HGM Wissensblog

Die Jakobinermütze des Heeresgeschichtlichen Museums

Ein Beutestück aus dem 1. Koalitionskrieg (1792-1797)

Hinter der unscheinbaren Inventarnummer R 531 verbirgt sich ein wahrer Schatz des Heeresgeschichtlichen Museums, der jahrzehntelang vollkommen in Vergessenheit geraten war, wahrscheinlich auch geblieben wäre, wenn da nicht die fleißigen Hände der Mitarbeiter/innen der hauseigenen Ateliers gewesen wären, die sich stets darum bemühen, die Depotbestände des Referats wieder auf Vordermann zu bringen.

Während des Ersten Koalitionskrieges, im Sommer 1793, als es den österreichischen Truppen erneut gelang, die Initiative zu ergreifen und von Belgien aus in das revolutionäre Frankreich vorzustoßen, konnten im elsässischen Raum zahlreiche Beutestücke „erworben“ werden, die schließlich ihren Weg in das kaiserliche Zeughaus nach Wien finden sollten. Neben zahlreichen Fahnen war es nicht zuletzt auch die nunmehr zu besprechende Jakobinermütze, die bereits um 1900 in diversen Sonderausstellungen des Heeresmuseums zu sehen war.

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Die Jakobinermütze, ausgestellt im Saal der Revolutionen

In den 20er und 30er Jahren verlor sich jedoch ihre Spur, und so lässt sich die Jakobinermütze erst wieder gegen Ende der 50er Jahre nachweisen, als der erste zaghafte Versuch unternommen wurde, das betreffende Stück zu restaurieren. Dieses Projekt musste jedoch aufgrund seiner Komplexität wieder fallen gelassen werden, und die „Mütze“ wurde wieder entsprechend „gut“ verstaut… so gut, dass sie eine ganze Restauratoren-Generation übersprang und im Zuge von Depotumräumarbeiten im Jahr 2000 wieder entdeckt wurde.

Mythos und Geschichte

Ein Hut überhöht seinen Träger, lässt ihn sprichwörtlich größer werden. Als ,Ritualhut‘ ist er ein Kennzeichen der Herren und Herrschenden. Eine Mütze dagegen signalisiert den niederen Stand. Eine ganz bestimmte Mützenform, die bis in die Gegenwart lebendig ist, hat eine Jahrhunderte lange, ungewöhnliche und nahezu unbekannte Karriere hinter sich: die [Jakobinermütze bzw.] phrygische Mütze.1

Diese hohe, kugelförmige, helmartige Kopfbedeckung mit abgeknickter, nach vorne gelegter Spitze ist bereits seit der Partherzeit aus vielen Abbildungen von Gottheiten und diversen Heroen2 bekannt und war gerade im Orient weit verbreitet. Die Mütze wurde aus dem gegerbten Stierbeutel und dessen angrenzender Fellpartie hergestellt. Nach der weit verbreiteten mythischen Vorstellung sollte dabei vor allem die lebensspendende Kraft des Stieres durch die Mütze auf ihren Träger übergehen, indem man „buchstäblich“ in die Haut des Tieres schlüpfte.3

Symbolwirkung

Der Sage nach war es der Gott Apollon, der den König von Phrygien Midas mit Eselsohren bestrafte, weil dieser ihm in einem musischen Wettstreit widersprochen hatte. Midas ließ sich daraufhin eine besondere Mütze anfertigen, um seine langen Ohren vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Das besondere Kennzeichen dieser spitz zulaufenden Mütze war der schon zuvor erwähnte nach vorn geneigte Zipfel. Die Geheimhaltung scheiterte jedoch bald an der Redseligkeit des königlichen Friseurs, der trotz strengster Strafandrohung sein Wissen um die königlichen Ohren ausplauderte. Aber was sich schließlich wie ein Lauffeuer verbreitete, führte nicht etwa zur Lächerlichkeit des Königs, nein ganz im Gegenteil: Diese Mütze wurde gewissermaßen zum wichtigsten Symbol des offenen Widerspruchs des Menschen gegenüber den Göttern, von „denen da unten“ gegen die Bevormundungen „da oben“. Das aufrührerische und obrigkeitskritische Tun dieser so Bemützten sollte sich im Laufe der Geschichte noch vielfach wiederholen und wurde oft auch bildlich dargestellt und dementsprechend dokumentiert.

