursprungs sowie ein Abkommen vom 26. September 1955 mit rechtlichen Verfügungen über amerikanische Vermögenswerte in Österreich als maßgebliche Rechtsquellen herangezogen.2 Die rechtlichen Standpunkte Österreichs und der USA divergierten in ihrer Betrachtungsweise, da die USA die Ansicht vertrat, bei den in den Lagern befindlichen Gütern würde es sich um „abandoned property“ handeln, wodurch die Regelung sämtlicher Ansprüche für Entschädigung bzw. Schadloshaltung auf die Republik Österreich übergegangen wären. Die österreichische Perspektive beurteilte die Angelegenheit differenzierter und berücksichtigte dabei vor allem den Inhalt und auch den Entstehungszeitraum der Lager. Die im Abkommen vom 26. September 1955 als Anhang aufgeführten Vermögenschaften standen in keinem Zusammenhang zu den in den Waffenlagern vermuteten Gegenständen, sodass die Anwendung der Bestimmungen dieses Abkommens vorerst von österreichischer Seite nicht nachvollzogen werden konnte. Es entstand der Eindruck, dass das amerikanische State Department daran interessiert schien, die Angelegenheit rasch zu klären, vor allem jedoch vermeiden wollte, durch intensive völkerrechtliche Diskurse dieser Angelegenheit eine als unnötig erachtete Publizität zu vermitteln. Letztlich entschied man sich, den Inhalt der Waffenlager im Rahmen der sehr allgemein formulierten Bestimmungen über amerikanische Vermögenschaften des Abkommens vom 26. September 1955 zu betrachten und somit die Depots als „Dereliktion amerikanischen Eigentums“3 zu bewerten.

Nachdem die tatsächliche Bergung sämtlicher Waffenlager im September 1996 abgeschlossen werden konnte, trat nun die Frage nach der politischen und militärischen Bewertung dieser Waffenlager in den Vordergrund. Bedauerlicherweise hatten die Amerikaner lediglich die entsprechenden Skizzen zur Auffindung der Depots, jedoch keinerlei Daten hinsichtlich des möglichen Einsatzszenarios oder der damit zu beteilenden Personengruppen mitübergeben. Es ist daher verständlich, dass infolge des Mangels an konkreten Informationen wildeste Spekulationen über die historische Bedeutung der Waffendepots angestellt wurden, denen in der Regel die notwenigen Recherchegrundlagen fehlten.

Eine erste Einschätzung ergibt sich bereits aufgrund der Dislokation der Lager. Die Depots verteilten sich auf Salzburg, Oberösterreich und die Obersteiermark und befanden sich damit mehrheitlich in der ehemaligen amerikanischen Besatzungszone. Der zweite Ansatz orientiert sich zweifellos am vergrabenen Material selbst. Als Ausgangspunkt einer entsprechenden Bewertung dienen natürlich die Original „cache-inventories“, also die Befüllungslisten der Amerikaner selbst. Zu Anfang gilt es, überhaupt die Gesamtmenge des vergrabenen Materials zu erfassen. Die Anzahl aller in den einzelnen Lagern vorgefundenen Hand- und Faustfeuerwaffen beläuft sich auf, wie bereits oben erwähnt, rund 900 Stück, wobei jedoch anzumerken ist, dass ca. 150 Waffen, also ein Sechstel, auf das größte Depot in Gußwerk/Mariazell entfallen, das aufgrund seiner außergewöhnlichen Dislokation – es liegt weit in der ehemaligen britischen Besatzungszone – ohnehin eine Sonderstellung einnimmt und vermutlich mit den übrigen amerikanischen Lagern in keinem Zusammenhang steht. Somit reduzierte sich die Gesamtzahl der in Oberösterreich und Salzburg vergrabenen Feuerwaffen auf ca. 750 Stück. Berechnet man für jeden Kombattanten – wie er auch immer ausgesehen haben mag – zumindest eine Hand- oder Faustfeuerwaffe, berücksichtigt darüber hinaus noch die vorhandenen Panzerabwehrrohre, Handgranaten und Munitionsdotationen, so entspricht das Waffenpotential im Groben dem eines verminderten amerikanischen „rifle-bataillons“ etwa zur Zeit des Koreakrieges. Das damit verbundene militärische Potential stellt im Vergleich zu den im Rahmen eines europäischen oder globalen Konfliktes zu erwartenden Armeestärken einen eher zu vernachlässigenden Faktor dar. Wenn auch entsprechende Aktenbelege seitens der Amerikaner fehlen, so kann damit ausgeschlossen werden, dass seitens der US-Besatzungsmacht die Aufstellung standardisierter österreichischer Verbände mit den vergrabenen Materialien geplant wurde. Bemerkenswert ist jedoch die Gesamtmenge des eingelagerten Sprengstoffes. Mit über 3 Tonnen (verteilt auf alle Lager) übersteigt der Sprengmittelbestand sogar den Vorrat einer kompletten amerikanischen Infanteriedivision und lässt somit bereits weitere Rückschlüsse auf das mögliche Hauptbetätigungsfeld jener auszurüstenden Gruppen zu, erklärt aber auch die bereits erwähnte quantitativ eher unterdurchschnittliche Bewaffnung.

