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Ölgemälde von Julius Endlweber: „Bürgerkrieg“

Obwohl sich die in der provisorischen Nationalversammlung vertretenen politischen Parteien darin einig waren, dass der neue Staat als liberale, parlamentarische Demokratie verfasst sein solle und sich diese schließlich auch auf die Republik als Staatsform einigen hatten können, war dieser Grundkonsens nicht unumstrittenen. Während es für monarchistische Restaurationsbestrebungen in der ersten Zeit nach dem Krieg kaum Rückhalt gab und diese daher innenpolitisch irrelevant blieben, gelang es radikalen linken Kräften sich unter Bezugnahme auf das in Russland errichtete kommunistische Regime jenseits der Sozialdemokratischen Partei zu organisieren und politischen Druck für eine radikale politische Umgestaltung im Sinne einer sozialistischen Räterepublik auszuüben. Der so hervorgerufene Gegensatz zu den nunmehrigen staatstragenden politischen Kräften und der neuen republikanischen Ordnung entlud sich mehrmals in gewaltsamen Zusammenstößen, deren blutigster jener des 15. Juni 1919 war den Julius Endlweber (1892 – 1947) in seinem Gemälde „Bürgerkrieg“ künstlerisch verarbeitete.

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Julius Endlweber „Bürgerkrieg“, 1919 ©HGM/MHI

Im Gegensatz zu der vom Künstler gewählten Bezeichnung „Bürgerkrieg“ wird dieses Ereignis in der Geschichtsschreibung jedoch ebenso wie von den Zeitgenossen meist als kommunistischer Putschversuch bewertet, denn zumindest der ursprünglichen Zielsetzung nach, sollte mit der Demonstration vom 15. Juni die kommunistische Räterepublik durchgesetzt werden.

Die Agitation für die Errichtung einer Räterepublik und die Anfänge politischer Gewalt in der Ersten Republik

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Egon Erwin Kisch (l.) mit dem späteren Kommandanten der Roten Garde Leo Rothziegel ©HGM/MHI

Treibende Kraft hinter dem politischen Alternativprojekt einer Räterepublik war die Kommunistische Partei Deutsch-Österreichs, die sich am 3. November 1918 formierte. Bereits zuvor war jene Gruppierung entstanden, die als deren bewaffneter Rückhalt für einige Monate einen wichtigen innenpolitischen Machtfaktor darstellte. Ehemalige Soldaten hatten nämlich am 1. November 1918 die „Rote Garde“ gegründet, die für eine radikale Umgestaltung der Gesellschaft nach sowjetischem Vorbild eintrat. Wichtiges Gründungsmitglied war der später als „Rasender Reporter“ berühmt gewordene Egon Erwin Kisch (1885-1948), der im Ersten Weltkrieg nach schwerer Verwundung im Kriegspressequartier tätig gewesen war.

Obwohl diese „Rote Garde“ über nie mehr als etwa 1.000 Mitglieder verfügte und somit materiell ein lediglich moderates militärisches Bedrohungspotential darstellte, wurde zunächst aus politischen Gründen vermieden entschieden gegen sie vorzugehen. Die Sozialdemokraten wollten eine offene, gewaltsame Konfrontation mit den Kommunisten vermeiden, um einer möglichen Spaltung der Arbeiterschaft vorzubeugen. Eine solche hätte den eigenen Alleinvertretungs- und Führungsanspruch unter den Arbeitern gefährden und damit bei diesen tatsächlich zu einer stärkeren Unterstützung des Räteprogramms führen können. Unterstaatssekretär für Heerwesen Dr. Julius Deutsch verfolge daher eine Mischung aus Einbindung und Repression in der Politik gegenüber der „Roten Garde“ und erreichte bereits am 3. November 1918 deren Eintritt in die Volkswehr. Sowohl als Kommandant als auch als Vorsitzender des Soldatenrates konnte Deutsch sozialdemokratische Vertrauensleute durchsetzen.

