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Der „Pumhart von Steyr“

Der im Heeresgeschichtlichen Museum aufbewahrte „Pumhart von Steyr“ zählt grundsätzlich zur Gattung mittelalterlicher Riesensteinbüchsen und ist – zieht man das Kaliber als bestimmenden Parameter heran – die größte der Welt. Nicht zuletzt aufgrund seiner besonderen Eigenart, vor allem aufgrund der für ein mittelalterliches Geschütz so eindrucksvollen Dimensionen, stand der Wiener Mörser bereits seit seiner ersten Nennung in einem frühneuzeitlichen Inventar im Mittelpunkt kaiserlicher Artillerieparks.

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Der „Pumhart von Steyr“ in der Artillerie-Halle

Gleichzeitig muss aber konstatiert werden, dass sich um den Entstehungszeitpunkt sowie die Festlegung des Herstellungsortes zahlreiche unterschiedliche Legenden und sogar Mythen entwickelten, welche sogar den Weg in wissenschaftliche Publikationen gefunden haben. So legt etwa Freiherr v. Leber in seiner Darstellung über die Geschichte des Wiener kaiserlichen Zeughauses die Provenienz des Mörsers mit dem Jahre 1529 fest, als – während der Wiener Türkenbelagerung – das Geschütz von den Türken vor den Toren Wiens zurückgelassen wurde. Dadurch kam, so Leber, der Mörser, welcher in „früheren Zeiten“ selbst von den Türken geraubt worden sei, wieder in kaiserlichen Besitz. Dass diese historische Zuordnung wohl eher in den Bereich einer Legende einzuordnen ist, wird dadurch dokumentiert, dass sich im türkischen Belagerungsartilleriepark vor Wien im Jahre 1529 bekanntlich keine derartigen Riesengeschütze befunden haben. Einen Beleg für diese Einschätzung bleibt Leber in seiner Darstellung schuldig, gleichfalls auch hinsichtlich des Produktionsortes, den Leber mit der heute in Oberösterreich liegenden Stadt St(e)yr festlegt.

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Konstruktionszeichnung des Inneren Aufbaus des "Pumhart von Steyr"
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Flug und Kammer

Bevor eine historische Zuordnung erfolgen kann, erscheint es notwendig, das Geschütz in seiner Fertigung und Konstruktion näher zu beleuchten, zumal sich dadurch bereits erste Ansätze seiner historischen und technischen Würdigung ergeben. Der Mörser besteht aus zwei Hauptbestandteilen, dem sogenannten „Flug“ und der „Kammer“.

Bei der Herstellung wurde das im Spätmittelalter bereits gebräuchliche „Stab-Ring-Verfahren“ angewendet, vor allem deshalb, da bei größerkalibrigen Geschützen aufgrund der besonderen Dimensionen der Flug bzw. die Kammer nicht aus einem Stück geschmiedet werden konnten. Beim Stab-Ring-Verfahren wird der Flug aus im Querschnitt rechteckigen Eisenstäben gebildet, deren Dimensionierungen der Länge des Fluges entspricht.

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Doppelte Lage von Stäben (Staves) und Ringen (Hoops)

In der Regel wurden diese Stäbe um einen hölzernen Dorn angeordnet, welcher dem Inneren des gedachten Fluges weitgehend entsprach. Über die in dieser Weise meistens mit Seilen befestigten Stäben zog man in weiterer Folge schmiedeeiserne Ringe auf, welche – um die Stäbe gelegt – an beiden Enden miteinander verschmiedet wurden. In heißem Zustand aufgebracht, schrumpften die Ringe beim Erkalten zusammen, sodass die innen liegenden Stäbe unter hohem Druck zusammengepresst wurden. In weiterer Folge wurden dann sowohl im Fluginneren als auch außen mechanische Begradigungsarbeiten vorgenommen sowie die Eisenstäbe an der Mündung umgebördelt. Dadurch wurde das Projektil beim Verlassen des Flugs nicht behindert.

