HGM Wissensblog

Die „Wunderwaffe“ unter dem Südbahnhof: Borgward B IV c

Der „Schwere Ladungsträger“ Borgward B IV wurde bei Abrissarbeiten des ehemaligen Wiener Südbahnhofes im März 2010 in einem verschütteten Gewölbe entdeckt.

Dieses leichtgepanzerte Kettenfahrzeug hatte dort offensichtlich als Zug- und Transportfahrzeug gedient, war bei einem Bombenangriff der Alliierten abgebrannt und in einem Gewölbe des alten Südbahnhofgebäudes abgestellt worden. Bei einem weiteren Bombentreffer war er wohl verschüttet worden, sodass er in Vergessenheit geriet und dadurch im Fundament des in den 1950er Jahren neu errichteten Südbahnhofes miteingemauert wurde. Beim Abriss dieses Gebäudes im Frühjahr 2010 kam der Borgward wieder zum Vorschein kam.

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31. März 2010 - Der ausgegrabene Borgward B IV c (C) HGM

Das Fahrzeug ist zwar komplett ausgebrannt, ansonsten aber nicht weiter grob beschädigt, so dass die Restauratoren des Heeresgeschichtlichen Museums durch Konservierungsmaßnahmen sehr viel originale Substanz erhalten konnten.

Im Verlauf des Frankreichfeldzuges stellte die Wehrmacht fest, dass es zur Bekämpfung von Befestigungswerken und überschweren Panzerkampfwagen einer neuen Waffe bedurfte. So entstanden sogenannte Sprengpanzer, welche offiziell als Ladungsträger bezeichnet wurden und ferngesteuert Sprengladungen an ihren Bestimmungsort bringen konnten. Das erste Panzerfahrzeug dieses Typs war der „Schwere Ladungsträger B IV a“ (Sonder-Kraftfahrzeug 301). Die Firma Borgward in Bremen entwickelte ein funkferngesteuertes Fahrzeug, welches eine abwerfbare Sprengladung von 500 kg mit sich führen konnte.

Im Gegensatz zu den anderen Ladungsträgern der Wehrmacht wurde der „Schwere Ladungsträger B IV“ von einem Fahrer bis in Zielnähe gesteuert und anschließend per Funk unbemannt an das Ziel gesteuert. Dort wurde die Sprengladung dann funkgesteuert abgelegt, woraufhin der Panzer ferngelenkt zurück zum Fahrer gesteuert wurde.

Alle anderen Ladungsträger der Wehrmacht (Leichter Ladungsträger/Sd.Kfz. 302 & 303 & 3036/„Goliath“ sowie Mittlerer Ladungsträger/ Sd. Kfz. 304/„Springer“) waren so konstruiert, dass sie bei der Zündung der Sprengladung mitzerstört wurden. Bei der ersten Baureihe erwies sich jedoch die Panzerung des B IV (später „Ausführung a“ genannt) als zu gering. An der Frontseite betrug diese gerade einmal 10 mm und war auch nur an der Frontseite der Sprengladung angebracht, das eigentliche Fahrzeug war jedoch komplett ungepanzert, so dass der Fahrer praktisch gänzlich ungeschützt war. So kam es zur Entwicklung der Ausführung b, welche ab Juli 1943 bei Borgward produziert wurde. Hier wurde eine Verstärkung der Panzerplatten am gesamten Fahrzeug auf 10 mm durchgeführt. Zusätzlich erhielt der Fahrer auf der rechten Seite noch eine Notausstiegsluke.

Man hatte jedoch den 49 PS-Motor aus dem B IV a beibehalten, der für das deutlich schwerer gewordene Gefährt eindeutig zu schwach war, und auch die neue Panzerung erwies sich immer noch als völlig unzureichend. Deshalb stellte man die Produktion der Ausführung b bereits im November 1943 wieder ein. Nach dem ebenfalls nicht ganz entsprechenden B IV b ging man im Dezember 1943 daran, die Ausführung B IV c auszuliefern, welche endlich eine sicherere Wanne besaß, die aus 20 mm starken Platten bestand. Da das Gesamtgewicht inklusive 500 kg Sprengladung (Ekrasit) damit auf fünf Tonnen stieg, wurde auch ein neuer Motor eingebaut.

