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Der Feldzug von 1812

Der Feldzug Napoleons I. (1769 – 1821) in Russland im Jahre 1812 gilt sicherlich aufgrund der damit verbundenen vollkommenen Auflösung seiner „Grande Armée“ („deuxième grande armée“) als größtes militärisches Desaster des genialen Feldherrn und wird aus der rückblickenden Perspektive immer in einem Atemzug mit den Niederlagen Karls XII. (1682 – 1718) im 18. Jahrhundert bzw. der deutschen Wehrmacht im Verlauf des Zweiten Weltkrieges am selben Kriegsschauplatz genannt. Dennoch muss festgestellt werden, dass sich gerade um diesen Krieg auch zahlreiche Mythen und falsche Bewertungen ergeben haben, welche zu einer verflachenden und teilweise auch unrichtigen militärhistorischen Bewertung des Krieges geführt haben.

Hinsichtlich der politischen Rahmenbedingungen bzw. Ursachen des Krieges kann auf bereits länger sich entwickelnde Spannungen zwischen beiden Reichen verwiesen werden. Zum einen stand die durch das französische Kaiserreich („Premier Empire“) errichtete Kontinentalsperre gegen England im Vordergrund, durch welche Napoleon I. England von seinen wichtigsten europäischen Warenzufuhren bzw. Exportmöglichkeiten abzuschneiden trachtete. Diese Blockade hatte aber auch für die Staaten des Kontinents unangenehme wirtschaftliche Folgen, zumal dadurch das europäische Exportwesen erhebliche Einbußen zu verzeichnen hatte. Für Russland waren die wirtschaftlichen Folgen in beiderlei Hinsicht dramatisch, zumal man einerseits auf den Import englischer Industriewaren, zum anderen auf den Export agrarischer Güter angewiesen war. Dass Russland im Holz-, Pech-, Hanf- und Flachsbereich zu diesem Zeitpunkt bereits zum Hauptlieferanten der englischen Flotte aufgestiegen war, macht zwar deutlich, dass Napoleons Kontinentalsperre durchaus auch unmittelbare Auswirkungen auf die militärische Schlagkraft seines Gegners ausübte, aber eben auf Kosten Russlands.[1] Daneben bestanden noch weitere Spannungsfelder, wie etwa die Besetzung des Großherzogtums Oldenburg, welches von einem Schwager Zar Alexanders I. (1777 – 1825) regiert wurde, bzw. die kontinuierliche Verfestigung des Herzogtums Warschau als gegen Russland und Österreich gerichteten Machtfaktor in Osteuropa. Damit war im Grunde genommen bereits ab etwa 1810 von beiden Seiten mit einem Krieg zu rechnen gewesen, wobei beide Staaten durchaus auch an anderen Kriegsschauplätzen mehr oder weniger engagiert waren. Napoleon I. hatte im Jahre 1807 versucht, Portugal in die Blockadepolitik gegen England einzubinden, was schließlich zum „Spanischen Unabhängigkeitskrieg“ bzw. „Peninsular War“ (1807 – 1814) führte. Der Krieg erwies sich aufgrund seiner starken Tendenz zur „Guerillakriegführung“ als für Frankreich überaus verlustreich, ohne eindeutige militärische Entscheidungen zu bringen. Ein Großteil der gedienten französischen Truppen war Ende 1811, Anfang 1812 daher in Spanien gebunden. Russland dagegen stand zu diesem Zeitpunkt gerade in seinem 8. Krieg gegen das Osmanische Reich (1806 – 1812), der mit dem Frieden von Bukarest im Mai 1812 zwar siegreich beendet werden konnte (Erwerb Bessarabiens), doch hatte dieser Konflikt gleichfalls erhebliche Verluste gekostet und große Teile der russischen Armee im Südosten des Reiches gebunden. Zum anderen war im Schwedisch-Russischen Krieg von 1808/09 zwar ein militärischer Erfolg erzielt worden, Finnland wurde ein autonomes, jedoch in Personalunion mit Russland verbundenes Großfürstentum. Dennoch verlangte die schwankende Sicherheitslage eine bedeutende militärische Präsenz in Finnland, die erst in den Jahren 1811 und 1812 durch eine politische Annäherung Russlands und Schwedens kontinuierlich reduziert werden konnte. Damit waren beide Gegner sowohl in militärischer als auch politischer Hinsicht mehr oder weniger anderwärtig gebunden.

Dennoch schien die politische Situation für Napoleon I. durchaus günstiger. Neben dem bereits beschriebenen Herzogtum Warschau, das sich in geografisch und operativ günstiger Lage gegen Russland befand und durch die Bestrebungen des polnischen Adels die alte jagiellonische Staatsidee eines mächtigen polnischen Königreiches zu einem sicheren Bündnispartner Frankreichs machen musste, waren die meisten deutschen Staaten durch den Rheinbund an Napoleon I. gebunden. Lediglich Preußen und Österreich waren dem „System Napoleon“ noch nicht einverleibt worden, wenngleich Preußen durch französische Rüstungskontrolle militärisch nicht ernst zu nehmen und Österreich durch die Niederlagen von 1805 und 1809 erheblich geschwächt worden war.