Dennoch verfielen Angehörige der „Roten Garden“ bereits am 12. November 1918, am Tag der Ausrufung der Republik, auf Waffengewalt, um durch Beschuss des Parlamentsgebäudes, kommunistischen Delegierten den Zutritt zur Nationalversammlung zu ermöglichen und dort die Errichtung einer Räterepublik einzufordern. Da der sozialdemokratische Einfluss innerhalb der „Roten Garde“ zunehmend unter Druck geriet, wurde im Dezember 1918 eine Aufspaltung des bisher von der „Roten Garde“ gebildeten Volkswehrbataillone angeordnet. Die sozialdemokratisch orientierten Gardisten bildeten nun das Volkswehrbataillon Nr. 40 mit Garnison in der Rossauerkaserne, die restlichen kommunistischen Mitglieder der „Roten Garde“ wurden im Volkswehrbataillon Nr. 41 zusammengefasst und in einer leerstehenden Schule im 15. Bezirk untergebracht. Diese eigentliche „Rote Garde“ verfügte nunmehr lediglich noch über etwa 400 Mann.

Die schlechte wirtschaftliche Entwicklung, die schwierige Lage der heimkehrenden Soldaten und die Entwicklungen in den Nachbarländern Bayern und Ungarn, wo Ende März beziehungsweise Anfang April Räterepubliken ausgerufen wurden, stärkten auch in Deutschösterreich die kommunistische Bewegung. Insbesondere ungarische Kommunisten übten dabei durch ideelle, organisatorische und finanzielle Unterstützung großen Einfluss aus. Gleichzeitig erhielten die ungarischen Revolutionäre von österreichischem Boden aus Waffenlieferungen, die auch über den Volkswehrfliegerhorst Wiener Neustadt abgewickelt wurden. Die Forderung nach Unterstützung der ungarischen Räterepublik nutzte Staatssekretär Deutsch geschickt zur weiteren Schwächung der Roten Garde, indem er Volkswehrangehörigen als Einzelpersonen die Ausreise nach Ungarn erlaubte. Die etwa 1.200 Freiwilligen erlitten in den Kämpfen in Ungarn hohe Verluste, nur 200 von ihnen kehrten im Juli zurück, womit die Basis der Unterstützer der kommunistischen Bewegung innerhalb der Volkswehr weiter geschwächt war.

Die schwierige ökonomische Lage und die Kriegsfolgen nährten jedoch den Unmut der Bevölkerung. Eine auf kommunistische Initiative hin organisierte Demonstration löste eine neuerliche Eskalation der Spannungen aus. Heimkehrer, Invalide und Arbeitslose zogen am 17. April vor das Parlament und forderten eine Aussprache mit der Regierung. Das Erscheinen des Staatskanzlers Dr. Karl Renner vermochte die Situation zwischenzeitlich zwar zu beruhigen. Unter die friedlichen Demonstranten hatten sich jedoch auch Bewaffnete gemischt, unter ihnen angeblich ebenso Angehörige der „Roten Garde“. Bei Einbruch der Dunkelheit eröffneten diese das Feuer auf die Sicherheitskräfte, denen die Kontrolle bald entglitt. Volkswehreinheiten wurden zur Unterstützung herangezogen. Entschlossen aber umsichtig vorgehend konnten diese die Demonstration zerstreuen und eine weitere Eskalation verhindern. Die Zusammenstöße hatten sechs Polizisten das Leben gekostet. Mehrere Polizisten, 10 Volkswehrleute und etwa 30 Demonstranten waren verletzt worden. Das Verhalten der Volkswehr fand allerdings in der Öffentlichkeit weitreichende Anerkennung und wurde als Beweis ihrer Loyalität gegenüber der parlamentarischen Demokratie betrachtet. Insbesondere bemerkenswert war die Bewährung des aus dem ehemaligen sozialdemokratischen Flügel der Roten Garde gebildeten Volkswehrbataillons Nr. 40. Der Höhepunkt politischer Gewalt in der Konkurrenz der parlamentarischen Demokratie und des kommunistischen Rätesystems sollte in Deutschösterreich jedoch erst zwei Monate später erreicht werden.