Die phrygische Mütze ist für uns heute sicherlich mehr als eine bloße Kopfdeckung. Sie bildet vielmehr ein Symbol. Zeichen dieser Art spielen und spielten seit den ältesten Zeiten der Menschheit eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Zusammenleben. Sie fassen Intentionen und politische Botschaften zusammen, erweitern verbale Äußerungsformen um einen emotionalen Faktor und rufen unweigerlich Assoziationen und Reaktionen, Zustimmung oder Ablehnung des jeweiligen Betrachters mit dem geistigen Hintergrund der betreffenden Darstellung hervor. So verhält es sich auch mit der Freiheitsmütze. Sie kann unzweifelhaft als das erste übernationale politische Symbol betrachtet werden und hat bis zum heutigen Tag nichts von seiner Bedeutung in unserer Gesellschaft eingebüßt. Mit dem Entstehen der Nationalstaaten verbreitete sie ihre Symbolwirkung und zog schließlich im Zuge der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung und der Französischen Revolution praktisch die gesamte westliche Welt in ihren Bann.

Als Freiheitssymbol war diese Mützenform jedoch bereits in der Antike durchaus bekannt: Schon in etruskischer Zeit gelangte die symbolträchtige Mütze der Phrygier als Erkennungszeichen freiheitsbewusster Lebenshaltung nach Italien. So erhielten beispielsweise freigelassene Sklaven bereits bei den Römern in einer feierlichen Zeremonie von ihrem bisherigen Herrn einen Hut oder eine Art Mütze (lat. pileus) zum Zeichen ihrer Freilassung aufgesetzt. Bereits damals wurde die Freiheitsmütze schon über den eigentlichen Gegenstand hinaus zum bildhaften Symbol.

Im christlichen Abendland tauchte die gezipfelte Mütze zunächst als Kopfbedeckung der heiligen drei Könige auf, wobei die phrygischen Mützen hier vor allem die Herkunft der Mützenträger aus Kleinasien und ihren Stand, die Zugehörigkeit zu den Priestern, unterstreichen sollten. Auch die frühen Päpste trugen zunächst eine der phrygischen Mütze sehr ähnliche Kopfbedeckung, wie wir sie noch heute – in einer weitestgehend säkularisierten Form – beim allseits beliebten Weihnachtsmann wiederfinden. Im Mittelalter sollte sich die Bedeutung der phrygischen Mütze grundsätzlich ändern. Die Mütze diente bis zum 11. Jahrhundert eher der Stigmatisierung der Juden und sollte schließlich durch den konisch geformten „Judenhut“ ersetzt werden, der fortan für sämtliche Angehörige des jüdischen Glaubens verpflichtend zu tragen war.

Als Freiheitssymbol lässt sich die Mütze erst wieder in der Zeit des französischen Königs Heinrich II. (1547-1559) festmachen. Dieser Herrscher, der sich oft selbst gerne als Protektor der italienischen und deutschen Freiheitsbestrebungen sah, ließ Mitte des 16. Jahrhunderts Silbermünzen mit entsprechenden Darstellungen prägen, um damit nicht zuletzt vor allem seinen Kampf gegen Kaiser Karl V. finanzieren zu können.

Die Französische Revolution von 1789

Den weltweiten Siegeszug sollte die Freiheitsmütze, „bonnet de liberté“ oder auch „bannet rouge“ (rote Mütze) genannt, freilich erst im Zuge der Französischen Revolution antreten.