Für Napoleon I. konkretisierte sich bereits ab 1811 mehr als deutlich die Notwendigkeit, die „russische Frage“ offensiv zu lösen und sein wichtigstes Anliegen, die Durchsetzung der Kontentalsperre, mit militärischen Mitteln durchzusetzen; nach der zu erwartenden russischen Niederlage wären wohl auch territoriale Veränderungen im Osten beabsichtigt gewesen. Die maßgeblichen Rüstungen begannen bereits ab dem Jahre 1811.[2] Dabei fällt aus der heutigen Betrachtung auf, dass sich Napoleon I. der Besonderheiten des Kriegsschauplatzes sowie der daraus abzuleitenden Maßnahmen durchaus bewusst gewesen ist. Das „Hineinstolpern“ in das „russische Wagnis“ – wie in der Literatur oft zu finden – fand definitiv nicht statt. Zum einen waren ihm natürlich die Erfahrungen während des Winterfeldzuges von 1806/1807 östlich der Weichsel und in Polen vollkommen bekannt, zudem versorgte er sich bereits im Frühjahr 1811 mit den wichtigsten literarischen Werken über die in den letzten Jahren stattgefundenen Feldzüge der Russen und Österreicher; auch waren ihm die Darstellungen der Operationen Karls XII. gegen Russland in den Jahren 1708/09 bekannt.[3] Auch waren unmittelbar vor dem Konflikt polnische und französische Offiziere damit beauftragt worden, die Wegverhältnisse jenseits des Njemen zu erkunden. Inwieweit alle diese Erkenntnisse in die Operationsplanungen Napoleons I. tatsächlich Eingang gefunden haben, kann im Detail nicht geklärt werden. Dennoch erscheint die angestrebte Gesamtstärke der für den Feldzug gegen Russland zusammengezogenen „Grande Armée“ zu Operationsbeginn – die Zahlen schwanken hier durchaus, da teilweise Festungsbesatzungen unterschiedlich miteingerechnet wurden, von rund 450.000 Mann (zuzüglich Reserven von ca. 100 – 150.000 Mann) gegenüber einer (in der ersten Phase für operative Aufgaben bereitstehenden) russischen Armee von 200 – 300.000 Mann (Gesamtstärke ca. 440.000 Mann) – überdurchschnittlich stark konzipiert.[4] Auch ist durchaus bemerkenswert, dass sich Napoleon I. hinsichtlich seines Versorgungswesens durchaus von seiner bis dahin gehandhabten Praxis, ausschließlich aus dem Lande zu leben, zu lösen vermochte und für den russischen Feldzug auf ein geregeltes Nachschub- und Transportsystem zu setzen beabsichtigte. So wurden eigene Trainbataillone zur Aufstellung gebracht, deren Fuhrwerksmaterial modernisiert und den erwarteten schlechten Wegverhältnissen jenseits des Njemen angepasst. Insgesamt dürften rund 20 Trainbataillone aufgestellt worden sein, die insgesamt rund 6.000 Fuhrwerke unterschiedlichen Typs mit sich führten. Die Transportleistung wurde mit 120.000 Zentnern oder zwölf Millionen Verpflegsportionen bzw. dem Brotmehlbedarf für 200.000 Mann auf 60 Tage berechnet.[5] Diese militärisch-systemisierte Nachschubkomponente sollte nach Beginn der Operationen noch durch „landesübliche“ Fuhrwerke ergänzt werden, die man in Russland anzumieten hoffte. Während die Produktion der neuen, leichteren Fuhrwerke rasche Fortschritte erbrachte, ergaben sich hinsichtlich der Aufbringung der notwendigen Bespannungen erhebliche Schwierigkeiten, da ja auch noch die Kavallerie und Artillerie mit entsprechendem Pferdematerial zu versehen war. Man entschied sich daher, für den Train auch Ochsen als Zugtiere einzusetzen, die aber, wie sich später zeigte, nicht entsprachen, da sie – viel zu langsam – der Armee nicht folgen konnten und infolge Erschöpfung und Seuchen rasch zugrunde gingen. Letztlich muss auch im Hinblick auf das neue Wagenmaterial festgestellt werden, dass auch die modernen, leichteren Fuhrwerke im sandigen und nassen Boden kaum vorwärtskamen und eine erheblich Anzahl bereits am Marsch von der Weichsel zum Njemen verloren ging.

Damit ist eines der Hauptprobleme der „Grande Armée“ bereits angesprochen – mangelnde Transportkapazitäten. Dabei waren im Vorfeld des Feldzugs – gleichfalls über direkte Einflussnahme Napoleons I. – klare Vorgaben über den Nachschubs- und Verpflegsdienst gemacht worden. Ungeheure Mengen an Versorgungsgütern wurden in den Osten geschafft, als logistisches Zentrum der Armee die an der Weichsel liegende Ostseestadt Danzig bestimmt. Zusätzliche Magazine errichtete man in Thorn, Königsberg, Modlin und Warschau. Allein in Danzig wurden 4,000.000 Zwiebackportionen bereitgehalten sowie 50 Tagesportionen an Hafer für rund 50.000 Pferde. Dem Bedarf an alkoholischen Getränken (vor allem Wein) wurde mit 200 Tagessätzen für 200.000 Mann entsprochen. Auch sonst stapelte sich in den Magazinen erhebliches Versorgungsgut, etwa vier Paar Schuhe für jeden Mann, gleichfalls erhebliche Mengen an Ersatzmonturen und Pelzen. Innerhalb der Regimenter führte man für die Kameradschaften (ca. 8 bis 10 Mann) große Kochgeschirre und auch große Feldflaschen ein, Zelte wurden jedoch – um die Mobilität der Kampftruppen nicht zu beeinträchtigen – lediglich bei einem Korps ausgegeben. Die Durchschnittsbelastung eines französischen Soldaten dürfte inkl. Bewaffnung, Munition und Verpflegung für vier Tage bei rund 30 kg gelegen haben.[6]

Hinsichtlich der nationalen Zusammensetzung der französischen Armee fällt bereits auf, dass sich unter Miteinbeziehung der Verbündeten lediglich 190.000 Franzosen, jedoch 140.000 Deutsche und 34.000 Österreicher in den Reihen Napoleons I. befanden; daneben noch Polen, Italiener, auch Portugiesen und Spanier.[7] Zu diesem Zeitpunkt verfügte Napoleon I. über insgesamt rund 900.000 Mann in ganz Europa, von denen ca. 200.000 in Spanien und 100.000 in Mitteldeutschland standen. Für den Aufbau der „Grande Armée“ waren neben den deutschen Kontingenten des Rheinbundes, denen für die Gewährleistung einer einheitlichen Operationsführung zahlreiches französisches Rahmenpersonal beigestellt werden musste, zahlreiche Neuaushebungen in Frankreich vorgenommen worden; lediglich ein Viertel der französischen Infanterie galt als kriegserfahren. Das Offizierskorps galt als überaus jung, in der Schlacht zwar effektiv und leistungsbereit, für den „unpopulären“ und bürokratischen Etappen- und Nachschubsdienst aber meist ungeeignet.

Die Kavallerie litt bereits während der Aufstellung unter erheblichem Pferdemangel. Die rasche Operationsführung Napoleons I. in den Feldzügen von 1805, 1809 und in Spanien hatte zu einem hohen Pferdeverschleiß geführt, auch ließ der Ausbildungsstand der meisten neu eingestellten Kavalleristen sehr zu wünschen übrig – das große Pferdesterben am Vormarsch nach Moskau war vielfach auf Mängel in der Pferdehaltung zurückzuführen.[8] Die notwendigen Pferdemengen konnten ausschließlich durch Rückgriff auf minderjährige Remonten aufgetrieben werden, deren Kampfwert als unterdurchschnittlich bezeichnet werden musste. Die Hoffnung, die notwendigen Ergänzungen bzw. Ersätze an Pferdematerial im Verlauf der Operationen durch Requisition im Feindesland aufbringen zu können, erfüllte sich letztlich nicht.