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Innere Lage der Stäbe

Als interessantes Detail kann noch angeführt werden, dass der von der Mündung her gerechnete elfte Reifen zusätzlich an jedem siebenten bzw. achten Längenstab angenietet wurde. Zwischen die rückwärts ca. 20cm überstehenden Längsstäbe wurde dann in weiterer Folge ein geschweißter Flugboden eingetrieben, wobei die viermalige Vernietung mit den Stäben eine Lockerung insbesondere des erwähnten elften Reifens verhinderte. Die zylindrische Kammer ist nicht aus einem Stück geschweißt, sondern gleichfalls aus Ringen gefertigt. Um die Verbindung zwischen Flugboden und Kammer zu gewährleisten, wurden weitere 32 rund einen Meter lange Stäbe gelegt und von einer zweiten, von unten her aufgetriebenen Reifenlage an die Flugwand gepresst. Gerade diese zweite Stab-Ring-Lage kennzeichnet die hohen konstruktiven und fertigungstechnischen Fähigkeiten der steirischen Schmiedetechnik des 15. Jahrhunderts. Zur festen und doch elastischen Kammer-Flug-Verbindung wurden die rückwärts überstehenden Stabenden der äußeren Stablage des Fluges an der Kammer befestigt. Die am Vorderende klauenartig am ersten Innenreifen verankerten Längsstäbe wurden mit jedem zweiten Stab um die Außenweite des Flugbodens an die Kammer gebogen und durch drei von unten her aufgetriebene Ringe fixiert. In ähnlicher Weise wurde die zweite Hälfte der Langstäbe sodann auf die Ringlage niedergebogen und durch weitere drei aufgetriebene Schrumpfringe festgehalten. Die vorstehenden Enden der zweiten Lage wurden, ähnlich wie an der Mündung, durch klauenartiges Umbiegen am letzten angetriebenen dritten Ring fixiert. Über das rückwärtige Kammerende wurde nun ein aus sieben untereinander verschweißten Ringen gebildeter Mantel aufgezogen. Der Kammermantel dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit heißt aufgezogen worden sein, da sich im Zündloch durch Schrumpfung eine erkennbare Stufe herausgebildet hat. Der äußere Stoßbogen wird von einer in den Kammeraußenmantel geschweißten Platte gebildet, welche im kritischen Querschnitt, also genau dort, wo bei der Zündung der Pulverladung der stärkste Druck zu erwarten ist, durch eine dritte Ringlage verstärkt wurde. Diese wurde im Unterschied zu den sonstigen Ringen kalt übergestreift und durch Doppelkeile fixiert.

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Haus- bzw. Schmiedemarke

Hinter dem Zündloch, welches mit einem konvex geformten Dorn eingeschlagen worden sein dürfte und daher trichterförmig verläuft, befindet sich eine Haus- bzw. Schmiedemarke, die primär auf die steirische Ortschaft Vordernberg hindeutet. Die erwähnte Marke ist bereits in Leinbach und Reiffling im Jahre 1262 belegt und weist sie als Zeichen eines Peter Schachner aus.

 

In weiterer Folge dürfte die Marke auch bei einem in Innerberg befindlichen Werk verwendet worden sein, wobei die Marke unter Umständen durch ein anderes Familienmitglied der Familie Schachner mitgenommen worden sein könnte. In Vordernberg führte das Radwerk Nr. „14“ gleichfalls die selbe Schmiedemarke, wobei sich wiederum ein Bezug zur Familie Schachner bzw. einen etwaigen Nachfolger herstellen lässt. In beiden Fällen, also sowohl Innerberg als auch Vordernberg, ergibt sich der Schluss, dass die Marke daher nicht in der Stadt Steyr, sondern im 15. Jahrhundert in zwei Ortschaften der Steiermark zu finden war.