Eine weitere anhand der Befüllungslisten festzustellende Auffälligkeit ergibt sich aus der Zusammensetzung der Lager ohne qualitativer Bewertung des entsprechenden Materials. Offensichtlich wurde von Seiten der Amerikaner bei der Anlage der einzelnen Depots nach unterschiedlichen Schemata vorgegangen, die eine Differenzierung in sechs verschiedene Depotkategorien zulassen. Als Parameter wurde ausschließlich die Menge des vergrabenen Materials und die Anzahl der damit möglicherweise auszurüstenden Kombattanten herangezogen. Danach sind 5-, 10-, ca. 9- und 20-25-Mann-Lager, sowie Sprengmitteldepots und drei Logistiklager mit Markierungsleuchten und Funkfeuersendern feststellbar. Es sind jedoch nur die ersten beiden Lagertypen, also die 5- und 10-Mann-Lager, von den Amerikanern auch dezidiert mit einer Stärkebezeichnung versehen worden. Die restlichen Trupp- und Gruppenstärken errechnen sich aus dem deponierten Material. Diese voneinander abweichende Struktur der Lager, auch die uneinheitlichen Munitionsdotationen für einzelne Waffensysteme, weisen entweder auf eine divergierende taktische Ausrichtung oder einen unterschiedlichen Entstehungszeitpunkt der Lager hin. Gemeinsam ist allen Depots, mit Ausnahme jenes in Gußwerk, der vertikale Aufbau. Um mögliche Versuche, Lager ausfindig zu machen, zu erschweren, wurde das Material nicht nur vergraben, sondern mit einer Schicht aus Metallabfall, in der Regel geleerten Konservendosen, bedeckt. Sollte nunmehr mit Metalldetektoren gesucht werden, wäre natürlich die große Menge an Metall sofort angezeigt worden. Beim Graben wäre man dann jedoch auf die Metallabfälle gestoßen und hätte wohl enttäuscht feststellen müssen, einen vergrabenen Mistplatz gefunden zu haben. Eine Fortsetzung der Grabungen wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit unterblieben.

Grundsätzlich gilt es festzuhalten, dass alle Waffen und Ausrüstungsgegenstände, mit einer einzigen Ausnahme, nämlich den Schalldämpferpistolen vom Typ „Welrod“, der Standardausrüstung der amerikanischen Armee für den Zeitraum 1945-1960 entsprechen. Der Inhalt der einzelnen Lagertypen gliederte sich folgendermaßen auf:

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Inhalt der einzelnen Lagertypen

Die zahlreichste und auch in jedem Depot, mit Ausnahme der Sprengstofflager, in mindestens zwei Exemplaren vorhandene Waffe ist die Selbstladepistole Colt M.1911A1, in Österreich als Pi 11 bezeichnet.4 Für das Kaliber .45 ACP, also 11,43 mm, eingerichtet und somit von mannstoppender Wirkung, ist sie eine der dienstältesten Faustfeuerwaffen, die jemals gebaut wurden. Ihre Vorzüge führten dazu, dass sie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht nur von amerikanischen Truppen, sondern auch unzähligen anderen Armeen, so auch vom Österreichischen Bundesheer, verwendet wurde. Der besondere Vorzug des Colts liegt vor allem in seiner großen Zuverlässigkeit auch unter extremsten Bedingungen. Daneben garantierte eine doppelte Sicherheitseinrichtung, Hebel- und Handballensicherung, eine besonders unproblematische Handhabung.

Ähnliches ist auch über die gleichfalls in hoher Stückzahl vorhandene Maschinenpistole M3A1, aufgrund ihres Aussehens oftmals als „Hosentaschen-Haubitze“ oder „grease-gun“5 bezeichnet, zu sagen.6 Sie wurde während des 2. Weltkrieges von den Amerikanern als Gegenstück zur deutschen Maschinenpistole MP 40 und der britischen STEN-MP entwickelt. Ein interessanter Aspekt ihrer Verbreitung findet sich während der Endphase des 2. Weltkrieges, als die M3A1 in großen Stückzahlen mit Fallschirmen über dem europäischen Kriegsschauplatz abgeworfen wurde, um dort operierende Untergrundgruppen und Widerstandskämpfer, insbesondere in Dänemark und Frankreich, zu unterstützen. Ein Umstand der für die besondere Verlässlichkeit dieser Maschinenpistole spricht. Eine weitere, gleichfalls sehr einfach zu bedienende Handfeuerwaffe, die in größeren Mengen vergraben wurde, ist der 7,62 mm „Carbine“, der sich in zwei Varianten findet, einerseits mit dem Standardholzschaft, andererseits mit einem Metallklappschaft.7 Die Masse von nur 2,5 kg prädestinierten den KM-1 geradezu für alle im Rahmen beweglicher Kampfführung operierenden Truppen. Für den Feuerkampf auf weite Schussdistanzen waren offensichtlich die gleichfalls in zahlreichen Depots vorhandenen Repetiergewehre M.1903A3 System „Springfield“ vorgesehen.8 Eigentlich mutet es erstaunlich an, dass in einem Zeitabschnitt, der waffentechnisch bereits von Selbstladegewehren, Sturmgewehren und MGs dominiert wurde, Repetiergewehre aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg Verwendung finden sollten. Die Ursache liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit in den hervorragenden ballistischen Eigenschaften und der Unempfindlichkeit gegenüber Witterungseinflüssen. Das Kaliber 30.06 bzw. 7,62 mm ist mit jenem des „Garand“-Gewehres identisch, die Schusswirkung also durchaus gegeben. Problematisch erwies sich jedoch der komplizierte Verschlussmechanismus des „Garand“, welcher bei Defekten nicht ohne weiteres vom Schützen selbst repariert werden konnte, wohingegen das „Springfield“-Gewehr alle Vorteile einer einfachen Konstruktion aufwies: niedriges Gewicht, Robustheit und hohe Trefferwahrscheinlichkeit. Unerklärbar erscheint jedoch das Faktum, dass sich in keinem einzigen Lager optische Zielhilfen für das „Springfield“-Gewehr befanden. Ein Umstand, der gerade für die im Rahmen irregulärer Kampfführung zu erwartenden Aktionen – Hinterhalte, Überfälle usw., wo es in der Regel zum Einsatz vom Scharfschützen kommt – nicht nachvollzogen werden kann.