„Als erste bürgerliche Revolution, als erste von breiten Bevölkerungsschichten getragene Massenbewegung der Neuzeit, die um ihrer Effektivität und Überzeugungskraft willen auf eigene neue Organisationsstrukturen angewiesen war, zeitigte diese Revolution gleichsam auch neue politische Praktiken.“

Revolutionäre Abzeichen und Kleidungsstücke wie die blau-weiß-rote Kokarde oder die Jakobinermütze sollten die neue revolutionäre Einstellung des Bürgers auch entsprechend nach außen hin sichtbar machen. In der „Öffentlichkeit“ wurde die rote Mütze vor allem zum Kennzeichen der Vertreter der radikalen Volksbewegung und fand besonders unter den Mitgliedern der so genannten „Jakobinerklubs“4 Anklang.

Die „bannet rouge“ war aber gerade als Kopfbedeckung der unteren Schichten auch schon im vorrevolutionären Frankreich bekannt. Vor allem die Küstenbewohner des Mittelmeerraumes, die Fischer und Seeleute, trugen vielfach die charakteristischen roten Zipfelmützen. Wenn man der in der Literatur weit verbreiteten Meinung Glauben schenken darf, waren es schließlich auch Seemänner, die die roten Mützen in Paris „einführten“. AIs im Jahre 1792 die auf Beschluss der französischen Nationalversammlung befreiten Schweizer Söldner von Chateauviaux5 von Brest mit ihren roten Mützen feierlich in Paris einzogen, um an einem „Fest der Freiheit“ teilzunehmen, fand diese Kopfbedeckung eine derart begeisterte Aufnahme, dass sich ihre Verwendung mit einer geradezu bemerkenswerten Geschwindigkeit ausbreiten sollte. Die rote Mütze war aber bereits zu Beginn der Revolution aufgetaucht. So finden sich schon in den zeitgenössischen Berichten des Sturms auf die Bastille 1789 entsprechende Hinweise auf blaue, weiße, grüne und eben jene roten Mützen, die von den Revolutionären bei diesen Ereignissen getragen wurden. Dies mag bei der Vorliebe des ausgehenden 18. Jahrhunderts für die Antike auch nicht weiter verwundern. Dem Volk wurde die „phrygische Mütze“ als Symbol der Freiheit und aller Feinde des Despotismus präsentiert, was ihre Popularität entsprechend begünstigen und nicht zuletzt auch steigern sollte.

Wirklich beliebt sollte die Jakobinermütze jedoch nur in der kurzen Zeit der bürgerlichen Revolutionsregierung 1792 bis 1794 sein, als die Forderung der Brüderlichkeit in solchen Gruppenabzeichen gerade ihre Bestätigung suchte. Im Alltag der Revolution war die Freiheitsmütze vor allem das Symbol und Erkennungsmerkmal der radikalen Volksbewegung
der „Sansculotte“.6 Auf ihren Sektionsversammlungen durfte man ab 1792 nur noch mit aufgesetzter roter Mütze das Wort ergreifen und an den Diskussionen teilnehmen.7

Die einfache rote Mütze fand aber auch gerade unter der breiten Masse des Volkes verstärkt seine Träger. Diese wiederum sahen sich so bemützt als selbsternannte „Vertreter der Revolution“ und begingen in ihrem Namen eine Vielzahl von Verbrechen, die schließlich in der Schreckenszeit, dem so genannten „terreur“, enden sollten: Wer nicht für die Jakobiner war, war gegen sie und damit gegen die Revolution. Er wurde von den „Rotbemützten“ gnadenlos verfolgt und endete zumeist unter dem Fallbeil der Guillotine.

Die Freiheitsmütze als neues Staatssymbol

Mit dem Sturz der Jakobinerdiktatur am 27. Juli 1794, dem so genannten „9. Thermidor“, verschwand die Freiheitsmütze als Kleidungsstück allerdings genauso schnell wieder aus dem öffentlichen Leben, wie sie zuvor aufgetaucht war. Zum einen galt sie schon damals als ein wenig „antiquiert“ und der aktuellen Mode nicht mehr entsprechend, zum anderen erinnerte sie einfach noch zu sehr an die eben erwähnte Schreckenszeit.

