HGM Wissensblog

Eine Botschaft aus der russischen Kriegsgefangenschaft 1917-1918

Selbst angefertigtes Schachbrett von Josef Strunz – Angehöriger der k.u.k. Armee und russischer Kriegsgefangener im Ersten Weltkrieg.

Die Depots und Ausstellungen des Heeresgeschichtlichen Museums bewahren nicht nur Objekte, welche die großen Schlachten und Persönlichkeiten des Krieges erzählen. Ebenso einzigartig ist seine Sammlung über den militärischen Alltag und das Leben der einfachen Soldaten. Desto persönlicher die Gegenstände scheinen, umso spannender sind zumeist auch die in ihnen verborgenen Geschichten. Dies gilt im Besonderen auch für jene Objekte, die stellvertetend über die ca. acht bis neun Millionen Kriegsgefangenen im Ersten Wetlkrieg berichten.

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Russische Kriegsgefangene bei Przemyśl (C) HGM

Kriegsgefangene verbrachten ihren Alltag in Barackenlagern zumeist im Inneren des feindlichen Hinterlandes oder im militärisch verwalteten Etappenbereich zwischen diesem und der Front. Monotonie, Langeweile, Heimweh und zwangsweise angeordnete Arbeiten wie die Säuberung von Schlachtfeldern oder die Instandsetzung frequentierter Marschrouten, prägten ihr Leben. Um dem eintönigen Alltag zu entgehen, versuchten zumeist Offiziere und solche mit höheren Rängen ihre Zeit aktiv zu gestalten, denn sie wurden im Gegensatz zu den einfachen Soldaten kaum zur Zwangsarbeit verpflichtet und besaßen daher auch die nötige Zeit. Neben diversen kulturellen Betätigungen standen auch Brettspiele auf dem Programm. Besonders geschätzt auf beiden Seiten der Front war Schach, dessen Spielbrett und Figuren von den Kriegsgefangenen in Eigenregie per Hand geschnitzt wurden.

Im Depot des Heeresgeschichtlichen Museums befindet sich ein ganz spezielles Schachspiel. Es berichtet über die Geschichte eines Unteroffiziers der k.u.k. Armee, der im Kaukasus in russische Kriegsgefangenschaft geriet. Genauer gehörte das Schachspiel dem k.k. Stabsfeldwebel Josef Strunz des Kremser k.k. Sappeurbataillon Nr. 2. Der Inschrift im Inneren des Schachspiels ist zu entnehmen, dass Strunz am 1. Juli 1917 in Gefangenschaft ging und am 2. Juli 1918 – nach dem Frieden von Brest-Litowsk – frei kam.

Das Besondere an diesem hölzernen Schachspiel ist aber weniger die Innschrift in seinem Inneren, sondern vielmehr das Spielbrett selbst, das mit seiner ungewöhnlichen Buchstabenfolge einen vorerst etwas sonderbaren Eindruck macht. Auf den hellen Feldern sind rote, auf den schwarzen weiße Buchstaben aufgemalt. Genauer sind sie Teil eines Rätsels.

Im Inneren des Schachspieles, das wie eine aufklappbare Schatulle gearbeitete wurde, bewahrte Josef Strunz nicht nur die von ihm wunderschön geschnitzten braunen und schwarzen Spielfiguren auf, sondern auch ein Stück Papier, das zu gewissen Spielzügen anleitet.

Diese sind auch der Schlüssel des Rätsels, denn folgt man ihnen, so dechiffrieren sich die Buchstaben am Schachbrett zu einer Botschaft, genauer zu einer Liebeserklärung, nämlich:

„In schwerer bittrer Zeit gedenke ich meiner lieben goldenen Antschi in Liebe.“

Leider verliert sich mit der Freilassung von Josef Strunz am 2. Juli 1918 auch seine Spur. Ob er seine „Antschi“ wieder gesehen hat, bleibt also offen.

Das Schachspiel war jedenfalls 2011 ein Dachbodenfund und wurde dem Heeresgeschichtlichen Museum als Schenkung überlassen. Seitdem lagert es aber nicht stets nur kurz im Depot des Hauses, vielmehr ist es in den verschiedensten Sonderausstellungen des Landes immer wieder zu sehen. Gut so, denn als Leihgabe für andere Ausstellungen lässt dieses einzigartige Schachspiel die Geschichte des einfachen Soldaten Josef Strunz für ein großes wie vielfältiges Publikum nicht in Vergessenheit geraten. In der Saalgruppe über den Ersten Weltkrieg im Heeresgeschichtlichen Museum widmet sich ein eigener Ausstellungsbereich ebenso dem Thema der Kriegsgefangenen. Kleidungsstücke, selbstgemachte Musikinstrumente oder sogar ein weiteres Schachspiel, erzählen wiederum andere – ganz persönliche – Geschichten von Kriegsgefangenen.

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(C) Nadja Meister
Christoph Hatschek

Christoph Hatschek

Vizedirektor HR Mag. Dr. Christoph Hatschek
Ich bin seit 1998 am Heeresgeschichtlichen Museum in Wien tätig, und nehme aktuell als Referats- und Sammlungsleiter „Uniformen, Orden- und Ehrenzeichen, Ausrüstung sowie Insignien“ in weiterer Folge als Leiter der Abteilung für Sammlungen und Ausstellungen des Museums und schließlich als Vize-Direktor (seit 2015) gleichermaßen eine „Dreierfunktion“ wahr.

Gerade für die durchaus immer wieder intensive Vorbereitung von Ausstellungen, gilt es sich stets neuen Themen zu widmen und für diese entsprechend zu recherchieren. Interviews, Vorträge und Präsentationen zu militärhistorischen Themen runden das Arbeitsspektrum ab, wobei mein persönliches Interessensgebiet insbesondere im Bereich der Forschung zur historischen Entwicklung der Soldatinnen bei den Streitkräften sowie aktuell zur Geschichte des Österreichischen Bundesheeres der Zweiten Republik liegt.

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