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Die 38 cm Haubitze M.16 des Heeresgeschichtlichen Museums

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Die 38 cm Haubitze M.16 in der Ausstellung über den Ersten Weltkrieg © Nadja Meister

Die 38 cm Haubitze M.16 ist heute mit Sicherheit nicht nur das markanteste Objekt des Saals der permanenten Ausstellung über den Ersten Weltkrieg, sondern zählt auch im internationalen Vergleich zu einem der bedeutendsten Museumsgeschütze der Welt. Die technische Entwicklungsgeschichte dieser Haubitze führt uns unmittelbar in die Zeit des Ersten Weltkrieges zurück, als sich durch den Übergang zum Stellungskrieg ein verstärkter Bedarf an schweren Geschützen ergab. Darüber hinaus erforderte der klassische Festungskrieg, also die Belagerung von modernen Festungen, ein Kaliber von mindestens 24 cm, um gegen gepanzerte Kavernen und Panzerkuppeln noch ausreichende Wirkung erzielen zu können. Neben der als besonders wichtig erachteten Geschosswirkung sollten jedoch auch Geschossreichweite, Beweglichkeit und leichte Manipulierbarkeit beachtet werden. Wohl aus diesen Gründen wurde parallel zur 38 cm Haubitze auch eine 24 cm Kanone entwickelt.

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Bereits auf einem Waggon verlastete Lafette der 38 cm Haubitze M.16 © HGM

Beide Geschütztypen1, die sich lediglich hinsichtlich der Rohr- und Wiegenausführung voneinander unterschieden, entstanden aus einer Eigeninitiative der Škoda-Werke heraus,
deren Generaldirektor, Karl Freiherr von Škoda, im Frühjahr 1915 die durch „seine” 30,5 cm Mörser niedergekämpften belgischen Festungen besichtigt und die Bedeutung derartiger schwerer Geschütze im Stellungskrieg erkannt hatte. Die österreichisch-ungarische Armee hatte auf deutsches Ersuchen acht 30,5 cm Mörser M.11, bei Kriegsbeginn das effizienteste Geschützsystem und nicht zu Unrecht auch als „Wundergeschütz” bezeichnet, zur Verfügung gestellt, die einen hohen Anteil am erfolgreichen Abschluss der Kämpfe im Westen hatten.2 Nach seiner Rückkehr beauftragte Škoda das firmeneigene Konstruktionsbüro mit der Ausarbeitung von Belagerungsgeschützen, welche ein größtmögliches Kaliber, eine Reichweite von rund 15 km und Transportmöglichkeiten ähnlich dem 30,5 cm Mörser besitzen sollten.3

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Škoda-Werke, Pilsen. Produktion einer 38 cm Belagerungshaubitze L/17 M.16 mit Kastenbettung © HGM

In einer überaus kurzen Konstruktionsphase wurden die beiden Entwürfe ausgearbeitet und im Mai 1915 das Projekt einer 38 cm L/17 Belagerungshaubitze, im November desselben Jahres das einer 24 cm Bombardementkanone L/40 der Heeresverwaltung, noch im Projektsstadium, zum Kauf angeboten. Das Technische Militärkomitee (TMK), für sämtliche technischen Innovationen, so auch das Waffenwesen, innerhalb der k. u. k. Armee verantwortlich, und das Kriegsministerium sagten den Škoda-Werken im Rahmen mündlicher Verhandlungen den Ankauf von jeweils zwei Exemplaren der beiden Geschütztypen zu, sofern diese den Anforderungen auch entsprechen würden. In weiterer Folge beschränkte sich das Technische Militärkomitee weitgehend auf die Konstruktion der Munition und die Ermittlung der geeignetsten Pulversorte.4 Das erste Geschütz wurde durch Škoda im Jänner 1916 ausgeliefert, woraufhin sofort mit Schieß- und Fahrversuchen begonnen wurde.