Erst allmählich sollte die Jakobinermütze wieder ihre positive Bedeutung in der öffentlichen Meinung zurückgewinnen und damit der eigentliche Siegeszug der „bonnet de liberté“ als bildhaftes Symbol der Freiheit beginnen. Einer der dafür möglicherweise ausschlaggebenden Gründe war nicht zuletzt der, dass die Jakobinermütze praktisch die gesamte neue republikanische Staatssymbolik prägte. Bereits 1792 war mit der Abschaffung des Königtums das Haupt Ludwigs XIV. vom Staatssiegel8 verschwunden und an seine Stelle eine Allegorie der neuen Republik getreten: die „liberté“, eine junge Frau, die sich mit der einen Hand auf ein Rutenbündel stützt und in der anderen eine Lanze mit aufgesetzter Freiheitskappe hält. Die Freiheitsmütze erschien darüber hinaus aber auch oft isoliert auf vielen anderen Siegeln und Emblemen des Staates, um nicht zuletzt auch hier ein deutliches Zeichen gegen die Krone und das „Ancien Regime“ zu setzen. Die bildliche Darstellung der Freiheitsmütze zeigte sich in vielfältigster Weise; so finden sich Abbildungen in entsprechenden Zeichnungen, Bildern und auf Münzen, wo man entweder nur die Freiheitsmütze oder den mit ihr bedeckten Kopf der „Marianne“ abgebildet sieht. Schmuckblätter mit dem Text der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte waren neben allegorischen Bildern gleichfalls mit der „bannet de liberté“ bedruckt.

Aber auch die Fahnen der Nationalgarden und vor allem jene der Armee mussten entsprechend neu gestaltet werden und zeigten zumeist neben den Rutenbündeln (lat. fasces) im weißen Mittelfeld die Freiheitsmützen. Gemäß einem Dekret des Konvents war schließlich auch die Fertigung der Uniformknöpfe für die Armee mit einer entsprechenden Abbildung der Jakobinermütze vorgesehen. Wie kaum eine andere religiöse oder politische Bewegung zuvor verstand es die Französische Revolution, ihre Ideen und Ziele entsprechend zu propagieren, wobei die Jakobinermütze stets das zentrale Element bildete. Die roten Mützen wurden bei sämtlichen Siegesfeiern und staatlichen Festakten, bei Umzügen und Kundgebungen verstärkt eingesetzt und immer wieder an langen Stangen im Festzug mitgetragen. Besonders gefördert wurde die Publizität der Freiheitsmütze unter anderem durch die Sitte der so genannten „Freiheitsbäume“, die auf die bäuerliche Tradition der Maibäume zurückgingen und die nunmehr häufig mit phrygischen Mützen bekrönt waren. Auch bei der im Heeresgeschichtlichen Museum ausgestellten Jakobinermütze dürfte es sich um ein solchen „Schmuckgegenstand“ gehandelt haben, der „von den Anhängern der Revolution der Nationalgarde von Besançon“ gewidmet worden war.

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Die im Saal der Revolutionen ausgestellte Jakobinermütze

Eine entsprechende Darstellung eines solchen Freiheitsbaumes findet sich beispielsweise auf einer Federzeichnung Goethes auf der (durchscheinenden) Rückseite seines Briefes an Herder vom 16. Oktober 1792 aus Luxemburg.9

Die „bonnet de liberté“ als übernationales Symbol

Ganz im Gegensatz zur Trikolore blieb die Freiheitsmütze jedoch kein national französisches Symbol, sondern wurde bald zum allgemeinen Symbol für die Freiheit und den revolutionären Geist in der ganzen Welt. Sie verkörperte gewissermaßen den Gedanken der „Menschenbefreiung“. Von Frankreich aus verbreitete sich diese Freiheitssymbolik vor allem während der so genannten „Koalitionskriege“ auf die benachbarten späteren Tochterrepubliken, wie die Helvetische, Ligurische, Cispadanische, Cisalpinische, Römische oder Parthenopäische Republik. Aber auch in Deutschland und Österreich tauchte die „epochemachende“ Mütze immer wieder auf und fand ihre Anhänger in revolutionären Kreisen. Praktisch in der ganzen Welt wurde diese einfache Mütze aus rotgefärbtem Stoff zur Krone der Revolution und zum Zeichen der Freiheit schlechthin. Die Freiheitsmütze als republikanisches Symbol griff auch sehr rasch auf den amerikanischen Kontinent über, vor allem als die lateinamerikanischen Republiken die spanische Kolonialherrschaft zwischen 1810 und 1820 abzuschütteln begannen.