Hinsichtlich der Artillerie war die „Grande Armée“ überdurchschnittlich dotiert. Für die erwartete Belagerung von Riga war ein eigener Belagerungsartilleriepark mit 130 schweren Geschützen vorgesehen, dem noch eine zweiter (100 schwere Geschütze) als Reserve folgte. An Feldartillerie führte die Armee rund 1.200 Feldgeschütze mit. Für jedes Geschütz waren ein Munitionswagen unmittelbar und jeweils zwei weitere bei den Munitionsparks vorgesehen. Daraus resultierte, berücksichtigt man auch noch die Genieparks sowie die Kriegsbrückenequipagen, allein für die „technischen Truppen“ eine Gesamtzahl von über 5.000 Fuhrwerken, die aufgrund ihrer Beladung natürlich zu den schwersten Kategorien zählten.

Zusammenfassend kann also festgestellt werden, dass der Feldzug von 1812 von Seiten Napoleons I. sicherlich zu den am besten vorbereiteten zählte. Die maßgeblichen Schwierigkeiten waren erkannt und entsprechende Maßnahmen getroffen worden. Dass der rasche, geradezu hastige Aufbau der Armee auf Kosten des inneren Gehalts der Truppe gehen musste, wurde jedoch unterschätzt. Gerade für den Bereich des Nachschubs und des etappenmäßig organisierten Transportwesens wirkte sich der Umstand fatal aus, dass die besten Soldaten den kämpfenden Einheiten zugewiesen, dem Versorgungswesen, von dem jedoch der Erfolg des Feldzuges abhängig zu machen war, neu ausgehobene Rekruten, Mindertaugliche und Unzuverlässige zugewiesen wurden.

Die russische Armee des Jahre 1812 war ein Ergebnis der unter Kriegsminister Barclay de Tolly (1761 – 1818) im Jahre 1810 eigeleiteten Reformen, die jedoch bis zum Kriegsausbruch noch nicht abgeschlossen werden konnten. Die Dienstpflicht des Soldaten war mit 25 Jahren festgesetzt worden, die notwendigen Rekruten gewann man durch Aushebungen. Es galten jedoch zahlreiche Befreiungen, wodurch wiederum vor allem der ungebildete leibeigene Bauer rekrutiert wurde. Die Rüstungsmaßnahmen Russlands waren im Gegensatz zu Frankreich erst relativ spät begonnen worden, sodass etwa zwölf Linieninfanterieregimenter erst am 1. Mai 1812 komplett neu aufgestellt und auch die Masse der anderen Regimenter erst im Frühjahr 1812 mit unausgebildeten Rekruten auf Kriegsstand gebracht worden waren. Zusätzlich war als „letztes Aufgebot“ auch noch eine Art Miliz vorgesehen worden, die teilweise keine Schusswaffen, sondern Piken führte.

Hinsichtlich der weiteren Rüstungen ist bezeichnend, dass man sich innerhalb der russischen Heerführung wohl über keinen einheitlichen Operationsplan einigen konnte, d. h. ob dem bevorstehenden Krieg nun in offensiver oder defensiver Weise begegnet werden sollte. Diese Unschlüssigkeit hatte zur Folge, dass gerade die Anlage von Befestigungen, vor allem an wichtigen Flussübergangspunkten, erst relativ spät erfolgte. Bei Drissa an der Düna wurde zwar ein verschanztes Lager errichtet, das aber infolge seiner Lage leicht umgangen werden konnte. Riga verstärkte man zum Schutz Petersburgs, in der Operationslinie auf Moskau standen jedoch lediglich die Verschanzungen von Borisow und Bobruisk sowie die vollkommen veraltete Festung von Smolensk zur Verfügung.[9] Ähnlich wie bei der französischen Armee befand sich das Gros der aktiven Truppen bei Kriegsbeginn noch an einem anderen Kriegsschauplatz, nämlich im Südosten gegen das Osmanische Reich und konnte letztlich erst im Verlauf des Feldzuges eingreifen.

Die französischen Kriegsvorbereitungen wurden in politischer Hinsicht durch die Bündnisverträge mit Preußen (24. Februar) und Österreich (14. März) abgerundet, die beide im bevorstehenden Krieg Truppenkontingente zu stellen hatten. Preußens Anteil bestand neben bedeutenden Lieferungen an Material und Pferden in einem Hilfskorps von 20.000 Mann, Österreich bildete ein unter Befehl des Fürsten Schwarzenberg stehendes Korps von ca. 30.000 Mann.[10]

Der Aufmarsch der französischen Truppen erfolgte im Weichselbogen in einer Ausdehnung von Danzig bis Lemberg (rund 600 km bzw. 30 – 40 Tagesmärsche), wobei fünf Gruppen gebildet wurden.[11]

Linke Flügelgruppe (MacDonald) – 10. Korps (30.000);

Linke Mittelgruppe (Napoleon I.) – I., II., III., 2 Kavallerie-, Garde-Korps (220.000)

Mittelgruppe (Vizekönig Eugen) – 4., 6., 1 Kavallerie-Korps (80.000)

Rechte Mittelgruppe (König Jerome) – 5., 7., 8., 1 Kavallerie-Korps (80.000)

Rechte Flügelgruppe (Schwarzenberg) – Österr. Hilfskorps (34.000)

Der weit in die Breite ausgelegte Aufmarsch diente einerseits der Verschleierung der Angriffsvorbereitungen, andererseits der besseren Versorgungsmöglichkeiten in den Kantonierungsräumen. Die operativen Planungen Napoleons I. sahen nun vor, durch einen raschen Vormarsch die noch geteilten russischen Armeen einzeln zu schlagen und den Zaren dadurch zu einem für ihn ungünstigen Frieden zu zwingen. Die russischen Planungen waren, wie bereits erwähnt, innerhalb der Heeresführung nicht geklärt worden. Eine ursprünglich offensiv angedachte Vorgangsweise wurde bereits aufgrund der Stärke Napoleons I. illusorisch, stattdessen sollte nötigenfalls ein Zurückgehen auf das verschanzte Lager bei Drissa an der Düna angedacht werden. Zu diesem Zweck wurden die russischen Streitkräfte in drei Armeen geteilt. Die zahlenmäßig stärkste war die 1. Westarmee (Barclay de Tolly) mit rund 130.000 Mann im Raum Wilna und Lida, dann die 2. Westarmee (Bagration) mit ca. 50.000 Mann bei Wolkowisk und Byalistok sowie die 3. Westarmee (Tormassow) bei Luck. Eine 4. Armee unter Tschitschagow befand sich erst im Anmarsch aus Bukarest. Ihre Ausdehnung umfasste gleichfalls rund 600 km und sollte es ermöglichen, je nach operativer Ausrichtung des französischen Vormarsches mit zumindest einer Armee dem Gegner in Flanke oder Rücken fallen zu können.[12]

Am 6. Juni begann der französische Vormarsch von der Weichsel an den Njemen, der bis zum 23. Juni andauerte und bereits erste Vorzeichen der späteren logistischen Probleme mit sich brachte. Der späte Zeitpunkt war gewählt worden, um auf den Weiden bereits genug Grünfutter für die Pferde vorzufinden. Die durchschnittliche Marschleistung der Truppen betrug bis zu 20 km pro Tag. Der Verpflegsnachschub konnte den Truppen bereits in dieser ersten Phase nicht folgen, sodass die Truppen bereits von ihrem unmittelbaren Mundvorrat zu leben begannen bzw. eigenmächtig requirierten. Das Überraschungsmoment, an dem Napoleon I. besonders gelegen war, veranlasste ihn, auf Rasttage, die auch zum Aufschließen des Trains hätten genutzt werden können, gänzlich zu verzichten.