An vollautomatischen Waffen wurden, mit Ausnahme des Lagers Gußwerk/Mariazell, ausschließlich Maschinengewehre des Typs BAR M.1918A2 deponiert, eine Waffe, die sich aufgrund ihrer Charakteristik eher schwer in das Konzept eines Partisanenkrieges einbinden lässt.9 Der große Nachteil dieser Waffe lag mit Sicherheit in der für ein leichtes Maschinengewehr viel zu hohen Masse, rund 10 kg. Daneben besaß das BAR keine Gurtzuführung, sondern Steckmagazine für jeweils 20 Patronen. Lag somit die theoretische Kadenz zwar bei ca. 400 Schuss/Minute, so erreichte ein geübter Schütze aufgrund des zeitaufwendigen Magazinwechselns dennoch nur 80 bis 100 Schuss/Minute – viel zu gering, um eine entsprechende Wirkung zu erzielen. Trotz dieser Nachteile gehörte dieses Schnellfeuergewehr zur Standardausrüstung der amerikanischen Infanteriegruppen bis zum Beginn des Vietnamkrieges. Seine Verteilung innerhalb der unterschiedlichen Depotkategorien ist unterschiedlich. Auch variieren die entsprechenden Munitionsdotationen pro einzelner Waffe erheblich. In den 10-Mann-Lagern wurden rund 20 Magazine für jedes Schnellfeuergewehr vorgesehen – bei den 20-25-Mann-Lagern jeweils nur drei Stück. Ein Aspekt, der gleichfalls auf einen möglicherweise unterschiedlichen Entstehungszeitraum der Depots hindeuten könnte. Das Nachfolgemodell des Browning Automatic Rifle, das leichte Maschinengewehr M.1919A6, blieb auf das Lager Gußwerk beschränkt.10

Der Panzerabwehrfähigkeit jener mittels dieser Depots auszurüstenden Gruppen wurde offensichtlich als besonders wichtig erachtet, da sich mit Ausnahme der Sprengstoffdepots und interessanterweise auch der 20-25-Mann-Lager in jedem Depot zumindest eine panzerbrechende Waffe befand. Grundsätzlich wurden rückstoßfreie Panzerabwehrrohre vergraben, die hinsichtlich ihres technischen Standes dem allgemeinen Standard der Panzerabwehr der unmittelbaren Nachkriegsära entsprachen. Dabei wurden zwei unterschiedliche Typen gleichen Systems verwendet, nämlich die Panzerabwehrrohre M.9 (60 mm) und M.20A1 (88,9 mm) – beide System „Bazooka“.11 Ersteres wurde bereits während des 2.Weltkrieges, genaugenommen 1944 eingeführt, und ist aus Leichtmetall hergestellt. Es ist mehrmals verwendbar und verschießt flügelstabilisierte Granaten mit Hohlladungsgefechtskopf. Die Durchschlagsleistung dieser Granaten beläuft sich auf rund 10 cm Panzerstahl. Das Rohr wird auseinandergenommen transportiert und erst unmittelbar vor dem Gefecht montiert. Die geringe Durchschlagsleistung der Bazooka M.9 führte bereits nach Beendigung des Krieges zu einer verbesserten Version, dem Modell 20A1. Vom Prinzip her funktioniert diese Variante vollkommen gleich, besteht jedoch aus Aluminium und verfügt über einen zusätzlichen Sicherungsschalter. Die Durchschlagsleistung liegt aber aufgrund des größeren Kalibers (89 mm) bei rund 25 – 30 cm Panzerstahl. Interessant ist wiederum die Verteilung der einzelnen Modelle auf die unterschiedlichen Lagertypen, auch insofern, als sich die 60 mm Version während des Koreakrieges als viel zu leistungsschwach gegenüber dem sowjetischen T-34 Panzer erwies und spätestens ab diesem Zeitpunkt für die Panzerabwehr nicht mehr verwendet wurde. 60 mm-Bazookas finden sich ausschließlich in den unbestimmten, für ca. 9 Mann vorgesehenen Depots und im Lager Gußwerk. Die 5- und 10-Mann-Lager beinhalteten sämtlich das bereits neue 89mm-Modell.

Die interessanteste Waffe, nicht nur in technischer, sondern auch in militärischer Hinsicht, ist aber mit Sicherheit die Schalldämpfermehrladepistole System „Welrod“.12 Die Entwicklungsgeschichte dieser Waffe ist kaum nachzuvollziehen, doch dürfte sie in einer britischen, der SOE (Special Operations Executive) beigestellten Werkstatt, den Welwyn Herts Laboratories, hergestellt worden sein. Während des 2.Weltkrieges wurde die „Welrod“ von britischen Kommandoeinheiten und Widerstandsgruppen in Frankreich und Dänemark verwendet. Amerikanische Kommandotrupps übernahmen gleichfalls derartige Schalldämpferpistolen in ihr Ausrüstungssortiment, änderten das Kaliber aber auf 11,43 mm, also .45.