Dass die Freiheits- bzw. Jakobinermütze im Grunde genommen bis heute nichts von ihrer Symbolik verloren hat, ist nicht zuletzt daran zu erkennen, dass beispielsweise die Freiheitsmütze damals in die Hoheitszeichen zahlreicher Staaten in Mittel- und Südamerika einging und sich beispielsweise noch heute in den Wappen von Argentinien, Bolivien, Kolumbien, Paraguay, Nicaragua, El Salvador, Kuba und Haiti findet. Auch in Nordamerika wurde und wird die „republikanische“ Mütze in ihrer antimonarchistischen Tradition gepflegt und entsprechend dargestellt.10

Die Jakobinermütze – das museale Objekt

Darstellungen von Jakobinermützen gibt es entsprechend viele, jedoch haben sich über die Jahrhunderte nur sehr wenige Originalstücke erhalten. Diese sind natürlich zunächst vor allem in Frankreich selbst zu finden, beispielsweise im Musée Historique de Lyon (Musée Gadagne), dem Musée de la Revolution francaise in Vizille, im Musée Carnavalet, im Musée de l’Armee in Paris oder im Musée de l’Emperi (Salon de Provence). Darüber hinaus gibt es nur noch Einzelstücke im Textiles and Costumes Museum of FineArts (Boston, USA) und im Museum „Gotisches Haus“ in Bad Homburg11, wobei viele dieser Kopfbedeckungen zum Teil auch erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts gefertigt wurden.

Die Beschaffenheit der im HGM ausgestellten Jakobinermütze

Die Mütze besteht insgesamt aus drei Teilen:

1. einem Kern aus teilverzinntem Eisenblech
2. einem kaum verzierten krapproten Wollstoff als Oberteil, dessen rötliche Farbe jedoch bereits erheblich ausgeblichen ist, und schließlich.
3. einem im unteren Viertel angebrachten, separat gearbeiteten Aufschlag, der den freigelassenen Teil des Eisenblechs bedeckt. Dieser war ursprünglich an der Unterkante nach innen eingeschlagen und an den durch das Eisenblech gestanzten Löchern festgenäht.

Auf diesem Umschlag befindet sich ein ca. 2 cm breiter Streifen aus himbeerrotem Wollgewebe mit einer Stickerei aus Pailletten und Bouillondraht, worauf zu lesen steht:
„PAR LESAMIS ET L. … MIES DE LA LIBERTE. … . … LEGALITE//DE BESANCON AU 3EME//BATAILLON DU GARDE (…)12
„ Von den Freunden und (Freund)innen der Freiheit… Gleichheit//von Besançon13 an das 3. Bataillon der (National-)Garde…“

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Teil des Umschlages mit dem Schriftzug

Der Zustand der Jakobinermütze war bereits bei ihrem Auffinden im Jahr 2000 ein äußerst bedenklicher, da die textilen Bestandteile zum Teil schon sehr abgebaut waren und das Eisenblech – offenbar bereits durch seinen Gebrauch bzw. auch durch falsche Lagerung – entsprechend korrodiert war. Durch die Eisenkorrosion wiederum hatten sich in den Wollstoff zusätzlich Eisensalze eingelagert, wodurch die Fasern sowohl mechanisch als auch chemisch unweigerlich weiter geschädigt worden waren. Diese Schäden ließen sich vor allem durch die auf dem Wollstoff leicht erkennbaren rotbraunen Flecken feststellen. Darüber hinaus fanden sich eine Vielzahl von olivgrünen und schwarzen schadhaften Stellen an der Außen- sowie zusätzliche gelbliche Bereiche an der Innenseite des Wollstoffs, die offensichtlich durch das Auftreten von Mikroorganismen hervorgerufen worden waren.