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Transportanhänger für eine 38 cm Haubitze © HGM

Besondere Erwähnung bei der 38 cm Haubitze sollte die Art der Fortbringung finden, die zum ersten Mal im Rahmen eines elektrischen Zuges erfolgte. Die Haubitze wurde in vier Teillasten zerlegt transportiert. Der Elektrozug war eine Weiterentwicklung des bereits beim 30,5 cm Mörser im Einsatz stehenden C-Zuges und wurde von den Daimlerwerken entworfen. Die Fuhrwerke für die einzelnen Teillasten, als Elektrofahrgestelle M.16 bezeichnet, besaßen acht Räder, die über eigene Elektromotoren angetrieben wurden.

Jedem dieser Fahrgestelle wurde ein Artillerie-Generatorauto M.16 beigegeben, das den nötigen Strom für die eigenen Motoren, aber auch die des Fahrgestells lieferte. Dieser benzin-elektrische Antrieb gewährleistete den Straßentransport mit einer Geschwindigkeit von 14 km/h. Durch Abnahme der Vollgummiräder konnten die Fahrgestelle auch auf Schiene gestellt und sowohl mit Eigenantrieb als auch, bei weiten Strecken, von einer Lokomotive gezogen werden.5

Der Zusammenbau bzw. der Einbau der Haubitze in der Feuerstellung erforderte inklusive Ausheben der Bettungsgrube acht bis zehn Stunden; im Gebirge aufgrund des felsigen Untergrundes zwei bis zehn Tage. Für das Ver- bzw. Entladen waren keine Kräne notwendig; vier Zahnstangenwinden mit einer Leistung von jeweils zehn Tonnen reichten aus.

Die ersten beiden Exemplare der 38 cm Haubitzen sollten bereits im Februar 1916 in Dienst gestellt werden. Das Kriegsministerium beantragte die Formierung von zwei eigenständigen Batterien, jeweils zu einem Geschütz, und beabsichtigte, die Batterie Nr. 1 bis Ende März 1916 vollständig marschbereit zu haben. Die Mannschaften sollten, um auch auf bereits erfahrenes Personal zurückgreifen zu können, teilweise bestehenden 30,5 cm Mörserbatterien entnommen werden.6 Das k.u.k. Armeeoberkommando (AOK) lehnte jedoch die Formierung zweier eigenständiger Batterien ab und ordnete daraufhin die Zusammenfassung der beiden verfügbaren Haubitzen in einer Batterie an, jedoch sollte jedes einzelne Geschütz auch eigenständig verwendet werden können.7 Erst im Rahmen der Reorganisation der Festungsartillerie wurde für die schwersten Kaliber grundsätzlich die Ein-Geschütz-Batterie normiert.

Die beiden Haubitzen, die „Barbara” und „Gudrun” benannt wurden, gelangten noch rechtzeitig vor der Südtiroloffensive im Mai 1916 an die Front und bewährten sich in hohem Maße. „Barbara” hatte innerhalb von zwei Wochen insgesamt 161 Schüsse, zum Teil auf die maximale Schussweite von 15 km, abgegeben. Aufgrund der hervorragenden Eigenschaften wurden seitens des Kriegsministeriums weitere 14 Geschütze und zwei Reserverohre bestellt; insgesamt gelangten bis Kriegsende zehn 38 cm Haubitzen zur Auslieferung. Nach den Erfahrungen der ersten beiden Stücke kam es zu zahlreichen Modifikationen, welche die Lafette, die Transporteinrichtungen und das Zubehör betrafen. Als markantester Unterschied zur ursprünglichen Ausführung ist bei der Lieferserie ab Nr. 3 die Anbringung eines zweiten Schildzapfenlagerpaares zu erkennen. Dies sollte die Austauschbarkeit der Lafette zwischen 24 cm Kanone und 38 cm Haubitze ermöglichen, die somit vollkommen identisch wurden. Bei der 24 cm Kanone wurde das vordere, bei der 38 cm Haubitze das hintere Schildzapfenlagerpaar verwendet.8 Versuche, die Reichweite der Haubitze durch Modifikation der Munition (600 kg schweres Geschoss anstatt der normierten 750 kg) zu erhöhen,verliefen wenig erfolgreich und wurden eingestellt.