Welrod – Pistolen widersprechen im Grunde genommen allen Vorgaben, die an eine reguläre militärische Faustfeuerwaffe gestellt werden. Vor allem handelt es sich bei diesem Waffentyp um keinen Selbstlader, sondern eine Repetierpistole. Sie muss dementsprechend nach jedem Schuss nachgeladen und gespannt werden. Der Verschlussmechanismus ist gleichfalls nicht nach den üblichen waffentechnischen Kriterien, schnelle Schussfolge und Treffergenauigkeit, ausgerichtet, sondern ergänzt den Schalldämpfer, um einen möglichst lautlosen Schuss zu gewährleisten. Da aus der Welrod keine normalen Patronen verschossen werden können, da deren V0, also die Mündungsgeschwindigkeit, keinesfalls über der Schallgeschwindigkeit liegen durfte, wurden Spezialpatronen vorgesehen, und zwar jeweils 24 Stück pro Waffe. Ein weiterer ungewöhnlicher Aspekt liegt in der Kaliberwahl. Bekanntlich verwendeten amerikanische Kommandos während des Weltkrieges in den Staaten nachgebaute Welrod-Pistolen vom Kaliber .45, die vorgefundenen Waffen weisen jedoch alle das Kaliber 9 mm auf, stammen daher mit hoher Wahrscheinlichkeit aus britischer Produktion. Aufgrund der Verwendung schwächerer Patronen, die Mündungsgeschwindigkeit der 9 mm – Version liegt bei gerade 215m/s, mussten die ballistischen Eigenschaften denkbar schlecht ausfallen. Die maximale Schussentfernung wurde daher mit rund 30 Metern angegeben, die effektivste Ausnützung von Schalldämpfung und Ballistik aber auf die sogenannte Nulldistanz erreicht, die dadurch in jedem Fall anzustreben war. Die Welrod entspricht damit in ihrer Charakteristik einer typischen Geheimdienstwaffe und passt in das Konzept von Partisanenkrieg und irregulärer Kampfführung. Ihr Verteilungsschema unter den einzelnen Depotkategorien ist gleichfalls mehr als ungewöhnlich, da sie ausschließlich in 5- und 10-Mann-Lagern eingelagert wurde, doch wiederum nicht in allen. Bemerkenswert auch, dass die meisten derartigen Schalldämpferpistolen im oberösterreichischen Raum, und dort speziell in den Bezirken Vöcklabruck, Braunau und Gmunden konzentriert wurden.

Den markantesten Aspekt der Waffenlager stellen jedoch die bereits eingangs erwähnten gewaltigen Mengen an Sprengstoff und Zündmitteln dar.13 Grundsätzlich wurde plastischer Sprengstoff der Varianten Composition 3 und 4, also C-314 und C-415 „Demolition Blocks“ vergraben. Plastischer Sprengstoff hat im Vergleich zu herkömmlichem TNT eine effektivere Sprengwirkung und eignet sich aufgrund seiner leichten Formbarkeit natürlich besonders gut zum Sprengen von Eisen und Stahl. Gleichzeitig entfällt auch das langwierige Fixieren und Verkeilen der Sprengmasse am Sprengobjekt, da er ähnlich wie Knetmasse geformt werden kann und sich damit auch optimal an die Oberflächenstruktur anpasst. Zusätzlich können C-3 und C-4 auch für Sprengungen unter Wasser verwendet werden, da diese Typen wasserunlöslich sind und dabei auch kaum an Sprengwirkung einbüßen – somit sind sie der ideale Sprengstoff für rasche und improvisierte Sprengungen. Die Verteilung der einzelnen Sprengstoffsorten und die jeweils deponierten Mengen sind wiederum sehr unterschiedlich. Die unbezeichneten 9- und 20-25-Mann-Lager beinhalteten die Variante C-3 und zwar in sogenannten „Demolition-Kits“ von je 8 kg zusammengefasst – insgesamt in beiden Lagertypen jeweils 32 kg. Im Lager Gußwerk wurden sogar beachtliche 450 kg eingelagert. Die 5- und 10-Mann-Lager waren ausschließlich mit dem moderneren C-4-Sprengstoff beteilt und zwar mit 32 bzw. 64 kg, die gleichfalls in 8 kg – „Demolition-Kits“ verpackt worden waren. Diese Sets entsprachen den bei der amerikanischen Pioniergruppe des Zeitraums 1945-55 im Einsatz befindlichen Kits M.37.16 Die Standardpioniergruppe der US-Army verfügte jedoch lediglich über ein bis zwei Kits M.37.17 Die reinen Sprengstofflager umfassten C-4-Mengen von 75 bis 100 kg. Bei diesen Depots ist jedoch ihre Dislokation von besonderem Interesse, nachdem sich alle – mit zwei Ausnahmen – auf oberösterreichischem Gebiet und in der Nähe von Kommunikationslinien befanden. Hinsichtlich der Zündmittel unterschieden sich die Lager nur marginal, doch ergibt sich insoweit eine markante Besonderheit, da komplett auf elektrische Zündmittel verzichtet wurde. Ein Umstand, der sich vermutlich aus dem Misstrauen der Amerikaner gegenüber der Lagerbeständigkeit elektrischer Zünder erklären lässt.

