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Der 24 cm Belagerungs-Mörser in der Saalgruppe „Erster Weltkrieg“

Der 24 cm Belagerungs-Mörser (M.1898) ist Anlass, um auf die Beteiligung österreichisch-ungarischer Truppen bei der Verteidigung der Halbinsel Canakkale/Gallipoli näher einzugehen.

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Der 24 cm Belagerungs-Mörser in der Saalgruppe „Erster Weltkrieg“

Über die Vorgänge während der Verteidigung der Halbinsel, die strategischen Gründe für die Anlandung von Ententetruppen und die defensiven Maßnahmen, wurde an anderer Stelle berichtet. Das Schwergewicht dieses Beitrags liegt auf der österreichisch-ungarischen Beteiligung während der Dardanellenkämpfe.

Bereits im März, verstärkt jedoch ab April 1915, hatte sich die militärische Situation für die türkische Verteidigung Gallipolis/Canakkales entscheidend verschlechtert. Vor allem der eklatante Munitionsmangel für die an den Dardanellen im Einsatz stehenden türkischen Küstengeschütze hatte dazu geführt, dass diese das Feuer phasenweise einstellen mussten, was seitens der in den Landeköpfen befindlichen Ententetruppen bzw. der vor Ort liegenden alliierten Kriegsschiffe zur fälschlichen Annahme verleitete, diese Batterien wären bereits kampfunfähig geworden. Dennoch blieb die Situation für die Türken kritisch, sodass man sich um militärische und logistische Unterstützung durch die verbündeten Mittelmächten bemühte.

Für das Deutsche Reich schien nicht zuletzt aufgrund der räumlichen Nähe vor allem die österreichisch-ungarische Monarchie prädestiniert, dem schwer ringenden Bundesgenossen Hilfe zukommen zu lassen. Dabei ergaben sich, trotz erheblichen diplomatischen Drucks aus Berlin, jedoch für die k.u.k. Flotte und das k.u.k. Heer erhebliche Schwierigkeiten. Die militärische Gesamtsituation der Habsburgermonarchie war im Frühjahr 1915 überaus angespannt.

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Frontverläufe zum Jahreswechsel 1914/1915

Die verlustreichen Kämpfe 1914 am Balkan und gegen Russland hatten zu einem Gesamtverlust von rund 1,1 Mio. Mann geführt. Die Niederlagen im Nordosten machten eine Rücknahme der Truppen nach Mittelgalizien notwendig, Ostgalizien wurde von den Russen besetzt. Przemýsl, Österreich-Ungarns bedeutendste Festung im Osten, war eingeschlossen worden und hatte im März 1915 kapituliert. Erst mit der gemeinsam mit deutschen Truppen vorgenommenen Durchbruchsschlacht bei Gorlice-Tarnow im Mai 1915 schien die Offensivkraft der Russen vorerst gebannt und die schwierige Lage am russischen Kriegsschauplatz vorerst unter Kontrolle gebracht.

Dagegen waren die gegen Serbien geführten Offensiven im Jahre 1914 am schwierigen Terrain des Angriffsgeländes gescheitert; gleichzeitig war aber auch ein serbischer Gegenangriff nach Bosnien aus ähnlichen Gründen erfolglos geblieben. Die Verluste der k.u.k. Armee waren katastrophal gewesen. Mit dem Kriegseintritt Italiens im Mai 1915 mussten dann auch noch Truppen vom Balkan abgezogen und auf den italienischen Kriegsschauplatz verlegt werden.

Die serbische Armee hatte in den Kämpfen 1914 zwar gleichfalls schwere Verluste hinnehmen müssen, war aber – wenngleich kaum mehr offensivfähig – intakt geblieben und verhinderte eine Besetzung serbischen Territoriums. Dadurch bestand keine unmittelbare Landverbindung zum Osmanischen Reich und auch die Donau konnte für die Verschiebung von Truppen nicht genutzt werden. Ein Transport von Material über das noch neutrale Ausland – Rumänien, Bulgarien – war gleichfalls unmöglich. Damit rückte die k.u.k. Kriegsmarine in den Fokus der deutschen Überlegungen.