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Radwerk Nr. „14“ in Vordernberg der Familie Schachner

Untersucht man die Konstruktion sowie die Fertigungstechnik, zieht auch noch das Verhältnis von Flug und Kammer in Betracht, so ist die Entstehung des Mörsers gleichfalls in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts anzusiedeln. Gerade in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts nahm das steirische (heutige Steiermark) Eisenwesen einen enormen Aufschwung. Mittels durch Wasserkraft angetriebenen Gebläsewerken konnte die Erzausbeute rationeller gestaltet und die Produktion erhöht werden. Durch die Einführung großer Hammerwerke war man auch in der Lage, die bis dato sehr großen Eisen-Stahlgemischkuchen direkt zu verarbeiten, sodass sich auch der Arbeitsvorgang zeitlich reduzierte. Diese neuen Produktionsmethoden führten dazu, dass die Produkte der Innerberger und Vordernberger Gewerkschaften effizienter und kostengünstiger hergestellt werden konnten, was sich dementsprechend auch auf die Preise der fertigen Produkte auswirkte. Dies hatte aber wiederum zur Folge, dass die übrigen Produktionsstätten unter erheblichen finanziellen Druck gerieten und sich beim Landesfürsten bezüglich der „modernen“ Fertigungsmethoden beschwerten.

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(Erz-) Herzog Ernst der Eiserne (1377-1424)

Österreich wurde zu diesem Zeitpunkt von Herzog bzw. in weiterer Folge Erzherzog Ernst dem Eisernen (geboren 1377 gestorben 1424) aus dem Geschlecht der Habsburger regiert. Nachdem die Kritiker der neuen Fertigungsmethoden wohl auch die Qualität der Produkte in Zweifel zogen, könnte es durchaus möglich gewesen sein, dass man sich in Innerberg/Vordernberg dazu durchrang, ein „Monstergeschütz“ zu produzieren, um sowohl die Leistungsfähigkeit als auch die hohe Qualität unter Beweis zu stellen.

Dieser Datierungsversuch scheitert jedoch insofern, als sich auf der Kammer neben der Schmiedemarke auch ein Wappen in Bindenschildform befindet.

Bekanntlich wurde von Herzog/Erzherzog Ernst dem Eisernen jedoch der Bindenschild niemals geführt, sodass die Datierung der Produktion vor dem Tod Ernst des Eisernen, also 1424, als unwahrscheinlich gilt. Zusätzlich ist anzuführen, dass sich nach dem Tod des Herzogs die Streitigkeiten innerhalb der Eisenerz-Gewerkschaften bedeutend steigerten, um eine Rückkehr zu den alten Fertigungsmethoden zu erreichen. Dass dies nicht im Sinne der Innerberger bzw. Vordernberger Produzenten stand, ist mehr als verständlich.

Als Erzherzog Friedrich V. von Österreich war er letztlich als Landesfürst für eine weitgehende Ordnung des Eisenwesens verantwortlich, das er schließlich im Jahr 1448 im Rahmen einer neuen Eisenordnung auch durchsetzte. Friedrich stellte sich darin den erneuerten Produktionsmethoden nicht entgegen, sondern genehmigte sie.

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Kaiser Friedrich Ill (1415-93)

Gleichfalls ist auffällig, dass er als Kaiser Friedrich III. bei den meisten seiner bildlichen Darstellungen bereits jenen Bindenschild führt, der sich gleichfalls auch auf der Kammer des Pumhart von Steyr befindet. Damit scheint mehr als wahrscheinlich, dass der Riesenmörser nicht Herzog Ernst dem Eisernen, sondern seinem Sohn, Friedrich V./III. zum Geschenk gemacht wurde, um ihm die Vorteile der Modernisierung der Produktionsmethoden augenscheinlich zu machen. Dadurch verschiebt sich verständlicherweise auch der Produktionszeitpunkt des Mörsers, der somit wohl um das Jahr 1448 (neue Eisenordnung), wahrscheinlich jedoch einige Jahre davor, anzusiedeln ist.

