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Nach der Schlacht

In der Kunstgruppe des k.u.k. Kriegspressequartiers (KPQ), das direkt dem Armeeoberkommando unterstellt war, fanden im Verlauf des Ersten Weltkriegs rund 430 Kriegsmaler Beschäftigung. Viele davon waren schon vor dem Krieg anerkannte Künstler, andere entdeckten ihr Talent erst angesichts ihres Einberufungsbefehls im Winter 1914/15, also zu jener Zeit, als die k.u.k. Armee nach den aufreibenden Kämpfen an der Balkan- und Ostfront die schier unglaubliche Zahl von 1,268.696 Verlusten an Toten, Verwundeten, Kriegsgefangenen und Erkrankten zu verzeichnen hatte. Um dem Kriegsdienst in einer der als Personalersätze nunmehr an die Front geschickten sogenannten Marsch- und Landsturmformationen (diese waren für ihren miserablen Zustand sowohl betreffend Ausrüstung als auch Ausbildung sattsam bekannt) zu entgehen, meldeten sich viele kriegsdiensttaugliche Personen zum k.u.k. Kriegspressequartier, sei es als Kriegsberichterstatter, Fotograf, Theatermime oder eben als Kriegsmaler. Von ihren Kameraden der kämpfenden Truppe wurden sie dafür stets als „Drückeberger“ und „Feiglinge“ scheel beäugt. Um ihren relativ sicheren Posten im KPQ (nur ein einziger Kriegsmaler kam im gesamten Kriegsverlauf ums Leben) auch zu behalten, arbeiteten sie ungeheuer produktiv: Alleine bis Februar 1918 wurden rund 9.000 Werke in 33 Kriegsbilderausstellungen präsentiert. Unter diesen Gemälden, Grafiken und Skulpturen findet man heute nur sehr selten eine kriegskritische Darstellung. Die Zensur war streng, das Damoklesschwert, zur kämpfenden Truppe versetzt zu werden, allgegenwärtig. Jene Künstler, die es dennoch wagten, auch kriegskritische Arbeiten vorzulegen, waren nur selten anzutreffen. Einer davon war Roland Strasser, der bei Kriegsausbruch 1914 erst 22 Jahre alt war und als einer der ersten Kriegsmaler ins KPQ kommandiert wurde. Als Sohn des berühmten Bildhauers und Malers Arthur Strasser (1854-1927), der u. a. auch die Marc-Anton-Plastik bei der Wiener Secession geschaffen hatte, konnte Roland die besten Referenzen aufweisen. Auch studierte er bereits an der Wiener Akademie bei Josef Jungwirth (1869–1950) und ab 1911 an der Münchener Akademie bei Angelo Jank (1868-1940).

Unter dem Eindruck der gewaltigen Verluste der k.u.k. Armee malte Strasser wohl im Winter 1914/15 das Gemälde „Nach der Schlacht“, welches die triste Situation, insbesondere der Kavallerie, in diesem Fall der Dragoner, eindrucksvoll wiedergibt. Vor dem Krieg wurde die farbenprächtige k.u.k. Armee gerne auf schneidigen Paradeplätzen oder auf weitläufigen Manöverfeldern gezeigt, die in prachtvolle Landschaften eingebettet waren. Diese Zeiten waren nun vorbei, Strasser zeigt seine Szenerie auf einem matschigen Erdhaufen.

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Roland Strasser (1892-1974): „Nach der Schlacht“, signiert „Roland Strasser“, undatiert (1914/15), Öl auf Leinwand, 209 x 260 cm (HGM)