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Der Land- und Seeweg

Dem türkischen Wunsch nach Entsendung von U-Booten sollte durch die k.u.k. Kriegsmarine entsprochen werden, der für die Entsendung eines Bootes sogar zwei deutsche – allerdings noch zu bauende – U-Boote als Ersatz angeboten wurden. Dies war jedoch gänzlich unmöglich, da zu diesem Zeitpunkt insgesamt nur zwei U-Boote zur Verfügung standen, die – als reine Küstenschutzboote konzipiert – die Dardanellen auch gar nicht hätten erreichen können. Ein weiterer Plan sah sogar vor, mit sämtlichen österreichisch-ungarischen Kriegsschiffen aus der Adria auszubrechen und der an den Dardanellen liegenden Schiffen der Entente in den Rücken zu fallen. Auch wenn der tatsächliche Ausbruch aus der Adria gelungen wäre, hätten die k.u.k. Kriegsschiffe mangels benützbarer Kohlendepots im östlichen Mittelmeer ihre Operationsfähigkeit niemals aufrechterhalten können. Der euphemistische, aber unrealistische Plan wurde daher wieder fallen gelassen.

Dennoch erwies sich die k.u.k. Kriegsmarine dann im weiteren Verlauf der Entsendung deutscher U-Boote überaus hilfreich. Die auf dem Bahntransport gelieferten drei deutschen Boote wurden in Pola montiert und von österreichischen Überwassereinheiten aus betriebsökonomischen Gründen bis über die Otrantostraße geschleppt, um danach eigenständig nach Osten zu laufen. Zwei der drei Boote schafften es dann auch, türkische Gewässer zu erreichen.

Inzwischen waren die Angriffe der Entente an der Landfront Gallipolis intensiviert worden, sie hatten jedoch zu keinem entscheidenden Durchbruch geführt. Eine Anlandung von fünf weiteren britischen Divisionen in der Suvlabucht sollte den Verteidigern in die Flanke fallen, wurde jedoch nicht energisch genug betrieben und versagte damit hinsichtlich ihrer operativen Möglichkeiten.

Die gesamtstrategische Situation sollte sich schließlich mit der im Oktober 1915 gemeinsam von deutschen, österreich-ungarischen und bulgarischen Truppen begonnenen Offensive gegen Serbien entscheidend verändern.

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Die gemeinsame Offensive gegen Serbien im Oktober 1915

Der rasche Vormarsch der dafür gebildeten Heeresgruppe Mackensen ermöglichte bereits Ende Oktober 1915 konkrete Überlegungen hinsichtlich der unmittelbaren Zufuhr österreichischer Verstärkungen für das Osmanische Reich. Als erste und wohl auch dringlichste Maßnahme sollte dem Kampfraum der Dardanellen mittlere und schwere Artillerie zugeführt werden, wobei vorerst auf das schwerste und modernste k.u.k. Belagerungsgeschütz, den 30,5 cm Mörser M.11 sowie schwere 15 cm Haubitzen, reflektiert wurde.

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30, 5 cm Belagerungsmörser, Ostfront 1914

Nach einer ersten Erkundung des Kampfraumes durch zwei österreichische Artillerieoffiziere wurde jedoch infolge der schwierigen Gelände- und Wegverhältnisse entschieden, anstatt des großen 30,5 cm Mörsers den kleineren 24 cm Mörser M.98 zu entsenden.

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24 cm Mörser M.98/7

Der Transport erfolgte im ersten Ansatz auf der Donau. Die Batterie sowie Munition wurden in Kisten verpackt und auf Schleppkähne verladen. Als erste Staffel und Vorauskommando wurden vier Offiziere und 80 Mann dem Transport beigegeben, der am 22. Oktober 1915 von Wien abging. Am 2. November wurde Orsova und am 3. November Lom Palanka in Bulgarien erreicht. Zur Bedeckung des Konvois stellte die k.u.k. Kriegsmarine zwei Donaumonitore, SMS Körös und SMS Sava, sowie einen bewaffneten Dampfer, SM Almos, bereit. Am 5. November wurde bereits Rustschuk erreicht.

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Donaumonitore eskortieren den Transport

Der weitere Transport sollte dann mittels Bahn erfolgen, der die Batterie über den Schipkapass nach Adrianopel führte. In Adrianopel erreichten die Batterie dann auch die ersten taktischen Befehle hinsichtlich des beabsichtigten Einsatzes. In Uzunköprü, das am 11. November erreicht wurde, sollte auswaggoniert und danach der Landmarsch ins Kampfgebiet angetreten werden. Die Batterie wurde der türkischen 5. Armee, General Otto Liman von Sanders, unterstellt. Während der Ausladearbeiten wurden der Kommandant der ersten Transportstaffel, Oberleutnant Georg Höpflinger, sowie der Autooffizier nach Konstantinopel eingeladen und dort sowohl Enver Pascha als auch dem Sultan persönlich vorgestellt. Vier Tage später traf auch die zweite Transportstaffel mit dem ersten Batteriekommandanten, Hauptmann Barber (kurz danach krankheitsbedingt durch Kodar von Thurnwerth abgelöst) in Uzunköprü ein. Die türkische 5. Armee wies der Batterie eine Feuerstellung bei Matikdere zu. Nach einem rund 170 km Marsch erreichten 183 Mann mit vier Geschützen und sieben Kraftfahrzeugen sowie 120 „landesüblichen“ Fuhrwerken Ende November den zugewiesenen Feuerstellungsraum und eröffneten bereits am 27. November erstmals das Feuer auf die feindlichen Brückenköpfe.