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Die französische Armee überquert den Memel (Njemen), Juni 1812. ©HGM

Als Übergangspunkt am Njemen wurde Kowno gewählt, das an einer strategisch wichtigen Straßenkreuzung gelegen war und Wilna, wo das Gros der Russen richtigerweise vermutet wurde, am nächsten lag. Die Konzentrierung der französischen Kräfte wurde von den Russen vorerst nicht bemerkt, sodass der Übergang mit dem Gros von 23. bis 25. Juni ohne auf Widerstand zu treffen bewerkstelligt werden konnte. Dadurch ermuntert, suchte Napoleon I. rasch auf Wilna vorzustoßen, welches er mit seiner Gruppe in einem Gewaltmarsch von nur vier Tagen (100 km) erreichte. Die 1. Russische Armee hatte sich aber bereits gegen Drissa zurückgezogen und lieferte Napoleon I. nicht die gewünschte Schlacht. Aber auch die 2. Russische Armee wurde entgegen dem eigentlichen Vorhaben nicht gegen die Flanke eingesetzt, sondern gleichfalls zurückgezogen. Wilna konnte am 28. Juni eingenommen werden.[13] Zu diesem Zeitpunkt kann die Verpflegssituation beim Gros der Armee bereits als bedenklich beurteilt werden. Auf der einzigen Straße von Kowno nach Wilna waren zwei Korps und zwei Kavalleriedivisionen marschiert. Alles, was an Verpflegs- und Transportmittel noch vorhanden gewesen war, hatten die Russen bereits auf ihrem Rückzug requiriert.[14] Der eigene Train war auf den schlechten Straßen kaum vorwärtsgekommen, liegen gebliebene Fuhrwerke und Artillerie verstopften die Straße. Die eigentlich reichlich vorhandenen Nachschubgüter konnten die Truppe nur in den seltensten Fällen erreichen. Dem Aufbau einer Nachschubbasis und einer funktionierenden Etappe war dementsprechend größtes Augenmerk zuzuwenden. Trotz der Errichtung eines Generalgouvernements in Wilna und der von Etappenstationskommanden entlang der Strecke Kowno-Wilna bestand keine einheitliche Zuständigkeit, da auch noch das Armee-Hauptquartier sowie die Korpskommanden mit Einzelbefehlen eingriffen. Trotz Baus und Instandsetzung von Bäckereien und Mühlen gelang es in Wilna nicht, die notwendigen Brotmengen für das dort lagernde Gros der Armee herzustellen. Während Napoleon I. sich in Wilna um den Aufbau seiner Versorgung kümmerte, war die 1. Russische Armee auf das verschanzte Lager bei Drissa zurückgegangen, das sich für eine nachhaltige Verteidigung als nicht geeignet erwies. Der französische Plan sah nun einen allgemeinen Vorstoß auf Moskau vor, wobei die Russen bei Drissa abgeschnitten, einzeln geschlagen und in nördlicher Richtung abgedrängt werden sollten. Barclay hatte aber bereits am 14. Juli Drissa geräumt und war in Eilmärschen auf Witebsk zurückgegangen, das er noch vor den Franzosen erreichte. Am 25. und 26. Juli kam es zu mehreren kleineren Gefechten und Napoleon I. vermeinte schon für den 28. Juli die langersehnte Entscheidungsschlacht schlagen zu können. In der Nacht räumte Barclay jedoch erneut seine Stellungen und ging mit der Begründung, sich mit der 2. Russischen Armee vereinigen zu wollen, noch weiter auf Smolensk zurück. Die Vereinigung konnte durch die Franzosen nicht verhindert werden, was Napoleon I. dem zögerlichen Vorgehen seines 8. Korps (Jerome) zuschrieb und zur Enthebung des Kommandierenden führte. Die bei Smolensk vereinigten russischen Armeen rasteten drei Tage und traten dann einen Vormarsch gegen Witebsk an, da man Barclay das permanente Zurückweichen, ohne eine Schlacht zu schlagen, mehr und mehr zum Vorwurf machte. Doch auch bei diesem kurzen Vormarsch verhielt sich Barclay zu zögerlich und blieb nach zwei Tagen stehen. Napoleon I. versuchte nun seinerseits Barclay zu überflügeln, drängte zwei russische Korps ab, die sich gemeinsam mit Barclay daraufhin nach Smolensk zurückzogen. Dort kam es am 18. August zur Schlacht, wobei Russen und Franzosen zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als die Hälfte ihrer Armeen durch Gefechte, Krankheiten und Desertion verloren hatten. Trotz siegreichen Ausgangs gelang Napoleon I. die Vernichtung der russischen Hauptarmee nicht. Barclay zog sich weiter auf der Straße Richtung Moskau zurück. Napoleon I. folgte ihm, konnte die nördliche und südliche Flankenbedrohungen durch Siege bei Gorodeczno und Polock ausschalten. Barclay wurde nun das konsequente Zurückgehen, das sich gesamtstrategisch letztlich zur siegreichen Strategie entwickeln sollte, zum Verhängnis. Man enthob ihn des Kommandos und ersetzte ihn durch den populären Michail Kutusow. Dieser entschied nun, bei Borodino die Schlacht anzunehmen, da seine Stärke durch die Zufuhr von Ersätzen bereits wieder auf 134.000 Mann angewachsen war, während Napoleon I. zu diesem Zeitpunkt nur mehr 150.000 Mann zur Verfügung hatte. Schanzen wurden angelegt, Artillerie massiert und teilweise auch eingegraben.

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Schlacht bei Borodino ©HGM

Die mehrtägige Schlacht musste durch Napoleon I. teilweise frontal geführt werden und führte zu hohen Verlusten. Die Franzosen verloren rund 30.000 Mann, darunter 47 Generäle, die Russen fast 50.000 Mann. Bagration wurde in der Schlacht schwer verwundet und starb an einer Wundinfektion. Damit war der Weg nach Moskau frei, das die Franzosen schließlich am 15. September erreichten. Kutusow hatte Zar Alexander I. fälschlicherweise bereits eine Siegesmeldung überbringen lassen, musste sich aber nun hinter Moskau zurückziehen.[15] Napoleon I. hatte mit dem Gros der „Grande Armée“ vom Njemen bis Moskau rund 1.000 km in 83 Tagen zurückgelegt. Bis dahin hatte er bereits die Hälfte seiner Armee verloren.