In der Bildmitte kauert ein Dragoner, noch zu Kriegsbeginn in prächtiger Adjustierung, trägt er nunmehr seinen Helm im grauen Tarnanstrich, während er ein kärgliches Mahl verzehrt. Seine Physiognomie ist von Resignation geprägt. Im Bildvordergrund sitzt sein am Fuß und Kopf verwundeter Kamerad, der durch seine Kopfhaltung den Blick des Betrachters zur Bildmitte lenkt und so als Repoussoirfigur fungiert. Um die beiden Vordergrundfiguren liegen u. a. diverse Ausrüstungsgegenstände, leere Essgeschirre und Dosen sowie auch ein in der Mitte durchgebrochenes Gewehr verstreut. In der linken Bildhälfte steht ein voll adjustierter, gegen die Kälte vermummter Soldat, mit dem auf dem Rucksack aufgeschnallten Signalhorn, der mit seiner Körperhaltung den Betrachter auf die schaurige Szenerie im Hintergrund lenkt: Ein voll beladener Leichenkarren, der aus der Bildkomposition von abgemagerten Pferden hinausgezogen wird; davor ein Haufen Stiefel, die man den Toten ausgezogen hat, um sie wiederverwenden zu können. Im Hintergrund finden wir noch einen einzelnen Reiter, ebenfalls auf einem abgemagerten Pferd. Von den sonstigen, einst so prächtigen Rössern der als besonders traditionsreich geltenden k.u.k. Kavallerie ist auf diesem Bild nichts mehr zu sehen. Die unzulängliche Anpassung an ein zeitgemäßes Kriegsbild trat ja noch vor allen anderen Truppengattungen gerade bei der Kavallerie offen zu Tage. Dragoner, Husaren und Ulanen zogen in ihren bunten Friedensuniformen in den Krieg, obwohl die Zeit der Schlachtenkavallerie längst vorbei war. Ihre Attacken scheiterten an der überlegenen Feuerkraft russischer Geschütze und Maschinengewehre, führten zu hohen Verlusten und zwangen die einst so stolzen Kavalleristen in die Schützengräben. Die monumentale Darstellungskomposition Strassers zeigt somit, schonungslos auf das Wesentliche reduziert, was Krieg ist: Tod, Leid und Not. Von Prunk und Pracht ist nichts mehr zu sehen. Das Gemälde ist eines der zentralen Werke der Dauerausstellung zum Ersten Weltkrieg im Heeresgeschichtlichen Museum und befindet sich im chronologischen Rundgang beim Jahreswechsel 1914/15. Es symbolisiert gleichsam das Ende der „alten“ k.u.k. Armee.

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Roland Strasser: „Vormarsch zum Tonale“, signiert und datiert "Roland Strasser Tonale 18", Öl auf Leinwand, 89 x 130 cm (HGM)

Strasser malte im weiteren Kriegsverlauf an verschiedenen Schauplätzen, u. a. an die Südfront, wo er 1918 den „Vormarsch zum Tonale“ malte, wiederum eine Szenerie mit gefallenen Soldaten im Vordergrund. Nach dem Krieg betätigte sich Strasser als Jugendbuchillustrator und Lithograf für die Gesellschaft für vervielfältigende Kunst. Danach absolvierte er eine Reihe von Studienreisen, u. a. nach Siam, Java, Neuguinea, China, die Mongolei und Tibet.

Im Herbst 1924 ließ sich Strasser in London nieder und stellte im selben Jahr erfolgreich aus. Über den Winter 1924 hielt er sich in Indien auf, im Frühjahr 1925 überstieg er den 6.000 Meter hohen Kulapass im Himalaya, um wieder nach Tibet zu gelangen. Ende des Jahres 1925 hielt er sich erneut in der Mongolei auf und unternahm Fahrten in die Provinz Kobdo. Dort wurde er von russischen Besatzungssoldaten der Spionage verdächtigt und verhaftet. Nach seiner Freilassung schlug sich Strasser durch die Wüste Gobi nach China durch, wo er in Peking von aufständischen Soldaten Tschangsolins ausgeplündert und um das gesamte künstlerische Ergebnis seiner Reise gebracht wurde. Im August 1927 kehrte Strasser schließlich nach Wien zurück, übersiedelte gleich darauf aber wieder nach London, wo er bis 1952 wirkte. Danach zog er nach Santa Monica in Kalifornien, wo er 1974 starb.

Walter Kalina

Walter Kalina

OR Dr. Walter Kalina
Ich bin Kunsthistoriker und Historiker sowie Sammlungsleiter Kunst im Heeresgeschichtlichen Museum. Gemeinsam mit meinen sieben Mitarbeitern bin ich für die Verwaltung aller Objekte mit kunsthistorischem Bezug wie Gemälde, Druckgrafiken, Aquarelle und Handzeichnungen, Skulpturen und Plastiken sowie Miniaturen zuständig. Dies umfasst u. a. Ausstellungswesen, Leihverkehr, Akquisition, Konservierung, Restaurierung und Depotwesen. Weiters bin ich referatsübergreifend auch für die Provenienzforschung im Sinne des Bundesgesetzes über die Rückgabe von Kunstgegenständen (BGBl. I, 181/1998) verantwortlich. Darüber hinaus liegen meine Forschungsinteressen in der Kunst- und Militärgeschichte der Frühen Neuzeit, besonders des Dreißigjährigen Krieges; sowie der Kunst des Ersten Weltkrieges mit dem Schwerpunkt Kriegsmaler im k.u.k. Kriegspressequartier.

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