Die drei „Logistik-Lager“ bilden die letzte Sparte der sechs Depotkategorien, werfen jedoch aufgrund ihrer Inhalte die meisten Fragen auf. Waren in den anderen Depots verschiedene Waffen und Güter vergraben worden, welche die auszurüstenden Gruppen zu unterschiedlichsten Aktionsarten befähigt hätten, so waren diese Lager ausschließlich für das Heranführen von Unterstützung – Mensch und/oder Material – eingerichtet. Dementsprechend fand sich auch keine einzige Waffe, auch keine der sonst üblichen Ausrüstungsgüter in diesen Depots, sondern lediglich Gaslampen und jeweils ein Funkfeuersender. Besonders markant ist, die Bedienungsanleitung für diese Geräte waren nicht in Englisch, sondern in Deutsch formuliert.18 Die Sender vom Typ AN/URC-4 sind Fernmeldegeräte, welche das sogenannte „Homing“ von Flugzeugen ermöglichen. Das Gerät sendet ein bestimmtes Erkennungssignal, das aus der Luft angepeilt werden kann, aus und kann somit den Anflug eines Flugzeuges leiten. Das Gerät bleibt solange in Betrieb, bis die Annäherung auf Hörweite fortgeschritten ist. Zu diesem Zeitpunkt werden die Gaslichter aktiviert, die in einer Kreuzformation aufgestellt wurden und somit eine Absprung- oder Abwurfzone markierten. Interessant wiederum, dass auf ein elektrisches Lichtsystem, obwohl praktischer, erneut verzichtet wurde. Für jede Lampe sah man eine eigene Gaskartusche – sie stammen übrigens von der Firma Flaga in Wien – vor.

Die Art der Zusammensetzung bzw. Befüllung sowie die jeweils verwendeten Waffentypen lassen nunmehr eine Unterteilung der sechs Lagerkategorien in drei Gruppen zu, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht nur zu unterschiedlichen Zeitpunkten angelegt, sondern vermutlich auch für ein voneinander abweichendes taktisches Konzept vorgesehen wurden:

Das älteste Lager ist wahrscheinlich das bei Gußwerk/Mariazell angelegte größte Waffendepot mit rund 140 Feuerwaffen, vier MGs A6, sechs 60 mm Bazookas und drei 60 mm Granatwerfern. Die Masse der Ausrüstung lässt darauf schließen, dass hier offensichtlich eine komplette Infanteriekompanie mit drei „rifle-platoons“ und einem „mortar-platoon/squad“ ausgerüstet werden sollte – in keinem der übrigen Lager konnten Granatwerfer und mittlere Maschinengewehre festgestellt werden.

Für das frühe Entstehungsdatum spricht vor allem die Verwendung der bereits zu Beginn des Koreakrieges als unbrauchbar erwiesenen 6 cm-Panzerabwehrrohre,19 sowie die zusätzliche Deponierung von Verpflegung (C-Rationen). Gleichzeitig ist bei diesem Lager nicht nur seine ungewöhnlich weit in der britischen Zone liegende Position besonders auffällig, sondern auch, dass das Depot sehr nah an bzw. sogar in bewohntem Gebiet angelegt wurde. Eine Eigenheit, die insbesondere für die bereits geborgenen britischen Waffenlager kennzeichnend gewesen ist. Inwieweit der Nähe zur Wiener Hochquellenwasserleitung besonderes Augenmerk beigemessen wurde, bleibt unklar.

In einen ähnlichen Entstehungszeitraum dürften auch die beiden unbezeichneten Lagertypen (8-10- und 20-25-Mannlager) fallen. Die kleineren könnten möglicherweise für die Ausrüstung einer Schützengruppe in der Stärke von ca. neun Mann konzipiert gewesen sein, wobei jedoch die für eine reine Infanteriegruppe verhältnismäßig große Sprengstoffmenge von 32 kg sehr ungewöhnlich erscheint. Die größere Depot-Variante mit rund 30 Feuerwaffen unterscheidet sich hinsichtlich des verwendeten Materials maßgeblich vom vorher erwähnten Typ. Fünf Springfield-Gewehre und fünf BAR versetzten diese Gruppe durchaus in die Lage, auch einen rein infanteristischen Feuerkampf führen zu können, obwohl auf eine Panzerabwehrkomponente interessanterweise verzichtet worden war. Die Zahl der Kombattanten wird wohl mit 20 bis 25 Mann anzunehmen sein und orientiert sich möglicherweise gleichfalls an den Gruppenstärken der amerikanischen Infanterie zum Zeitpunkt des Koreakrieges. Das vergrabene Material könnte somit für einen Halbzug/Zug vorgesehen worden sein. Die auch hier vorhandene Sprengstoffmenge von 32 kg ermöglicht zwar gleichfalls pioniertechnische Aktivitäten, sie erscheint im Verhältnis zur infanteristischen Feuerkraft jedoch nicht herausragend.