Anfangs waren die üblichen Abgänge an Erkrankten und Erschöpften zu verzeichnen gewesen, in weiterer Folge wirkte sich die Versorgungskrise bei den Regimentern negativ auf den inneren Zusammenhalt aus. Fouragierende Truppenteile kehrten nicht mehr zurück, die Desertionszahlen vor allem unter jungen Soldaten steigerten sich von Tag zu Tag. Trotz drakonischer Maßnahmen gegenüber Plünderern wurde die „Eigenversorgung“ durch die Truppe zur Alltäglichkeit und damit allgemein akzeptiert, lockerte aber gleichzeitig auch die allgemeine Disziplin. Die Zahl der Marodierenden, welche die Landbevölkerung, die zuvor schon von der russischen Armee ausgesogen worden war, drangsalierte, stieg stetig an und verursachte gerade ab Smolensk, als man erstmals altrussischen Boden betrat, das Entstehen patriotischer Gefühle gegenüber den verhassten Besatzern. Die Proklamation Napoleons I. anlässlich der „Befreiung“ Litauens vom russischen Joch musste dadurch geradezu als Hohn empfunden werden.[16] Fatal war auch das Schicksal der Kriegsgefangenen, die man nach Deutschland zu bringen versuchte. Infolge der Versorgungskrise waren sie die letzten in der Versorgungskette, sodass die Todesrate unter ihnen infolge Entkräftung und Schwäche ungeheure Ausmaße annahm, auch erwiesen sich die Bewachungsmannschaften als wenig zimperlich – körperliche Ausschreitungen und Massenerschießungen waren an der Tagesordnung.

Neben den menschlichen Tragödien litten vor allem die Pferde unter den gewaltigen Strapazen. Die Überlastung der Kavallerie, der zunehmend geringer werdende Grünfutterbestand führte zu hohen Verlusten, was von den Reitern und Fuhrleuten anfangs begrüßt wurde, bedeutete dies doch für die nächsten Tage zumindest eine Fleischmahlzeit.

Aber auch die Russen hatten in den Kämpfen erhebliche Verluste erlitten und bedurften einer längeren Retablierung. Die Entscheidung zur Räumung Moskaus wurde von Kutusow durchaus aus logistischen Gründen getroffen, da er sich nach Südosten zurückzog und damit Anschluss an seine wichtigsten Versorgungsbasen an der Oka fand. Gleichzeitig konnten damit die noch unbehelligten südöstlichen Provinzen genutzt, vor allem aber die Verbindung zur Gewehrfabrik in Tula offengehalten werden. In den folgenden Wochen wurden der Armee Kutusows nicht nur personelle Verstärkungen zugeführt, sondern gleichzeitig auch winterfeste Kleidung. Um dennoch ein geringes Maß an Kampftätigkeit aufrecht zu erhalten, wählte man den „kleinen Krieg“, der – von Parteigängern und Kosaken betrieben – nicht nur die französischen Requisitionsversuche in der Umgebung Moskaus erschwerte, sondern gleichzeitig auch den Standort der Hauptarmee verschleierte. Napoleon I. war bis 26. September in völliger Unkenntnis des Standorts seines Gegners. Letztlich verzichtete er jedoch auf ein Nachstoßen in die Tiefe Russlands, zu sehr hatten seine Truppen unter dem Vormarsch gelitten. Dem militärischen Erfolg der Einnahme Moskaus sollte nun rasch ein politischer folgen, Alexander I. war von der Notwendigkeit von Friedensverhandlungen zu überzeugen.

Inzwischen war durch den letzten russischen Stadtkommandanten Rostoptschin angeordnet worden, Moskau, das zu großen Teilen aus Holzhäusern bestand, abzubrennen, um eine Nutzung der Stadt durch Napoleon I. zu verhindern. Wenngleich auch rund 80 % der Gebäude durch den Brand vernichtet wurden, so blieb dennoch eine Vielzahl an Gebäuden und Gütern der Stadt erhalten. Zu einer geregelten Requisition kam es jedoch nicht. Am ersten Tag der Besetzung hatte bereits das große Plündern begonnen, in den noch intakten Palais winkte wertvolle Beute, keine Autorität schien die Exzesse verhindern zu können. Dabei wirkten sich die vorgefundenen Bestände an Spirituosen noch verheerender auf die Disziplin der Soldaten aus.

Inzwischen entwickelte sich die politische Situation keineswegs im Sinne Napoleons I. Zar Alexander I. war insbesondere durch seine Berater Freiherr von Stein und General Pfuhl überzeugt worden, dass Friedensverhandlungen nicht nur nicht notwendig, sondern geradezu fatal wären, wenn man den eigentlich schon bei Kriegsbeginn formulierten Grundsatz, den Gegner in Flanke und Rücken zu bedrohen endlich verwirklichen würde. Während die Stärke der russischen Armee durch vom osmanischen Kriegsschauplatz eintreffende Verstärkungen kontinuierlich stieg, sank der Kampfwert Napoleons I. stetig. Dabei spielte sicherlich auch eine Rolle, dass sich die Einleitung von Friedensverhandlungen für Napoleon I. überaus zeitintensiv gestaltete und lange Zeit keine Klarheit brachte. Dies erklärt, warum der Rückzug in adäquatere Winterquartiere letztlich erst am 19. Oktober begonnen wurde.[17]

Die Infanterie hatte sich in Moskau nicht zuletzt aufgrund der in Massen vorgefundenen Bestände an Schuhleder, Tuch und Pelzen weitgehend erholt, auch trafen nach und nach die bei Borodino leicht verwundeten und rekonvaleszenten Soldaten in Moskau ein, sodass sich der Verpflegsstand bei der Infanterie gegenüber dem Einmarschtag um fast 10.000 erhöhte. Auch war ein erheblicher Bestand an Nahrungsmitteln in Moskau vorgefunden worden, der jedoch infolge der unkontrollierten Plünderungen der ersten Tage nicht nur nicht gleichmäßig verteilt, sondern gleichfalls verschwendet worden war.

Mit dem Entschluss zum Rückzug war schließlich der Befehl ausgegeben worden, die vorhandenen Fuhrwerke mit Verpflegsartikel zu beladen, wobei Napoleon I. aufgrund der vorhandenen Ladekapazität von einer autarken Versorgung seiner Armee in der Dauer von drei Wochen ausging. Nachdem auch eine weiter südlich gelegene Rückzugsstraße herangezogen werden sollte, von den Requisitionen während des Vormarsches noch ausgenommen, war von einer guten Versorgungslage bis zum Anschluss an die Magazine in Wjasma und Smolensk auszugehen.