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Der erste in Çanakkale aufgestellte 24 cm Mörser
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Transport der 133 kg schweren Projektile

Die vier 24 cm Mörser stellten eine willkommene Verstärkung der Verteidiger dar, da sie mit ihrem Kaliber – abgesehen von der Küstenartillerie – die schwerste Artillerie auf Gallipoli darstellten. Auf eine maximale Reichweite von rund 6500 Meter konnten rund 133kg schwere Projektile verschossen werden. Die Konstruktionsarbeiten am 24 cm Mörser waren bereits auf die Jahre 1896/1898 zurückgegangen.

Damals sollte ein schweres Belagerungsgeschütz geschaffen werden, welches im Festungskampf schwere Panzerkuppeln durchschlagen könnte. Nach zahlreichen Versuchen und Adaptierungen wurde das Geschütz im November 1900 als „24 cm M.98 Mörser“ eingeführt. Die Produktion erfolgte über die Škodawerke in Pilsen. Beim M.98 Mörser handelte es sich um das erste Rohrrücklaufgeschütz der k.u.k. Armee. Der 24 cm Belagerungsmörser stellte jedoch noch in einer zweiten Hinsicht ein Novum innerhalb des österreichisch-ungarischen Geschützwesens dar. Es war das erste Geschütz, welches ausschließlich mittels „Autozug“ transportiert werden konnte. Die diesbezüglichen Versuche erfolgten ab dem Jahr 1908 und wurden 1909 abgeschlossen. Als Zugmaschine diente das Artillerie-Zugauto M.09.

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Der Transport mittels "Autozug"

Das erste Feuerschwergewicht der Mörserbatterie lag auf den britischen Stützpunkten bei Mastantepe und Purnartepe, danach am Kanli-Syrt. Danach wurden die bei Anafarta und Ariburnu liegenden Truppen erfolgreich bekämpft. Nach der Räumung dieser Abschnitte durch die Entente wurde die Batterie nach Süden verlegt, wobei die durch strömenden Regen schwer beeinträchtigten Wege den Geschütztransport erheblich erschwerten. Teilweise musste ein komplettes türkisches Infanteriebataillon zur Unterstützung herangezogen werden. Die Batterie, die inzwischen die türkische Ordnungszahl Nr. 9 erhalten hatte, verblieb dann bis 7. Jänner 1916 bei der Südgruppe und verfeuerte 200 Granaten. Vonseiten der Entente wurden mehrfach Anstrengungen unternommen, die österreichische Batterie aufzuklären und mittels Schiffsartillerie zu bekämpfen. Durch geschickte Stellungswechsel und ausgezeichnete Tarnung gelang es dem Batteriekommandanten wirkungsvolles Gegenfeuer zu verhindern.

Unmittelbar nach dem Eintreffen der Mörserbatterie Nr. 9 in Uzunköprü war inzwischen die zweite k.u.k. Batterie, die 15 cm schwere Haubitzbatterie Nr. 36 des Festungsartillerieregiments Nr. 7 unter dem Kommando des Hauptmanns Karl Manouschek, auf demselben Transportweg eingetroffen. Die Batterie war bereits mit dem modernen, gerade in Serienproduktion gegangenen 15cm M.14 Haubitzen System Škoda ausgerüstet. Das Rohrrücklaufgeschütz war in der Lage, rund 40 kg schwere Geschosse auf eine Entfernung von bis zu 8000 m zu verschießen. Der Transport erfolgte in zwei Fuhrwerken – Rohr- und Lafettenwagen – mit jeweils sechsspännigem Pferdezug.

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15 cm Haubitze M.14

Dass man die Batterie mit so modernen, eigentlich vorrangig an österreichisch-ungarischen Fronten benötigten Geschützen ausrüstete, dürfte sowohl politische als auch kommerzielle Gründe gehabt haben. In politischer Hinsicht sollte damit das Einverständnis der osmanischen Regierung zu Kriegsbeginn 1914, bei Škoda vorrätiges türkisches Haubitzmaterial der k.u.k. Armee zu überlassen, honoriert werden. Zusätzlich sollte das moderne Material im Einsatz wohl aber auch einen gewissen Marketingeffekt darstellen, um die Škodawerke auch bei zukünftigen Rüstungsprojekten der osmanischen Armee stärker zu positionieren.