Die 24 cm Kanone M.16 bewährte sich im Gegensatz zur 38 cm Haubitze weniger. Sie war als Flachbahngeschütz konzipiert und verschoss Geschosse auf eine Distanz von 26,3 km. Die dafür notwendige Geschossabgangsgeschwindigkeit und das zur Verwendung gelangende Pulver belasteten das Rohr dermaßen stark, dass die grundsätzliche Lebensdauer mit rund 200 Schüssen angenommen wurde. Danach musste bereits ein neues Seelenrohr eingezogen werden. Aus diesem Grund wurde bei der Übernahme der ersten Kanone von der Vornahme intensiver Schießversuche Abstand genommen, um das Rohr nicht unnötig zu belasten. Zusätzlich ergaben sich bei den 24 cm Kanonen zahlreiche Anstände hinsichtlich der Munition, die zu etlichen Rohrexplosionen führten.

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24 cm Kanone M.16 von Škoda an der Südwestfront © HGM

Ende 1917 überlegte das Kriegsministerium, die Probleme der 24cm Kanone dadurch zu lösen, indem die Rohrausführung jener der deutschen 24 cm Kanone L/48 angepasst oder überhaupt das ganze Rohr der deutschen Kanone übernommen werden sollte. Das Technische Militärkomitee verwehrte sich jedoch gegen diese Maßnahme, da dadurch auch die gesamte Rohr- und Wiegenkonstruktion abgeändert hätte werden müssen.

Stattdessen erprobte man ein modifiziertes Wiegen- und Lafettenprojekt, welches eine Rohrerhöhung auf 50° zulassen würde. Unter Verwendung einer deutschen Pulversorte und eines Geschosses mit Windhaube schien die Erhöhung der Reichweite durchaus realisierbar, konnte aber vor Kriegsende nicht mehr umgesetzt werden.9 Insgesamt wurden neun komplette Geschütze und zwei Reserverohre bestellt, von denen lediglich zwei Kanonen zur Auslieferung gelangten. Die Reserverohre wurden zur Neubeseelung der durch mehrere Rohrexplosionen beschädigten Rohre verwendet.

Die 38 cm Haubitzen M.16 gelangten ähnlich den 24 cm Kanonen M.16 bei den Festungsartillerieregimentern zur Einteilung und wurden intern durchnummeriert. Die 38 cm Haubitzbatterien Nr. 1 und 2 gelangten beim Festungsartillerie-Regiment Nr. 7 zur Einteilung, das Bedienungspersonal entstammte den Reserve-Festungskompanien Nr. 1 und 2 desselben Regiments. Nach der Reorganisation der Festungsartillerie und deren Umbenennung in „Schwere Artillerie” wurden die 38 und 24 cm Geschütze in die jeweils I. und III. Abteilungen der Schweren Artillerie-Regimenter Nr. 1 und 6 eingeteilt.

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Feuerstellung einer 38 cm Haubitze an der Südwestfront, 1918 © HGM

Die Geschichte der im Besitz des Museums befindlichen 38 cm Haubitze M.16 ist aufgrund von bedauerlicherweise verloren gegangenem Aktenmaterial nicht sehr einfach rekonstruierbar. Das Geschütz trägt die Nummer sechs, der Verschluss die Nummer 17. Der erste Einsatz der Batterie Nr. 6 (später Batterie Nr. 2 des Schweren Artillerie-Regiments Nr. 6) ist im März 1918 dokumentiert, als das Geschütz während der deutschen Märzoffensive im Raum nahe St. Quentin Feuerstellungen bezog und das Angriffsartilleriefeuer verstärkte. Danach erfolgte der Rücktransport, sodass die Batterie im Raum nordöstlich des Monte Erio im Rahmen der Juni-Offensive 1918 zum Einsatz gebracht werden konnte. Am 29. Oktober 1918 wurde befohlen, die Feuerstellung zu räumen und die Batterie nach Wien zu verlegen. Der Transport wurde jedoch infolge des Zusammenbruchs der k. u. k. Armee fünf Tage später in Hall in Tirol unterbrochen, auf Anordnung des neu gegründeten Staatsamtes für Heerwesen aber in der Folge fortgeführt.10 Wann genau die Haubitze gemeinsam mit einem 30,5 cm Mörser ins damalige Heeresmuseum gelangte, kann mangels entsprechender Dokumente nicht eruiert werden. Dass diese schwersten Geschütze nicht vom neu entstandenen Bundesheer weiterverwendet wurden, erscheint durch die Bestimmungen des Friedensvertrages von Saint Germain begründet. Wie diese beiden auch zu Kriegsende immer noch hochmodernen Geschütze den Begehrlichkeiten sowohl der Nachfolgestaaten als auch der Siegermächte entgehen konnten, bleibt ungeklärt. Interessanterweise dürften in jener Zeit auch die Originalbettungen der Haubitze Nr. 6 verloren gegangen sein, da die beiden heute verwendeten Bettungsteile einer 24 cm Kanonenbatterie entstammen, aufgrund der Baugleichheit aber herangezogen werden konnten.