Es handelte sich dabei um einen Borgward Typ 6.B.3,8. Es war dies ein 6-Zylinder Ottomotor mit einer Leistung von ca. 78 PS. Die Wanne wurde vom Dortmunder Hüttenverein geliefert. Der Borgward B.IV.c erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von ca. 40 km/h und hatte eine Reichweite von 212 km auf der Straße sowie 125 km im mittleren Gelände. Die Abmessungen (L x B x H) betrugen 3,65 m x 1,80 m x 1,85 m.

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zu den Ausführungen a und b besteht darin, dass der Fahrer jetzt auf der rechten Seite des Fahrzeuges saß. Auch die Funkeinrichtung wurde verbessert, dennoch war der Ladungsträger aufgrund der fortgeschrittenen Waffenentwicklung weiterhin sehr verwundbar und blieb ein Sorgenkind der Truppe. Die Produktion lief im September 1944 aus, nachdem ca. 255 Exemplare hergestellt worden waren. Im Rahmen des Rückzuges und des „Endkampfes“ wurden viele dieser Ladungsträger als Sprengfallen benutzt, um die nachsetzenden feindlichen Streitkräfte aufzuhalten. Dabei wurde ein Großteil der noch vorhandenen Schweren Ladungsträger zerstört.

Nach dem Krieg dienten die wenigen übriggebliebenen Exemplare als Zugmaschinen bzw. wurden in der Landwirtschaft verwendet oder gleich verschrottet, sodass heute nur noch extrem wenige Exemplare erhalten sind. Bekannt sind jeweils ein Borgward B IV im Panzermuseum Kubinka (Russland), im Musée de l‘Automobile de Normandie in Clères (Frankreich) und eine Karkasse eines B IV im Panzermuseum Munster.

1944 erbeuteten die Alliierten einen Borgward B IV Ladungsträger und brachten ihn nach England, wo er vom britischen Military College of Science und vom US Technical Intelligence Service in allen Details untersucht und beschrieben wurde. Diese Unterlagen sind heute noch im Panzermuseum Bovington (UK) erhalten.

Bei der Großveranstaltung „Auf Rädern & Ketten 2010“ wurde dieser Borgward zum ersten Mal im Heeresgeschichtlichen Museum präsentiert. Heute ist dieses seltene Fahrzeug im Museum im Bereich „Republik und Diktatur“ aufgestellt, dies allerdings nur im gereinigten und mit Owatrol behandelten Fundzustand, da man den Borgward nicht nur als historisches Fahrzeug, sondern auch als Zeitzeugnis präsentieren möchte.

Weitere historische Panzerfahrzeuge – manche davon ausgesprochene Raritäten – befinden sich in der Panzerhalle des HGM (geöffnet ab 2. März 2019, jeweils Samstag und Sonntag 9:00 – 17:00 Uhr). Einige von diesen werden in mühevoller Kleinarbeit von den Technikern und Restauratoren des HGM sogar fahrfähig erhalten, bzw. in diversen Projekten in fahrfähigen Zustand versetzt, sodass man diese Fahrzeuge bei der Veranstaltungen „Auf Rädern und Ketten“ (Freitag 31. Mai bis Sonntag 2. Juni 2019) in Fahrt bewundern kann.

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Die Panzerhalle - geöffnet ab 2. März 2019 (Sa. & So. 9:00-17:00 Uhr)
Thomas Ilming

Thomas Ilming

Ing. Mag. Thomas Ilming
Ich bin Leiter der Sammlung „Waffen & Technik“ und damit verantwortlich für die historische Aufarbeitung, Restaurierung und Archivierung von Objekten historischer Militärtechnik. Darunter fallen alle Arten von Bewaffnungen, Hieb-, Stich- und Feuerwaffen, sowie Fahrzeuge, Flugzeuge, Artillerie und deren Zubehör.

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