Der „Bürgerkrieg 1919“ – Eskalation der Gewalt zwischen Kommunisten und Regierung

Anhaltender Einfluss der ungarischen Räteregierung auf die österreichischen Kommunisten und die von italienischer Seite nun nachdrücklich eingeforderte Reduktion des Volkswehrstandes bestärkten die Befürworter eines Rätesystems, einige Wochen nach dem Gründonnerstagszwischenfall in neuen Aktionen auf der Straße einen Systemwandel durchzusetzen. Der geplante Abbau der Volkswehr um ein Viertel verunsicherte viele der Soldaten in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit – 28,5 Prozent von ihnen waren ungelernte Industriearbeiter. Am 5. Juni 1919 kam es aus diesem Grund zu einer Demonstration der Volkswehr vor dem Parlament. Trotz Entgegenkommens der Regierung und weitgehender Abschwächung der Maßnahmen, versuchten Kommunisten die Ängste vieler Volkswehrangehöriger zu nutzen, um diese für die eigenen Ziele zu gewinnen. Für den 15. Juni 1919, dem Tag an dem die Reduktion der Volkswehr beginnen sollte, kündigten sie in einer Vielzahl an Plakaten und Flugzetteln eine Massendemonstration in Wien mit dem Ziel der Errichtung einer Räterepublik an. Besonders angesprochen wurden Volkswehrangehörige die bewaffnet erscheinen sollten.


Text des Kommunistischen Aufrufs zur Demonstration am 15. Juni 1919

„Soldaten“! Die Stunde der Befreiung des Proletariats ist da!

Unsere Genossen in der Internationale kämpfen mit allen Mitteln gegen unsere Versklavung durch die Ententenbourgeoisie. Unsere ungarischen und russischen Brüder haben den Militarismus der Entente besiegt! Von uns hängt es ab, ob die Weltrevolution jetzt zum Siege schreiten wird.

Genossen!

Wir haben nichts zu verlieren! Ausgebeutet und ausgehungert durch die Bourgeoisie, sollen wir nun aufs neue unters Joch kriechen, uns wieder für ewige Zeiten an die Maschine fesseln lassen, zu Nutz und Frommen unserer Feinde, der Kapitalisten! Genossen, das darf nicht sein! Entweder wir zerschmettern unsere Gegner oder wir gehen zugrunde!

Wir haben keine Wahl!

Sonntag, den 15.Juni, 10 Uhr vormittags, demonstriert die revolutionäre Arbeiterschaft Wiens für die Errichtung der Rätediktatur, gegen Hunger und Ausbeutung, für die soziale Revolution!

Jeder Volkswehrmann hat die Pflicht, mit der Waffe in der Hand an dieser Demonstration teilzunehmen.

Volkswehrmänner heraus!

Heraus auf die Straße für die Befreiung des Proletariates! Heraus auf dir Straße für die Zukunft der Arbeiterschaft, für die Weltrevolution!

!! Es lebe die Räterepublik Deutschösterreich !!


Über diese offene Agitation hinaus gingen Anweisungen an kommunistische „Initiativkomitees“ innerhalb der Volkswehr, die dafür sorgen sollten, dass diese „dem revolutionären Proletariat“ im Kampf gegen gemeinsame Feinde und bei der Besetzung von Gebäuden beistehen würde. Nachdem diese „Direktiven“ der Regierung bekannt geworden waren setzte diese in der Erwartung eines kommunistischen Putschversuches entschiedene Maßnahmen. Aufrufe der Arbeiter- und Soldatenräte wurden in der Stadt verbreitet, um die geplante kommunistische Aktion als nicht im Interesse der Arbeiterschaft stehend zu diskreditieren. Der Vollzugsausschuss der Soldatenräte verfügte ab 14. Juni 1919 den Verbleib der Volkswehr in den Kasernen. Zudem wurden zuverlässige Volkswehrabteilungen mit dem Schutz wichtiger Regierungsgebäude beauftragt und eine eigene Gruppierung der Volkswehr beim Westbahnhof bereitgestellt, um einzuschreiten falls das Volkswehrbataillon Nr. 41 („Rote Garde“) entgegen ihrem Befehl zur Teilnahme an der Demonstration ausrücken sollte. Die wohl folgenschwerste Maßnahme war allerdings die vom Wiener Polizeipräsidenten Dr. Johann Schober (1874 – 1932) angeordnete und in der Nacht auf den 15. Juni durchgeführte vorübergehende Festsetzung von 122 kommunistischen Führern und Funktionären. Dies gab der für den nächsten Tag angesetzten Demonstration eine neue Stoßrichtung.