Der in der ursprünglichen historischen Einschätzung hergestellte Bezug zur Stadt Steyr dürfte sich daraus ergeben haben, dass die durch die Schmiedemarke belegte Familie Schachner gleichfalls auch in der Stadt Steyr bekannt gewesen und durch Ausübung eines landesfürstlichen Verwaltungsamtes auch hochgeschätzt gewesen sein dürfte. In weiterer Folge scheint es also lediglich zu einer Verwechslung von „Steyr“-Stadt und „Steyr“-Land (Steiermark) gekommen zu sein.

Der in der Wiener Zeughaustradition enthaltene Hinweis auf die Rückeroberung des Geschützes aus dem Besitz der Türken könnte gleichfalls auf ein wahres Ereignis Bezug haben, zumal es im Jahre 1479 zu einem Türkeneinfall gekommen ist. Der Umstand, dass der Wiener Mörser unter der Bezeichnung „Hauptbüchse“ bereits im Zeugsinventar des Kaisers Maximilian I. im Jahre 1519 aufscheint, schließt eine Erbeutung während der ersten Türkenbelagerung 1529 gänzlich aus.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass es sich beim „Pumhart von Steyr“ mit Sicherheit um ein nach modernsten Gesichtspunkten produziertes Geschütz des Spätmittelalters handelt. Vor allem die aufgrund der Größe bis dahin kaum zu lösenden Schwierigkeiten bei Konstruktion und Produktion waren durch die modernisierten Fertigungsanlagen bei einigen steirischen Eisenwerke gelöst worden. Ein tatsächlicher kriegsmäßiger Einsatz dieses Geschützes erscheint aufgrund der schwierigen Handhabung bzw. des kaum lösbaren Transports mehr als unwahrscheinlich, gleichfalls haben sich jene im Stoßboden befindlichen Einkerbungen als nachträglicher Musketenbeschuss mehr als 100 Jahre später herausgestellt.

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Einkerbungen durch Musketenbeschuss

Die Zuordnung der Schmiedemarke bzw. die Tätigkeiten der Familie Schachner in Inner- und Vordernberg sowie die Anbringung des charakteristischen Bindenschildes ergeben die wichtigsten Belege für die Festlegung des Herstellungszeitpunktes. Die Datierung wird definitiv nicht vor 1424 anzusiedeln sein. Die Verwechslung von Steyr-Stadt und Steyr-Land sowie die Bezugnahme auf Kämpfe mit den Türken dürften in der traditionellen Überlieferung lediglich verwechselt worden sein und führten schließlich zu den oben genannten Ungereimtheiten.

M. Christian Ortner

M. Christian Ortner

Direktor HR Mag. Dr. M. Christian Ortner, ObstdhmfD

Ich bin seit 1995 am Heeresgeschichtlichen Museum in Wien tätig, vorerst als Referats- und Sammlungsleiter „Militärtechnik“ (zuständig für Marine, Luftfahrt, Waffenwesen, Artillerie, Munitionswesen, Harnische, Festungswesen, Modelle, militärische Optik etc.) sowie in weiterer Folge als Leiter der Museums- und Sammlungsabteilung. Seit 2007 bin ich Direktor des HGM/MHI.

Einer meiner Forschungsschwerpunkte ist "Österreich-Ungarn 1848 bis 1918".

Zusätzlich bin ich Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Ordenskunde (ÖGO), der Österreichischen Gesellschaft für Heereskunde, des International Committee of Museums and Collections of Arms and Military History (ICOMAM), bin Mitglied der Österreichischen Kommission für Militärgeschichte (CAHM) und Stv. Vorsitzender des Militärhistorischen Beirats der Wissenschaftskommission beim BMLV.

Preisträger des Werner-Hahlweg Preises für Militärgeschichte 2008
Verleihung des Civil Servant of the Year 2012

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