Die Situation der Kavallerie war jedoch katastrophal. Die vier Kavalleriekorps hatten bereits 90 % ihres Pferdebestandes verloren, die vorhandenen Tiere waren gänzlich abgemagert und kaum mehr einsatzfähig. Die vor Ort beschafften kleinwüchsigen Tiere waren für Kavalleriedienste nicht geeignet, sondern lediglich als leichte Trainbespannungen nutzbar. Ersatzpferde aus dem Westen sollten über die Etappenlinie nach Smolensk gebracht und dann von der Armee übernommen werden.[18]

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Napoleons Rückzug von Moskau nach Dresden 1812 ©HGM

Der Ausmarsch begann am 19. Oktober, nachdem am 18. die unter Befehl Murats zusammengezogenen letzten französischen Reiterregimenter eine verlustreiche Niederlage durch einen Überfall Kutusows hatten hinnehmen müssen, welche die „Grande Armée“ die letzten einsatzbereiten Kavallerieeinheiten kostete. Insgesamt setzten sich rund 110.000 Mann mit 569 Geschützen und ca. 2.400 Artilleriefuhrwerken in Bewegung. Diese überdurchschnittlich starke Artillerie sollte sich in weiterer Folge als besonderer Hemmschuh erweisen, da man nicht nur die Rückzugslinien hoffnungslos verstopfte, sondern auch erhebliche Pferdemengen verschliss. Napoleon I. hatte jedoch verboten, Geschütze – hier dürfte wohl sein Selbstverständnis als Artillerist, kein „Stück“ dem Gegner zu überlassen, eine Rolle gespielt haben – in Moskau zurückzulassen.[19]

Darüber hinaus war die Beladung der anderen Fuhrwerke wohl nicht überprüft worden, da die Soldaten entgegen den Vorgaben vor allem Beutegut in Tornistern und Wägen verstauten, sodass der eigentlich für drei Wochen berechnete Nahrungsmittelvorrat lediglich zwölf bis 14 Tage betragen haben dürfte. Auch die Stäbe selbst waren mit schlechtem Vorbild vorangeschritten und hatten ganze Kolonnenladungen mit „Trophäen“ und Kunstgegenständen für die Pariser Museen beladen.[20]

Der geplante, in südöstlicher Richtung ausholende Rückzug auf Smolensk wurde durch die Schlacht bei Malo Jaroslawec am 24. Oktober vereitelt. Obwohl militärisch ein Patt, verwehrte Kutusow Napoleon I. die angedachte neue Rückzugslinie und zwang ihn auf die alte Vormarschstraße zurück. Gleichzeitig entwickelten die Russen nun eine konsequente „Isolierung“ der rückgehenden Kolonnen, ausgeführt durch Kosakenpatrouillen und Parteigänger, sodass weder fouragiert noch auf parallele Wege ausgewichen werden konnte. Bereits nach wenigen Tagen trat markanter Verpflegsmangel ein, was auf die Moral der Truppen und die innere Disziplin verheerende Auswirkungen hatte. Die Rückzugsstraße war mit Einzelmarschierern, Marodeuren und Versprengten verstopft, die dann auch noch eigene Trains zu plündern begannen. Wurden die ersten Etappenmagazine erreicht, waren keine Vorkehrungen für die rasche und ausgewogene Fassung getroffen worden; Plünderungen und Verwüstungen waren die Folge.[21]

Als am 3. November dann die Temperaturen unter 0 °C sanken und Schneefall einsetzte, begann das große Pferdesterben. Die Zahl der Kavallerie beim Gros sank auf rund 100 Reiter herab, nach und nach mussten Geschütze und Fuhrwerke aufgrund des Fehlens von Bespannungen aufgegeben werden. Auch für die Truppe selbst hatte der Wintereinbruch fatale Folgen. Mangels Zelten und Pelzbekleidung, die man in Moskau zwar vorgefunden, jedoch zugunsten von Beutegut zurückgelassen hatte, musste nun ungeschützt auf freiem Feld campiert werden. Die Zahl der Erfrorenen und Erkrankten stieg rapide an. Gleichfalls entwickelte sich die Rückzugsbewegung nach und nach zu einer heillosen Flucht; Zurückgebliebene oder Versprengte wurden von Kosakenpatrouillen gefangen genommen oder niedergemacht. Ab dem 8. November langten nach und nach die Reste der Armee vor Smolensk an. Die erhoffte Erholung konnte dort jedoch nicht erfolgen. Smolensk war bereits beim Vormarsch weitgehend zerstört worden, bot also keine ausreichenden Unterkünfte, zudem waren die Magazine durch die dort zur Sicherung eingesetzten Reservetruppen bereits fast komplett aufgebraucht worden. Hunger und Kälte setzten auch hier der Armee schwer zu. Aber auch das nächste größere Etappenmagazin bei Witebsk war nicht mehr verfügbar, da von den Russen bereits eingenommen.[22]

Napoleon I. war daher gezwungen, den Rückzug auf raschestem Weg zu bewerkstelligen. Dieser sollte über die Beresina nach Wilna erfolgen. Vom Norden und Südosten her bedroht, trat dann mit der aus Bukarest heranmarschierenden Armee Tschitschagows noch ein neuer Gegner auf den Plan, der mit der Einnahme von Minsk den gesamten Beresina-Abschnitt kontrollierte und Napoleon I. die direkte Rückmarschlinie abschnitt.[23] Nunmehr von drei Seiten bedrängt, entschied sich Napoleon I. eine gewaltsame, alle noch vorhandenen Kräfte konzentrierende Forcierung der Beresina bei Borisov vorzunehmen. Trotz eisigen Wetters gelang es den letzten vorhanden französischen Pontonnieren zwei Behelfsbrücken zu errichten, über die am 27. und 28. November die Reste der Armee den Fluss überschritten. Der weitere Rückmarsch erfolgte in direkter Ost-West-Richtung auf Wilna. Während dieses 220 km-Marsches lösten sich bei Temperaturen von bis zu 27 °C unter null auch die letzten noch bestehenden Verbände auf.