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Der Blechkern

Der aus Eisenblech gefertigte Kern war besonders stark deformiert und vermutlich durch unsachgemäße Lagerung so plattgedrückt, dass die beiden Teile des Kerns an den Falzen bereits entsprechend weit auseinandergeplatzt waren. Der Wollstoff wies zahlreiche Schadstellen wie Risse und eben angesprochene Flecken, aber auch Fehlstellen auf, die auf einen seinerzeitigen starken Insektenbefall hindeuten. Das Objekt wies darüber hinaus noch zahlreiche Spuren eines weißen, pudrigen, teilweise bereits fest verbackenen Belags auf, die sich schließlich als Reste von DDT-Pulver bzw. als Reste einer entsprechenden Trägersubstanz (Silikagel) entpuppten.14 Das stark chlorhaltige DDT hatte offensichtlich die bereits zuvor eingetretenen Schädigungen zusätzlich verstärkt und sein Übriges zum weiteren Ausbleichen und Austrocknen des Wollstoffs beigetragen. Die Stickerei war ebenfalls stark geschädigt, und die Pailletten sowie der Bouillondraht waren fast vollständig mit einer schwarzen Korrosionsschicht überzogen.

Die Restaurierung der Jakobinermütze

Bevor man mit der eigentlichen Bearbeitung des Stückes überhaupt beginnen konnte, musste die wohl komplexeste Frage beantwortet werden: Sollte die Jakobinermütze einer vollständigen Restaurierung oder einer nur teilweisen Konservierung unterzogen und damit eine weitestgehende Erhaltung des „lst-Zustandes“ erreicht werden? Da die Jakobinermütze an sich bereits ein historisches Stück darstellte, welches zahlreiche„Spuren der Geschichte“ aufwies, die nicht zuletzt durch ihre Verwendung bzw. durch ihren Erwerb hervorgerufen worden waren, galt es, diese nicht zwangsweise durch eine vollständige Restaurierung massiv zu verändern. Es musste jedoch gerade im Hinblick auf die Präsentation im HGM für eine entsprechende Pflege sowie optimalen Schutz der einzelnen Objektteile gesorgt werden. Aus dieser Überlegung heraus entschied man sich, die Jakobinermütze einer so weitreichenden Konservierung wie möglich zu unterziehen. Hierzu musste jedoch zunächst in entsprechenden Vorversuchen ein geeignetes Behandlungskonzept erarbeitet werden. Das Hauptproblem, vor dem die hauseigenen Restauratoren und Restauratorinnen von Beginn an standen, war dabei vor allem, dass man auf keine wie auch immer gearteten Erfahrungen in der Bearbeitung eines solchen Stückes zurückgreifen konnte. Viele der Arbeitsschritte sollten und konnten sich daher eigentlich erst während der Bearbeitung der Mütze selbst ergeben: Während die Koordination der durchzuführenden Arbeiten seitens des Heeresgeschichtlichen Museums durch Kollegin Margot Birklbauer übernommen wurde, konnten gerade durch den Kontakt und den überaus wertvollen Erfahrungsaustausch mit der Textilrestauratorin des damaligen Völkerkundemuseums (heute Weltmuseum), Frau Barbara Matuella, wichtige Fortschritte in der Bearbeitung des Stückes erzielt werden. Für die chemischen Analysen konnte dankenswerterweise Herr Dr. Hubert Paschinger vom Bundesdenkmalamt gewonnen werden. Nicht zuletzt aufgrund dieser „Teamarbeit“ stellt die Restaurierung der Jakobinermütze daher ein besonders gelungenes Beispiel der Kooperation auf dem österreichischen Restauratorensektor dar.

Heute ist die Jakobinermütze im Saal der Revolutionen ausgestellt!

1 „König Midas, die drei Weisen, Nikolaus und die Punks“. Die phrygische Mütze als Symbol der Aufmüpfigen. https://www.brauchtum.de/de/winter/sankt-nikolaus/unterseiten/koenig-midas-die-drei-weisen-nikolaus-und-die-punks.html

2 (…) Als Träger der phrygischen Mütze erscheinen in der griechischen Kunst auch mythische Gestalten orientalischer Herkunft (Orpheus, Adonis, Ganymed, Paris, Amazonen) sowie orientalische Gottheiten wie Mithras oder Dolichenus.