Am Vormittag des 15. Juni 1919 versammelten sich etwa 5.000 bis 6.000 Menschen auf dem Rathausplatz – nach Polizeiberichten sollen lediglich 3.000 von ihnen überzeugte Demonstrationsteilnehmer gewesen sein. Sie forderten nun vor allem die Freilassung der kommunistischen Funktionäre. Dies veranlasste die Menschenmasse zum Wiener Landesgericht zu ziehen wo sie die Verhafteten vermutete.

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Die Demonstration vor dem Wiener Landesgericht, 1919 ©HGM/MHI

Als sich die Demonstranten dort dann allerdings vom Landesgerichtspräsidenten und einer in das Gericht eingelassenen kommunistischen Abordnung überzeugen hatten lassen, dass die Gesuchten nicht dort wären, wurde der Weitermarsch in Richtung des „Polizeigebäudes“ an der Rossauer Lände und der nahegelegenen Polizeidirektion am damaligen Standort Schottenring 11 beschlossen. Ein Kordon aus Sicherheitswache (Polizei) und den 1918 gegründeten Stadtschutzabteilungen verlegte den Demonstrierenden den Weg auf den zur Rossauer Lände führenden Querstraßen. In der Hörlgasse kam es zu einer kritischen Situation. Demonstranten versuchten die Linie der Sicherheitskräfte zu durchbrechen, bewarfen diese mit Gegenständen und drängten sie zurück. An der Kreuzung Hörlgasse-Wasagasse fiel dann der erste Schuss – nach offizieller Darstellung von einem jugendlichen Demonstranten auf einen berittenen Sicherheitswachmann abgegeben. Als die Übergriffe auf die Sicherheitskräfte auch nach Abgabe von Warnschüssen mit Knallmunition andauerten, feuerten diese mit scharfer Munition auf die Menschenmenge. Die berittenen Sicherheitswachleute gingen mit blankem Säbel vor. 20 Tote und 80 Schwerverletzte waren die Folge des polizeilichen Waffengebrauchs. Die Freilassung der inhaftierten kommunistischen Führer führte einige Stunden später zur Beruhigung der Lage. Obmann Karl Toman (1884-1950) rief die letzten noch versammelten Demonstranten zur Heimkehr auf.

Das gewaltsame Scheitern des „Putschversuchs“ am 15. Juni 1919 markierte gleichsam Höhe- und Wendepunkt der Agitation für eine Räterepublik in Österreich. Die Volkswehr hatte sich neuerlich als kommunistischen Vereinnahmungsversuchen nicht zugänglich erwiesen. Noch einmal gelang den Kommunisten am 21. Juli 1919 mit der Durchsetzung des Aufrufs zum Generalstreik, mit dem der ungarischen Räterepublik Solidarität ausgesprochen werden sollte, innerhalb der Arbeiterräte ein wichtiger innenpolitischer Erfolg. Dem Aufruf wurde jedoch nur in manchen Städten gefolgt. Ab diesem Zeitpunkt konnten die Forderungen nach einer Räterepublik keine innenpolitisch relevante Dynamik mehr entfalten. Nach dem Sturz der ungarischen Räteregierung am 1. August 1919 entfiel der von dort ausgehende Einfluss und am 27. August erfolgte die Auflösung der „Roten Garde“ (Volkswehrbataillon Nr. 41).  Die bestimmende und bald von politischer Gewalt begleitete innenpolitische Konfliktlinie begann sich jetzt zunehmend in Richtung des Gegensatzes zwischen bürgerlichem und sozialdemokratischem Lager zu verschieben.

Stefan Kurz

Stefan Kurz

MMag. Stefan Kurz
Ich bin Historiker, Politikwissenschafter und Milizoffizier des Bundesheeres. Als wissenschaftlicher Assistent des Direktors ist mein Aufgabengebiet sehr vielfältig und jeweils anlassbezogen mit den verschiedensten musealen Tätigkeiten verbunden. Es erstreckt sich damit u.a. von eigentlichen Assistenzaufgaben, über das Kuratieren von Ausstellungen bis hin zu wissenschaftlichen Arbeiten.
Meine Forschungsinteressen liegen insbesondere in der Militärgeschichte der Habsburgermonarchie des „langen 19. Jahrhunderts“, der Militärdiplomatie und dem Zusammenhang zwischen der Entwicklung des stehenden Heeres und der modernen Staatlichkeit. Aktuelles Forschungsgebiet ist die Geschichte des Heeresgeschichtlichen Museums.

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