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Übergang des französischen Heeres über die Beresina ©HGM

Am 3. Dezember verließ Napoleon I. bekanntlich die Armee und übergab das Kommando an Joachim Murat, der aber in weiterer Folge Wilna auch nicht halten konnte.[24] Dort waren zwar ungeheure Mengen an Material angehäuft worden, aber wiederum erwies sich die Logistik der Aufgabe nicht gewachsen. Gleichfalls gelang es der Masse der ab 8. Dezember eintreffenden Soldaten gar nicht, in die Stadt zu kommen, da lediglich ein Stadttor geöffnet wurde. Die Stauungen hatten zur Folge, dass man nicht nur keine Verpflegung erhielt, sondern neuerlich unter freiem Himmel kampieren musste. Gelangte man doch in den Genuss ausgegebener Lebensmittel konnte man diese nicht zubereiten, da die großen Kochkessel der Kameradschaften bereits längst weggeworfen worden waren. Als Wilna aufgegeben werden musste, fielen den Russen schließlich große Mengen an Versorgungsgut, aber auch Tausende Kriegsgefangene in die Hände.[25] Bei Kowno sollte der Njemen überschritten werden. Gemäß den Vorgaben Napoleons I. wäre der Brückenkopf auszubauen gewesen, was man jedoch nur in geringem Ausmaß durchführte, da mit der Einnahme Moskaus der Feldzug ohnehin entschieden schien. Zudem waren auch hier die meisten Magazine bereits durch Garnisonstruppen geplündert worden, die Öffnung der Branntweinbestände hatte zu Alkoholexzessen geführt, Brände waren ausgebrochen – in Kowno herrschte Chaos. Die Russen drückten zu diesem Zeitpunkt nur mit Kosakenverbänden nach, sodass der Übergang der letzten Reste der „Grande Armée“ über den Njemen bei Kowno und Merecz dann trotz der chaotischen Verhältnisse vollzogen werden konnte. Der Rückzug der „Grande Armée“ von Moskau bis zum Ausgangspunkt des Feldzugs war damit mit einer durchschnittlichen Marschleistung von 15 bis 16 km bewerkstelligt worden.

Zusammenfassend kann der Feldzug Napoleons I. hinsichtlich der eingetretenen Verluste als Katastrophe bezeichnet werden. Von der „Grande Armée“ waren zu Kriegsbeginn rund 450.000 Mann mit 150.000 Pferden angetreten, denen im Verlauf des Feldzuges weitere ca. 150.000 an Reserven zugeführt worden waren. Von diesen kehrten im Dezember 1812 lediglich die Flügelkorps „Schwarzenberg“ (rund 30 – 40.000 Mann) und „MacDonald“ (25.000 Mann) mehr oder weniger intakt zurück. Von der Hauptarmee gelangten nach und nach etwa 80.000 Mann im Verlauf der nächsten Wochen hinter die Njemenlinie. Das bedeutete einen Gesamtverlust von 450.000 Mann, von denen rund 300.000 Soldaten als tot oder dauernd vermisst angesehen werden müssen. Die russischen Gesamtverluste werden mit rund 200 – 220.000 Mann anzunehmen sein.[26]

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Der Rückzug aus Russland (1812). Lithographie, koloriert ©HGM

Die Gründe für die Niederlage sind mannigfaltig. Der erwarteten schwierigen Nachschubsituation war durch die Aufstellung zahlreicher Trainbataillone zwar zu begegnen versucht worden, doch erwiesen sich Material und Mannschaften den Strapazen nicht gewachsen. Zudem war durch Napoleon I. keine Anpassung der Operationsführung an die Schwierigkeiten der Logistik vorgenommen worden, ganz im Gegenteil, die Raschheit des russischen Rückzugs und der Wunsch des Kaisers, eine Entscheidungsschlacht zu schlagen, machten den Vormarsch zu einem überhasteten Vorwärtsdrängen. Die Schere zwischen Operation und Logistik klaffte immer weiter auseinander. Etappeneinrichtungen waren zwar vorgesehen worden, doch zeigte sich innerhalb des französischen Offizierskorps, dass dieses für den Kampf zwar bestens geeignet, für den unspektakulären Nachschubdienst aber vollkommen ungeeignet war – es fehlten auch entsprechende Erfahrungswerte aus früheren Feldzügen.

Besonders markant trat die mangelnde innere Kohäsion der „Grande Armée“ zutage. Die Armee war in kürzester Zeit aufgestellt worden, es fehlten infolge des Zurückweichens der Russen jedoch die für den inneren Halt von Verbänden so wichtigen gemeinsamen Kampferlebnisse. Dies lockerte gerade bei den nicht mit dem Gegner in Fühlung stehenden Truppen die Disziplin bedenklich, hohe Abgänge an Deserteuren und Marodeuren waren die Folge. Der schlechte Ausbildungsstand von neu formierten Truppenkörpern, der sich bei früheren Feldzügen mit Zunahme der Kampfhandlungen kontinuierlich gebessert hatte, blieb während des gesamten Feldzugs bestehen und hatte insbesondere im Hinblick auf die Pferdehaltung bei den Fuhrwerkskolonnen und Trainbataillonen fatale Folgen. Der Pferdebestand sank rapide ab, es ist davon auszugehen, dass Napoleon I. nach der Schlacht von Malo Jaroslawec im Oktober 1812 über keine einsatzbereite Schlachtkavallerie mehr verfügte.

Dem Brand von Moskau ist, im Gegensatz zur weitläufig in der Literatur vertretenen Meinung, keine wirklich entscheidende Bedeutung beizumessen,[27] da trotzdem immer noch bedeutende Materialmengen zur Retablierung zumindest der Infanterie vorgefunden werden konnten. Ihr Stand erhöhte sich dann während des Aufenthalts durch das Eintreffen von Nachzüglern in Moskau sogar. Dennoch wirkten sich auch hier ungeheure Disziplinlosigkeiten in Form unkontrollierter Plünderungen und Requisitionen negativ auf die Versorgungslage aus.

Die aus Moskau rückgehende Armee führte dann in ihren Transportkolonnen mehr Beutegut als Nahrungsmittel mit. Da sich auch die Soldaten ihre Tornister lieber mit geplünderten Gegenständen als mit Verpflegung füllten, trat bereits nach wenigen Tagen Nahrungsmangel ein, der bis zur Rückkehr über den Njemen nicht unter Kontrolle gebracht werden konnte. Aber auch die vorbereiteten Etappeneinrichtungen waren infolge organisatorischer Mängel nicht in der Lage, das zahlreich vorhandene Versorgungsgut „an den Mann zu bringen“. Viele dieser Einrichtungen fielen den Russen halbbefüllt in die Hände.

Auf russischer Seite hatte dagegen bereits von Kriegsbeginn an eine klare Konzeption für die Kriegführung gefehlt. Die oftmals als entscheidend beurteilte Taktik des kontinuierlichen Zurückgehens und der „verbrannten Erde“[28] kam eher zufällig und unbeabsichtigt zustande, nachdem sich der übervorsichtige Barclay de Tolly Napoleon I. nicht zur Schlacht stellen wollte. Dieses Zaudern und Zögern kostete ihn letztlich auch seine Funktion, war aber in Hinblick auf die am Vormarsch bestehenden Logistikprobleme der Franzosen besonders effektiv gewesen. Dennoch hatte auch die russische Armee in kleineren Gefechten, mehr jedoch durch Strapazen und Krankheiten während des Rückmarsches bedeutende Verluste erlitten.