Die dritte Gruppe umfasst die von den Amerikanern in ihren „cache-inventories“ als 5- und 10-Mann-Lager klar bezeichneten Depots. Eine Besonderheit ergibt sich daraus, dass sich in diesen Lagern die Waffen und Ausrüstungsgüter mit den jüngsten Produktionsdaten befanden, nämlich Mai 1953 (auf C-4-Verpackungen) und Dezember 1953 (auf einer 89 mm – Bazooka). Berücksichtigt man, dass es im Winter 1953/54 aufgrund des gefrorenen Bodens ohnehin nicht möglich gewesen wäre, Erdlager anzulegen, so könnten diese Depots frühestens im Frühjahr 1954 entstanden sein. Der zeitliche Unterschied zeigt sich auch anhand der moderneren Konservierungsmethode. Alle Waffen wurden mit einer Art Harz-Gummi-Verbindung übergossen und damit luftdicht verschlossen; dementsprechend befinden sich diese Stücke in einem einwandfreien Zustand und wären auch noch heute einsatzfähig. In den übrigen Lagern wurden die Waffen mit Ölpapier und Wachstuch umwickelt und zeigten deshalb, wie bei der Bergung festgestellt werden konnte, bereits Korrosionserscheinungen. Die Schwierigkeiten bei den Lagern jüngeren Datums liegen jedoch darin, die damit auszurüstenden Kombattanten einem Organisationsschema der regulären amerikanischen Armee zuordnen zu wollen. Vor allem die Schalldämpferpistolen und die großen Sprengstoffmengen bei gleichzeitiger sehr effektiver Bewaffnung passen nicht in das Konzept regulärer Gefechtsführung.

All diese Elemente ergeben in militärischer Hinsicht bereits indirekte Schlussfolgerungen. Die amerikanischen Waffenlager dürfen jedoch nicht isoliert von der allgemeinen politischen Entwicklung in Österreich und Europa in den Jahren von 1948 bis 1955 betrachtet werden. Die politischen Systemwechsel vor allem in den sowjetisch besetzten Zonen mussten verständlicherweise auch für Österreich entsprechende Folgen haben. Bereits ab 1949 wurde seitens der US-Army und der CIA die Formierung von Guerillagruppen in ganz Westeuropa, so auch in Österreich und Deutschland, als wichtiger Faktor zur Abwehr politischer Umsturzversuche bzw. zur Behinderung von Invasionsversuchen bestimmt. In der Frühphase des Kalten Kriegs wurden seitens der CIA entsprechende Maßnahmen gesetzt, die unterschiedliche Bereiche umfassen konnten. Ein Großteil dieser „covert operations“ ist unter der Bezeichnung “gladio“ bekannt geworden und beinhalte diverse Aktionen in ganz Westeuropa.20

Für Österreich waren seitens der Amerikaner die militärischen Planungen unter der Bezeichnung „Pilgrim“ ausgearbeitet worden, die im Falle einer sowjetischen Aggression den sofortigen Rückzug der US-Streitkräfte aus österreichischem Gebiet vorsahen. Der Vormarsch der sowjetischen Truppen sollte aber durch einheimische Partisanengruppen mittels Zerstörung von Kommunikations- und Bewegungslinien sowie logistisch nutzbarer Infrastruktur verzögert und behindert werden.21 Damit ergeben sich nunmehr die ersten Ansätze über den möglichen Verwendungszweck der US Waffendepots in Österreich. Dass das vergrabene Material weniger im Rahmen einer innenpolitischen Auseinandersetzung eine Rolle spielen sollte, als vielmehr in einem Szenario eines bewaffneten Konflikts zwischen den beiden Machtblöcken scheint damit wahrscheinlich. Zudem ist anzumerken, dass durch die Stärkung antikommunistischer Teile der Arbeiterschaft, später als „Sonderprojekt“ des Gewerkschaftsführers Franz Olah bekannt geworden, ohnehin bereits ein ernstzunehmender innerer Stabilitätsfaktor gegenüber potentiellen kommunistischen Umsturzversuchen erzielt worden war.22

Wenn damit auch die grundsätzliche Ausrichtung der Waffendepots, nämlich Aufbau einer Guerillaorganisation für den Kampf gegen eine etwaige sowjetische Invasions- oder Besatzungsarmee in Westösterreich geklärt scheint, ergeben sich natürlich weitere Fragen. Vor allem der Personenkreis der Kombattanten, also jene Personengruppe, welche die Waffenlager bergen und entsprechende Guerillagruppen formieren sollten, bleibt vorerst unklar. Geht man davon aus, dass die Waffendepots nicht isoliert, sondern parallel zu den übrigen Maßnahmen zur Wiederbewaffnung Österreichs einzuschätzen sind, ergeben sich erste Anhaltspunkte. Im Rahmen der Remilitarisierung Österreichs in den Jahren 1948 bis 1955 ist neben der Gendarmerie und der später aus ihr hervorgegangenen B-Gendarmerie ein Kontingent stärker zu gewichten, als das bisher in der allgemeinen Historiographie vorgenommen wurde. Das so genannte „Aufgebot“, die Erfassung sämtlicher wehrfähigen Männer, meist Veteranen aus dem 2. Weltkrieg, in den westlichen Bundesländern, war als Ergebnis des steigenden amerikanischen Interesses, Westösterreich stärker in die westlichen Verteidigungsplanungen einzubeziehen, zu sehen. Diese ab 1951 entstehende Evidenz österreichischer Wehrfähiger wurde seitens der Bundesländer vorgenommen, erfolgte jedoch ohne Information der entsprechenden Personen selbst. Insgesamt sollen rund 90.000 Mann erfasst worden sein.23 Nachdem für die daraus zu formierenden Verbände weder Waffen, Ausrüstung noch Strukturen vorhanden waren, könnte durchaus der Schluss gezogen werden, dass die Waffendepots zumindest für einen Teil des Aufgebots bestimmt worden waren. Diesem durchaus schlüssigen Ansatz steht jedoch entgegen, dass nach alliierten Planungen im Falle einer tatsächlichen sowjetischen Invasion der Großteil des österreichischen Wehrpotentials evakuiert und erst nach erfolgter Ausbildung zum Einsatz kommen sollte. In diesem Fall wäre die Möglichkeit einer „stay behind operation“ für das Gros des Aufgebots jedoch eher unwahrscheinlich. Zusätzlich kann anhand der Gliederung und des Inhalts der Lager, wie bereits oben erwähnt, nicht ausgeschlossen werden, dass diese eventuell bereits zu einem früheren Zeitpunkt, also noch vor Abschluss der Evidenz des Aufgebots, angelegt worden waren. Auch erscheint es schwer vorstellbar, dass Österreicher, die davon noch nicht einmal persönlich in Kenntnis gesetzt worden waren, im Falle einer sowjetischen Invasion ohne entsprechendes Rahmenpersonal sich selbständig zu Trupps und Gruppen formieren und einen Guerillakrieg beginnen würden. Wer hätte die notwendigen genauen Kenntnisse über die einzelnen Standorte der Lager gehabt und ihre Bergung angeordnet? Somit ist auch die Verbindung zwischen Waffenlager und Aufgebot zwar in Teilen denkbar, aber nicht in allen Bereichen schlüssig. Solange keine amerikanischen Originalunterlagen verfügbar gemacht werden können, bleiben die meisten Einschätzungen spekulativ.