Die erste Aufstellung der 38 cm Haubitze erfolgte unmittelbar vor dem Museum, was schon damals hinsichtlich der durch Witterungseinflüsse bedingten Korrosion als wenig optimal eingeschätzt wurde. Mit der kontinuierlichen Erweiterung des Museums, insbesondere im Hinblick auf die Darstellung des Ersten Weltkrieges, wurde der Haubitze dann aber verstärktes Interesse zuteil. Zudem erfolgte ab den 1930er Jahren die etappenweise Adaptierung bzw. Erweiterung des südöstlichen Parterres des Museums zu Artilleriesälen. In diesem Verlauf wurde seitens der Direktion auch die Einrichtung eines eigenen „Mörsersaales” vorgesehen, der den schwersten Geschützen der ehemaligen k. u. k. Armee gewidmet sein sollte. Neben dem schon erwähnten 30,5 cm Mörser (30,5 cm Mörserbatterie Nr. 12 bzw.Batterie Nr. 5 des Schweren Artillerie-Regiments Nr. 9, Rohr Nr. 42, Lafette Nr. 70)11 sollte auch die 38 cm Haubitze darin ihre Aufstellung finden. Zu diesem Zweck mussten aber bauliche Maßnahmen gesetzt werden (Schaffung eines Unterbaus für die Bettung), die verständlicherweise vor der allgemeinen Adaptierung zu erfolgen hatten. Die Direktion des Heeresmuseums beantragte daher beim Bundesministerium für Landesverteidigung neben der Genehmigung und Finanzierung der allgemeinen Ausbaupläne auch den Einbau der 38 cm Haubitze im neuen Mörsersaal und begründete dies damit, dass durch die bessere Unterbringung weitere Korrosionsschäden vermieden werden könnten.12 Erwartungsgemäß wurden die Finanzmittel für den weiteren Ausbau des Museums mit Hinweis auf die allgemeine Budgetknappheit vorerst nicht genehmigt, jedoch die Transferierung der Haubitze von einer Bewertung durch die Bauabteilung der 2.Brigade abhängig gemacht. Diese bewertete die Kosten vor allem für den Treibstoff der benötigten Zugmaschinen als besonders hoch, darüber hinaus wurden auch noch überdurchschnittlich viele Arbeitsstunden für die notwendigen Mannschaften berechnet. Die schlechte Manipulierbarkeit durch die Enge des Saales gab dann letztlich den Ausschlag, dass der Einbau seitens des Ministeriums abgelehnt wurde.13

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Einbau der 38 cm Haubitze im neuen Mörsersaal des Heeresmuseums, 1936 © HGM

Im Frühjahr 1935 erfuhr diese Entwicklung erneut einen schweren Rückschlag, da hinsichtlich der grundsätzlichen Weiterentwicklung des Heeresmuseums neue Überlegungen angestellt wurden. Geplant wurde, Teile des Museums in die Neue Hofburg zu übersiedeln, wobei sich die Intentionen dahingehend entwickelten, vor allem den Themenbereich des Ersten Weltkrieges am neuen Standort quasi als „Dependance” des Heeresmuseums zu zeigen. Dies musste natürlich auch auf die Frage der Unterbringung der 38 cm Haubitze schwerwiegende Auswirkungen haben. Im März 1935 war seitens des Ministeriums bekannt gegeben worden, dass man aufgrund der oben genannten Gründe weitere Maßnahmen zur Verbringung des Geschützes hintanhalten wolle – mit Sicherheit ein schwerer Schlag für die Direktion, den man nicht zu akzeptieren bereit war. Im Juni erfolgte daher ein erneuter Antrag, dieses Mal direkt an das Ministerium, doch noch die erforderlichen Geldmittel zu genehmigen.Jedoch änderte man die Argumentationslinie insofern, als vor allem konservatorische Gründe für den unbedingt notwendigen Einbau im Museumshauptgebäude geltend gemacht wurden.