Der „kleine Krieg“ durch Parteigänger und Kosaken entwickelte sich erst ab der Schlacht bei Smolensk und in weiterer Folge mit dem Erreichen Moskaus in ernst zu nehmender Weise. Während des Rückmarsches perfektioniert, wurde damit sowohl das Ausscheren einzelner Truppenkörper von der Hauptrückzugsstraße als auch das Fouragieren im Umfeld unmöglich gemacht und verstärkte den Zerfallsprozess der „Grande Armée“. Die schnellen und sehr beweglichen Kosakenpatrouillen erwiesen sich jedoch für entscheidende Schläge als zu schwach. Sowohl der Übergang über die Beresina bei Borisow als auch jener über den Njemen bei Kowno konnten nicht verhindert werden.

Gesamtstrategisch kommt dem Krieg von 1812 sicherlich besondere Bedeutung zu, zumal Napoleon I. in diesem Feldzug – obwohl fast 50 % der Truppen neu ausgehoben worden waren – die Masse seiner erfahrensten und besten Truppenkörper verlor. Auch ist der Verlust von überdurchschnittlich vielen Generälen ein bedeutender Aderlass für die Armee gewesen. Politisch hatte die Niederlage unmittelbar den Abfall Preußens zur Folge und wirkte wohl auch bereits in das Jahr 1813 hinein. Ob die späteren politischen und militärischen Ereignisse in bekannter Weise abgelaufen wären, wenn Napoleon I. eine intakte Armee von 100 – 150.000 Mann aus Russland zurückgeführt hätte, mag bezweifelt werden.

 

 

[1] Matthias Pfaffenbichler, Der Russlandfeldzug. In: Napoleon. Feldherr, Kaiser und Genie. Ausstellungskatalog zur gleichnamigen Ausstellung auf der Schallaburg, Schallaburg 2009, S. 203.

[2] Adolf von Horsetzky, Der Feldzug 1812 in Rußland. Skizze der an der Kriegsschule gehaltenen Vorträge, Wien 1889, S. 8.

[3] J. U., Die Vorbereitungen Napoleons I. für den Feldzug in Russland in Bezug auf Ausrüstung, Verpflegung und Nachschub. I. Theil, In: Organ der Militärwissenschaftlichen Vereine, XL. Band, Wien 1890, S. 131.

[4] O. A., Der Feldzug von 1812 in Russland. Behelf zu Studium der Kriegsgeschichte, Wien 1875, S. 6f.

[5] J. U., Die Vorbereitungen Napoleons I. für den Feldzug in Russland in Bezug auf Ausrüstung, Verpflegung und Nachschub, S. 139.

[6] Ebd., S. 147f.

[7] Horsetzky, Der Feldzug 1812 in Rußland, S. 6.

[8] A. Ströhr, Heeres-Disciplin und Kriegführung, dargethan am Feldzug 1812 in Rußland. In: Organ der Militär-wissenschaftlichen Vereine, XXXIV. Band, Wien 1887, S. 84f.

[9] Horsetzky, Der Feldzug 1812 in Rußland, S. 32.

[10] Joseph Alexander von Helfert, Kaiser Franz und die europäischen Befreiungskriege gegen Napoleon I., Wien 1867, S. 15f.

[11] Leitfaden der Allgemeinen Kriegsgeschichte. Zum Gebrauche an den k. u. k. Militär-Akademien und für das Selbststudium, hrsg. vom k. u. k. Kriegsministerium, Wien 1896, S. 401.

[12] Adolf von Horsetzky, Kriegsgeschichtliche Übersicht der wichtigsten Feldzüge seit 1792, Wien 1913, S. 212.

[13] Ebd., S. 214.

[14] J. U., Die Vorbereitungen Napoleons I. für den Feldzug in Russland in Bezug auf Ausrüstung, Verpflegung und Nachschub, S. 183.

[15] Pfaffenbichler, Der Russlandfeldzug, S. 205.

[16] Ströhr, Heeres-Disciplin und Kriegführung, dargethan am Feldzug 1812 in Rußland, S. 92f.

[17] J. U., Die Vorbereitungen Napoleons I. für den Feldzug in Russland in Bezug auf Ausrüstung, Verpflegung und Nachschub II. Teil. In: Organ der militärwissenschaftlichen Vereine, XLII. Band, Wien 1891, S. 130 – 132.

[18] Ebd., S. 141f.

[19] Ebd., S. 143.

[20] Ströhr, Heeres-Disciplin und Kriegführung, dargethan am Feldzug 1812 in Rußland, S. 97.

[21] Ebd., S. 100.

[22] Ebd., S. 102.

[23] Horsetzky, Kriegsgeschichtliche Übersicht der wichtigsten Feldzüge seit 1792, S. 221.

[24] Ebd., S. 222.

[25] Ströhr, Heeres-Disciplin und Kriegführung, dargethan am Feldzug 1812 in Rußland, S. 121.

[26] Horsetzky, Kriegsgeschichtliche Übersicht der wichtigsten Feldzüge seit 1792, S. 223.

[27] Vgl. Werner Hahlweg (Hg.), Klassiker der Kriegskunst, Darmstadt 1960, S. 234.

[28] Vgl. dazu: Carl von Clausewitz, Vom Kriege. Das philosophische Standardwerk über Strategie und Taktik, Augsburg 1990, S. 511 – 515.

M. Christian Ortner

M. Christian Ortner

Direktor HR Mag. Dr. M. Christian Ortner, ObstdhmfD

Ich bin seit 1995 am Heeresgeschichtlichen Museum in Wien tätig, vorerst als Referats- und Sammlungsleiter „Militärtechnik“ (zuständig für Marine, Luftfahrt, Waffenwesen, Artillerie, Munitionswesen, Harnische, Festungswesen, Modelle, militärische Optik etc.) sowie in weiterer Folge als Leiter der Museums- und Sammlungsabteilung. Seit 2007 bin ich Direktor des HGM/MHI.

Einer meiner Forschungsschwerpunkte ist "Österreich-Ungarn 1848 bis 1918".

Zusätzlich bin ich Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Ordenskunde (ÖGO), der Österreichischen Gesellschaft für Heereskunde, des International Committee of Museums and Collections of Arms and Military History (ICOMAM), bin Mitglied der Österreichischen Kommission für Militärgeschichte (CAHM) und Stv. Vorsitzender des Militärhistorischen Beirats der Wissenschaftskommission beim BMLV.

Preisträger des Werner-Hahlweg Preises für Militärgeschichte 2008
Verleihung des Civil Servant of the Year 2012

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