3 Gérard Seiterle, Die Urform der phrygischen Mütze. In: Antike Welt. Zeitschrift für Archäologie und Kunstgeschichte 16 (1985), 3-13. Im Original haben sich solche Kopfbedeckungen leider nicht mehr erhalten. Jedoch ist in diesem Zusammenhang ein tiaraartiger Bronzehelm interessant, der gegen Ende des 4. Jahrhunderts vor Christus datiert wird, aus Herculaneum stammt und sehr ähnliche Formen aufweist.

4 Benannt nach ihrem Versammlungsort, dem ehemaligen Kloster St. Jakob.

5 Paul de Valiere, Treue und Ehre. Geschichte der Schweizer in fremden Diensten, Neuenburg o.J., 504-507.

6 Die langen Röhrenhosen, die sie kennzeichneten, waren im politischen Kontext Ausdruck der radikalen Absage an die Kniehosen tragenden Vertreter des Ancien Regime.

7 Eine der Sektionen trug sogar den Namen „Section du bonnet rouge“.

8 Gemäß dem Dekret vom 15. August 1792 der Legislative darstellend eine Freiheitsfigur in der Hand eine Pike haltend, die mit einer Freiheitsmütze bekrönt ist.

9 Goethe verarbeitete das Thema der Französischen Revolution u.a.in der Komödie „Der Bürgergeneral“ (1793), worin der Agitator Schnaps die Revolution auf dem Dorfe einzuführen versucht und von der Errichtung des Freiheitsbaums träumt, und in dem Epos „Hermann und Dorothea“ (1798), wo der Ausdruck Bäume der Freiheit gewählt wurde.

10 Der US-Senat führt beispielsweise bis heute eine Jakobinermütze in seinem Siegel, desgleichen die Bundesstaaten Arkansas, Iowa, New Jersey, New York, North Carolina, Pennsylvania, Virginia und West-Virginia.

11Auskunft der Konservatorin Simone Blazy, Musée Historique de Lyon, vom 27. April 2000 sowie Konservator Alain Chevalier, Musée de la Révolution francaise.

12 Im Ausstellungskatalog zur Erzherzog Karl Ausstellung von 1909 wurde der Text bereits rekonstruiert wiedergegeben:
«Par les amis et les amies de la liberte et de l’egalite au 3eme Bataillon de Besancon du Gar(de)». Wahrscheinlich war damals noch mehr Schrift erhalten, allerdings ist in dem genannten Ausstellungskatalog nicht berücksichtigt, dass der bestickte Streifen zwei Schnitte aufweist, die hier durch [//] gekennzeichnet sind.

13 Die Stadt in der Region Franche-Comté ist vor allem durch seine Zitadelle berühmt, die zu Vaubans Meisterwerken militärischer Architektur zählt.

14 DDT wurde gemäß den letzten schriftlichen Aufzeichnungen noch bis ins Jahr 1958 zum Schutz gegen Mottenbefall verwendet.

Christoph Hatschek

Christoph Hatschek

Vizedirektor HR Mag. Dr. Christoph Hatschek
Ich bin seit 1998 am Heeresgeschichtlichen Museum in Wien tätig, und nehme aktuell als Referats- und Sammlungsleiter „Uniformen, Orden- und Ehrenzeichen, Ausrüstung sowie Insignien“ in weiterer Folge als Leiter der Abteilung für Sammlungen und Ausstellungen des Museums und schließlich als Vize-Direktor (seit 2015) gleichermaßen eine „Dreierfunktion“ wahr.

Gerade für die durchaus immer wieder intensive Vorbereitung von Ausstellungen, gilt es sich stets neuen Themen zu widmen und für diese entsprechend zu recherchieren. Interviews, Vorträge und Präsentationen zu militärhistorischen Themen runden das Arbeitsspektrum ab, wobei mein persönliches Interessensgebiet insbesondere im Bereich der Forschung zur historischen Entwicklung der Soldatinnen bei den Streitkräften sowie aktuell zur Geschichte des Österreichischen Bundesheeres der Zweiten Republik liegt.

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