Gleichzeitig wurde auch auf die Bestrebungen zur Schaffung eines Weltkriegsmuseums in der Hofburg eingegangen, wobei man wie folgt argumentierte: „Wiewohl nun diese Frage noch nicht geklärt ist, so steht doch heute schon fest, dass auch im günstigsten Falle, das jetzige Museumsgebäude der Aufstellung von Spezialsammlungen gewidmet bleiben wird und ebenso fest steht,dass in den Rahmen dieser Spezialsammlungen auch die 38 cm Haubitze gehören wird. Es wird daher gebeten, der Bitte statt zu geben.”14 Die Antwort des Ministeriums erfolgte über die Bauabteilung der 2. Division, indem der Antrag mit Hinweis auf die fehlenden Finanzmittel erneut abgelehnt, die Realisierung jedoch für 1936 zugesagt wurde.15

Diese aus budgetären Gründen erneute Verschiebung des Einbautermins konnte für die Direktion kaum als akzeptabel bewertet werden, zumal sämtliche Gestaltungsarbeiten für den neuen Mörsersaal vom auf jeden Fall zuvor abzuschließenden Einbau des schwersten Geschützes, eben der 38 cm Haubitze, abhängig waren. Man blieb daher in dieser Angelegenheit beharrlich.Im November 1935 erfolgte ein erneutes Herantreten an die Bauabteilung der 2. Division, jedoch mit einem etwas modifizierten Antrag. Die Direktion beantragte nunmehr, um eine „behelfsmäßige Unterbringung ohne großen Kostenaufwand”16 zu erreichen, lediglich die Herstellung einer Eisenbetonplatte im Ausmaß 9 x 7,7 m, die als Auflager für die Bettung der Haubitze gedacht war.Das Ausheben der dafür notwendigen Bettungsgrube selbst sollte durch hauseigenes Museumspersonal erfolgen. Damit konnte zumindest die in der ersten Ablehnung durch die Bauabteilung als besonders schwerwiegend empfundene Arbeitsbelastung des Personals der Bauabteilung (Arbeitsstunden der Mannschaften) entkräftet
werden. Interessanterweise stimmte das Bundesministerium diesem Antrag zu und stellte die notwendigen Geldmittel Ende Dezember 1935 dann doch noch bereit.17

Im Frühjahr 1936 war dann letztendlich doch der Augenblick gekommen, die Verbringung der Haubitze in die Tat umzusetzen. Zwar lagen nunmehr sowohl die grundsätzliche
Genehmigung als auch die Finanzierung vor, doch ergaben sich zahlreiche technische Fragen, wie der Transport und vor allem mit welchen Hilfsmitteln der Einbau tatsächlich erfolgen sollte. Vor allem Hilfsmaterial fehlte zur Gänze und musste, interessanterweise direkt durch die Direktion des Heeresmuseums, angesprochen werden. Am 10. April 1936 beantragte das Heeresmuseum daher bei der Generaldirektion der österreichischen Bundesbahnen zur Errichtung des notwendigen Transportgleises Eisenbahnschwellen und Montagezubehör, die durch die Streckenleitung „Ost” für die Dauer von sechs bis acht Wochen unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden sollten.18 Weiters wurde über die Ausbildungsabteilung des Ministeriums ein Seilwindenwagen samt Fahrer beantragt, der für den Einbau in zwei Etappen zur Verfügung stehen müsste.19 Zudem benötigte man das entsprechende Fachpersonal für die fachmännische Errichtung des Transportgleises. Gleichfalls über die Ausbildungsabteilung wurde um Beistellung eines im Gleisbau erfahrenen Pionier-Unteroffiziers ersucht.20

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Der neue Mörsersaal des Heeresmuseums nach seiner Fertigstellung © HGM