Es sollten jedoch all jene Fakten, die als belegbar gelten, dennoch angeführt werden. Als gesichert ist anzunehmen, dass die Waffenlager für Formationen angelegt wurden, die im Rahmen einer West-Ost-Auseinandersetzung den etwaigen Vormarsch sowjetischer Truppen in Westösterreich zu stören und zu verzögern hatten. Damit sind die Lager eindeutig dem Bereich der „stay behind operations“ der US-Army und CIA zuzuordnen. Die unterschiedliche Entstehungsphase der einzelnen Lagertypen erscheint gleichfalls unbestritten und ergibt sich aus den Inhalten der Depots bzw. dem Produktionszeitpunkt einzelner Waffensysteme. Daraus auch grundsätzliche Divergenzen hinsichtlich der Konzeption abzuleiten, erscheint lediglich in Bezug auf die Zusammensetzung der einzelnen Guerillaformationen und der als optimal empfundenen Ausrüstung zulässig, jedoch nicht hinsichtlich etwaiger neu entwickelter Strategien seitens der Amerikaner. Offensichtlich war man von amerikanischer Seite auch durchaus bereit, neue Erfahrungen im Bereich der Guerillakriegsführung zu nutzen und die Befüllung der Lager, insbesondere was die als letzte angelegten 5- und 10-Mann-Lager betrifft, immer wieder anzupassen. Somit können die Lager mit dem jüngsten Entstehungszeitraum auch als die modernsten erachtet werden.

Die Frage, ob es sich bei den mittels dieser Lager auszurüstenden Kombattanten um Österreicher gehandelt hätte, kann anhand der vorgefundenen Materialien eindeutig bejaht werden. Die wenigen in den Lagern vorgefundenen schriftlichen Unterlagen waren in deutscher Sprache abgefasst, wobei die Qualität der Übersetzungen teilweise sehr zu wünschen lässt und improvisiert erscheint. Entscheidender ist jedoch die Frage, ob allein Österreicher diesen Guerillaformationen angehört hätten oder durch amerikanische Kader bzw. Spezialkräfte verstärkt worden wären. Ein Umstand, der vor allem hinsichtlich des notwendigen Fachwissens, insbesondere im Bereich Sprengtechnik, aber auch im Hinblick auf Guerillataktik selbst, unbedingt notwendig erscheint. Dies stößt insofern auf besonderes Interesse, nachdem ab dem Jahr 1953 eine amerikanische Sondereinheit, die 10. Special Forces Group, in Bad Tölz, also in relativer Nähe zur österreichischen Grenze, stationiert wurde.24 Im Verlauf ihres Aufenthaltes wurden von dieser Einheit Guerillakriegsführung und der Aufbau von Widerstandsorganisationen hinter feindlichen Linien teilweise sogar unter Miteinbeziehung der dort ansässigen Bevölkerung geübt. Vor allem das in den 5- und 10-Mann-Lagern befindliche Material entspricht weitgehend dem Material der US Special Forces Mitte der 50er Jahre. Nachdem im Rahmen dieser Manöver auch „vorbereitende Maßnahmen“ zur Anwendung kamen, ergeben sich daraus durchaus ernstzunehmende Parallelitäten.25 Das würde, ähnlich wie auf den Philippinen während des 2.Weltkrieges bzw. später in Ostasien während des Vietnamkrieges, bedeuten, dass mittels dieser Waffendepots die Bildung einheimischer, also österreichischer Widerstandsgruppen, mit amerikanischen Kadern vorbereitet wurde. Dennoch muss aber auch in diesem Fall davon ausgegangen werden, dass im Bereich der österreichischen politischen Verantwortungsträger bzw. innerhalb der sich entwickelnden militärischen Strukturen in Österreich sehr wohl Kenntnisse von dieser „covert operation“ vorhanden gewesen sein müssen. Die Waffenlager lediglich als isolierte Aktion des CIA bzw. der US-Army einzuschätzen erscheint mehr als zweifelhaft. Trotzdem muss abschließend dezidiert festgehalten werden, dass all diese Einschätzungen fast ausschließlich spekulativen Charakters sind, die zwar zugegebenermaßen hinsichtlich ihrer Rahmenbedingungen und der zum gegenwärtigen Zeitpunkt bekannten US-Dokumente durchaus schlüssig erscheinen, jedoch ohne die Veröffentlichung weiterer amerikanischer Quellen kaum verifiziert werden können. Bis zu diesem Zeitpunkt werden die ehemaligen US-Waffendepots wohl mehr Fragen zur österreichischen Nachkriegsgeschichte aufwerfen als beantworten.