Auf türkischen Wunsch wurde die Batterie durch Beistellung eigener Zugtiere vor Ort bespannt. Am 15. Dezember 1915 trat die Batterie mit vier Geschützen und den entsprechenden Munitions-und Requisitenwägen den Marsch auf die Halbinsel an. Ab 18. Dezember wurden die Geschütze mit Büffeln (!) der türkischen 5. Armee bespannt.

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Der Tranport der Batterie auf der Halbinsel mittels Büffeln.

Das Armeekommando sah für die Batterie den Einsatz bei der Südgruppe der Verteidigung vor und wies eine Feuerstellung bei Soganlidere zu. Bereits am 24. Dezember eröffneten die Geschütze das Feuer auf die im Raum Seddil-Bahr liegenden britischen und französischen Truppen. Ähnlich den 24 cm Mörsern galt auch den österreichischen 15 cm-Geschützen erhöhte Aufmerksamkeit des Gegners. Man versuchte mit Feuerüberfällen und Sperrfeuer die Haubitzen auszuschalten. Die Batterie wurde mehrmals auch aus der Luft angegriffen, erlitt jedoch keine Verluste. Bis 3. Jänner 1916 gelang es im Gegenzug zwei feindliche Batterien zum Schweigen zu bringen.

Am 9. Jänner 1916 verließen bekanntlich die letzten Truppen der Entente Gallipoli. Damit endete auch der Einsatz der beiden österreichisch-ungarischen Batterien auf der Halbinsel. Über den tatsächlichen militärischen Wert und die dem Gegner beigebrachten Verluste lässt sich bis heute keine endgültige Einschätzung abgeben. Trotzdem stellten die acht modernen Geschütze sicherlich eine wertvolle Unterstützung der Anstrengungen der türkischen 5. Armee dar und bildete den Auftakt zu weiteren Verstärkungen des osmanischen Verbündeten durch die k.u.k. Armee.

Die 15 cm-Batterie wurde als erste aus dem Einsatzraum zurückverlegt, erreichte am 27. Jänner 1916 Akbasch und am 2. Februar Konstantinopel, wo am 7. Februar eine Besichtigung durch Enver Pascha erfolgte. Danach kam die Batterie bei Smyrna zum Einsatz, wo die Versenkung des britischen Monitors M-30 bei Tschiftlik gelang.

Die 24 cm Mörserbatterie verblieb bis Ende Februar 1916 auf Gallipoli und erreichte danach Konstantinopel, wo sie mehrere Wochen zur Materialauffrischung verblieb. Die Zeit wurde auch genutzt, um türkische Offiziere und Mannschaften am österreichischen Geschützmaterial auszubilden. Ende Juni 1916 verließ die Batterie dann Konstantinopel. Sie wurde in den Golf von Smyrna verlegt, um dessen Zufahrt gegen Angriffe von der Seeseite zu schützen.

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Ausbildung türkischer Soldaten

Im Verlauf des Jahres 1916 wurde das militärische Engagement der k.u.k. Monarchie im Osmanischen Reich kontinuierlich verstärkt und erreichte seinen Höhepunkt im Jahre 1917. Neben zahlreichen Batterien der Feld- und Gebirgsartillerie gelangten vor allem motorisierte Nachschubkolonnen, Sanitäts- und Logistikeinrichtungen zum Einsatz. Die Truppenstärken schwankten sehr stark, umfassten jedoch mehrere tausend Soldaten.

M. Christian Ortner

M. Christian Ortner

Direktor HR Mag. Dr. M. Christian Ortner, ObstdhmfD

Ich bin seit 1995 am Heeresgeschichtlichen Museum in Wien tätig, vorerst als Referats- und Sammlungsleiter „Militärtechnik“ (zuständig für Marine, Luftfahrt, Waffenwesen, Artillerie, Munitionswesen, Harnische, Festungswesen, Modelle, militärische Optik etc.) sowie in weiterer Folge als Leiter der Museums- und Sammlungsabteilung. Seit 2007 bin ich Direktor des HGM/MHI.

Einer meiner Forschungsschwerpunkte ist "Österreich-Ungarn 1848 bis 1918".

Zusätzlich bin ich Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Ordenskunde (ÖGO), der Österreichischen Gesellschaft für Heereskunde, des International Committee of Museums and Collections of Arms and Military History (ICOMAM), bin Mitglied der Österreichischen Kommission für Militärgeschichte (CAHM) und Stv. Vorsitzender des Militärhistorischen Beirats der Wissenschaftskommission beim BMLV.

Preisträger des Werner-Hahlweg Preises für Militärgeschichte 2008
Verleihung des Civil Servant of the Year 2012

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