Alle diese Anträge zusammenfassend ordnete das Bundesministerium für Landesverteidigung am 13. Mai 1936 hinsichtlich der Verlegung der Haubitze im Detail an: Durch das Pionierbataillon Nr. 2 war ein im Eisenbahnoberbau geschulter Unteroffizier für die Dauer des Transportes dem Infanterieregiment Nr. 15 Dienst zuzuteilen. Der Seilwinden-Kraftwagen hatte mit dem entsprechenden Lenkerpersonal durch das Selbständige Artillerieregiment bereitgestellt zu werden. Die verbrauchten Betriebsmittel wurden – wohl sehr zur Erleichterung der Museumsdirektion – vom Ministerium direkt ersetzt.21 Notwendiges Werkzeug sollte bei Bedarf durch die Filiale der Technischen Zeugsanstalt in Korneuburg bereitgestellt werden. Die notwendige zusätzliche Arbeitsmannschaft hatte das Infanterieregiment Nr. 15 in der Stärke von sechs Wehrmännern zu stellen.22 Der tatsächliche Einbau erfolgte wie geplant etappenweise im Mai 1936. Nachdem es sich bei diesem Unterfangen um ein „Großprojekt” des Museums handelte, war seitens der Direktion auch eine mediale Begleitung des Vorhabens vorgesehen. Über den Pressedienst des Ministeriums wurde ein entsprechender Bericht an die Tageszeitungen weitergeleitet.23 Dabei dürfte es jedoch zu einem Missverständnis gekommen sein, da die Presse die Neuaufstellung des Geschützes in der Neuen Burg im Rahmen des projektierten Weltkriegsmuseums meldete.24

Wenn auch noch nachträglich entsprechende Adaptierungsarbeiten wie etwa die Neubefüllung der Glycerinbehälter der Haubitze vorgenommen werden mussten, so war der Einbau im Juni 1936 doch weitgehend abgeschlossen. In weiterer Folge wurde seitens des Museums vor allem versucht, die Geschichte der 38 cm Haubitze Nr. 6 zu rekonstruieren. Noch bekannte ehemalige Angehörige dieser Batterie wurden angeschrieben, um nähere Auskunft zu geben. Dabei zeigte sich, dass gerade aufgrund der zahlreichen Umgliederungen und Reorganisationen der Artillerie häufige Wechsel der Bedienungsmannschaften eingetreten waren, welche nicht zuletzt aufgrund der Auflösung der Monarchie einfach nicht mehr fassbar waren und daher zahlreiche Lücken bei der Darstellung des Werdegangs dieser Haubitze zur Folge hatten.

Das weitere Schicksal der Haubitze im Museum ist aufgrund des Verlusts des entsprechenden Aktenmaterials im Direktionsarchiv nur sehr schwer nachvollziehbar. Eine interessante Eintragung findet sich jedoch im Artillerieinventar des Museums. Dazu muss vorausgeschickt werden, dass die Haubitze zum damaligen Zeitpunkt immer noch über die vorgeschriebenen Transportmittel verfügte, d. h. sowohl Rohr- als auch Lafetten- und zwei Bettungswägen, die unter den Inventarnummern NI 80.069,80.071,80.072 und 80.073 separat vom eigentlichen Geschütz inventarisiert worden waren. Das Geschütz selbst findet sich unter der Inventarnummer NI 80.033. In der Rubrik „Aufstellung” bzw. „Anmerkung” wurde mit Bezug auf Geschäftszahl Exh.31/40 die Notiz eingefügt: „am 29. Mai 1940 an Škoda abgegeben”.

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Bereits ausgebaute Lafette der 38 cm Haubitze im Frühjahr 1940 © HGM

Bei den Transporteinrichtungen: „am 29. 5. 1940 an Steyr-Werke abgegeben”. Leider sind in beiden Fällen die Originaldokumente nicht erhalten geblieben, welche den Grund für die Abgaben dieser Museumsgegenstände angeben. Es ist jedoch bekannt, dass seitens der Wehrmacht starkes Interesse an noch in Museen vorhandenen schweren Geschützen bestand, die nach einer technischen Instandsetzung bzw. Überholung als „aktive” Geschütze wieder in Dienst gestellt werden konnten. Die Transportwägen wurden dagegen als Motorzugmaschinen klassifiziert und daher nicht Škoda, sondern Steyr übergeben. Das Schicksal der 38 cm Haubitze teilte übrigens auch der im Museum vorhandene 30,5 cm Mörser, der gleichfalls nach Pilsen (Plzeň) überführt wurde.