1  Schadwasser Johann, Planungsphase und technische Durchführung der Bergungen. In: Rauchensteiner Manfried, Ham Claudia (Hg.), Sorry guys, no gold, Wien 1998, S. 70.

2  Cede Franz, Die rechtlichen Aspekte der US-Waffendepots in Österreich. In: Rauchensteiner Manfried, Ham Claudia (Hg.), Sorry guys, no gold, Wien 1998, S. 6 f.

3  Cede Franz, Die rechtlichen Aspekte der US-Waffendepots in Österreich. In: Rauchensteiner Manfried, Ham Claudia (Hg.), Sorry guys, no gold, Wien 1998, S. 7.

4 G. Bock, W. Weigel, Handbuch der Faustfeuerwaffen, Melsungen 1989. S. 186 f.

5 Die Bezeichnung „grease-gun“ ergab sich aufgrund ihres ungewöhnlichen Aussehens, der Lauf ragt wie eine Düse aus dem zylindrischen Gehäuse hervor und erinnert dadurch an eine Fettspritze.

6 Department of the Army. Manual FM 23-41. Submachine Guns Caliber .45 M3 and M3A1, Washington 1957.

7 I. Hogg, J. Weeks, Military smallarms of the twentieth century, London 1973. S. 4.40 f.

8 War Department Technical Manual TM 9-1270. Ordnance Maintenance U.S. Rifles, Cal. .30, M1903, M1903A1, M1903A3 and M1903A4, Washington 1944.

9 R. Lidschun, G. Wollert, Infanteriewaffen gestern (1918-1945),Berlin 1991. Bd.2, S.546 f.

10 I. Hogg, J. Weeks, Military smallarms of the twentieth century, London 1973. S. 5.71 ff.

11 R. Lidschun, G. Wollert, Infanteriewaffen gestern (1918-1945),Berlin 1991. Bd.2, S. 576 ff.

12 Die britische Schalldämpferpistole Welrod. In: Waffenrevue Nr.28, Schwäbisch Hall 1978. S. 4417-4431.

13 Department of the Army Field Manual FM 5-25. Explosives and Demolitions, Washington 1954.

14 Department of the Army Technical Manual TM 9-1946, Demolition Materials, Washington 1955. S. 29.

15 ebda. S. 31.

16 Department of the Army Technical Manual TM 9-1946, Demolition Materials, Washington 1955. S. 108 f.

17 ebda. S. 98.

18 Vgl. dazu Blg.

19 S. L. Mayer (Hrsg.), Kriege des 20. Jahrhunderts. I. und II. Weltkrieg, Korea, Vietnam, Naher Osten, o.O., o.J. S. 462.

20 Simpson Christopher, Gladio-type guerilla operations in Austria. A Report, o.O. 1990, S. 2.

21  Allied Plans in Event of Soviet Aggression, Headquarters US Forces Austria to Joint Chiefs of Staff vom 11. Mai 1949. In: Simpson Christopher, Gladio-type guerilla operations in Austria. A Report, o.O. 1990, Beilage 5.

22  Vgl. dazu: Blasi Walter, Die B-Gendarmerie 1952 – 1955, Wien 2002, S. 18.

23  Vgl. dazu: ebda.

24 ebda. S. 19-26.

25 Vgl. dazu auch: L. Thompson, De Opresso Liber. The Illustrated History of the US Special Forces, Colorado 1987; T. White, Swords of Lightning. Special Forces and the changing face of warfare, London 1992.

M. Christian Ortner

M. Christian Ortner

Direktor HR Mag. Dr. M. Christian Ortner, ObstdhmfD

Ich bin seit 1995 am Heeresgeschichtlichen Museum in Wien tätig, vorerst als Referats- und Sammlungsleiter „Militärtechnik“ (zuständig für Marine, Luftfahrt, Waffenwesen, Artillerie, Munitionswesen, Harnische, Festungswesen, Modelle, militärische Optik etc.) sowie in weiterer Folge als Leiter der Museums- und Sammlungsabteilung. Seit 2007 bin ich Direktor des HGM/MHI.

Einer meiner Forschungsschwerpunkte ist "Österreich-Ungarn 1848 bis 1918".

Zusätzlich bin ich Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Ordenskunde (ÖGO), der Österreichischen Gesellschaft für Heereskunde, des International Committee of Museums and Collections of Arms and Military History (ICOMAM), bin Mitglied der Österreichischen Kommission für Militärgeschichte (CAHM) und Stv. Vorsitzender des Militärhistorischen Beirats der Wissenschaftskommission beim BMLV.

Preisträger des Werner-Hahlweg Preises für Militärgeschichte 2008
Verleihung des Civil Servant of the Year 2012

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