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Abtransport der 38 cm Haubitze aus dem Arsenal, Lafette mit eingelegtem Rohr auf Lafettenwagen,1940 © HGM

Interessanterweise wurde die Haubitze jedoch im September 1940, so ein weiterer Eintrag im Inventarbuch, wieder in das Museum rückgestellt. Auch in diesem Fall fehlen leider entsprechende Dokumente, welche die Gründe dafür genauer beleuchten. Im Museum hat sich jedoch die, leider nicht belegbare, Information mündlich überliefert, das Rohr der Haubitze würde einen irreparablen Schaden aufweisen, der die aktive Verwendung des Geschützes unmöglich gemacht hätte. Da die Rohrproduktion bei Škoda für 38 cm Haubitzen zum damaligen Zeitpunkt natürlich längst eingestellt worden war, soll – so die tradierte Erklärung – die Instandsetzung als technisch zu aufwendig bewertet und daher unterlassen worden sein. Bedauerlicherweise wurden die Transportwagen offensichtlich sehr wohl als kriegsbrauchbar eingeschätzt. Ihr Schicksal ist gänzlich unbekannt.

Damit blieb eines der größten Geschütze der ehemaligen österreichisch-ungarischen Armee für das Museum erhalten. Heute existiert lediglich ein weiteres Exemplar, jedoch der Ausführung I (lediglich ein Schildzapfenlager), im rumänischen Armeemuseum in Bukarest.

1 Vgl. dazu Karl Padiaur, Die schwere Fernkampfartillerie der alten österr.-ung. Armee. In: Militärwissenschaftliche und technische Mitteilungen, Wien 1923, 52–59.

2 Eine belgische Panzerkuppel des Forts „Kessel” mit einem Granatvolltreffer eines österreichischen 30,5 cm Mörsers ist unmittelbar bei der 38 cm Haubitze ausgestellt.

3 August Wess, Die schwersten Geschütze der österreichisch-ungarischen Armee im Kriege 1914 bis 1918. In: Revue Internationale d’Histoire Militaire, Bd. VI, Wien 1960, 61.

4 Karl Jung, 24 cm Kanone M.16 und 38 cm Haubitze M.16, o. O. o. J., Österreichisches Staatsarchiv, Kriegsarchiv, Wien (ÖSTA/KA), Militärische Impressen, 1.

5 Wess, Die schwersten Geschütze der österreichischungarischen Armee im Kriege 1914 bis 1918, 62f.

6 ÖSTA/KA, KM 7 A Nr. 5172 vom 30. Jänner 1916.

7 ÖSTA/KA,AOK Op.Nr. 21074.

8 Jung, 24 cm Kanone M.16 und 38 cm Haubitze M.16, 3.

9 Jung, 24 cm Kanone M.16 und 38 cm Haubitze M.16, 6.

10 Das Heeresgeschichtliche Museum in Wien, Graz–Köln 1960, 63.

11 HGM, Direktionsakten, Exh. Nr. 229/III/35.

12 HGM, Direktionsakten, Exh. Nr. 660/34.

13 Ebd., Exh. Nr. 660/I/34, 660/II/34, 660/III/34.

14 Ebd., Exh. Nr. 519/35.

15 HGM, Direktionsakten, Exh. Nr. 519/I/35.

16 Ebd., Exh.Nr. 950/35.

17 Ebd., Exh.Nr. 950/I/35.

18 HGM, Direktionsakten, Exh. Nr. 373/36.

19 Ebd., Exh.Nr. 408/36.

20 Ebd., Exh.Nr. 409/36.

21 HGM, Direktionsakten, Exh. Nr. 409/I/36.

22 Ebd., Exh.Nr. 433/I/36.

23 Ebd., Exh.Nr. 497/36.

24 Ebd., Exh.Nr. 497/I/36.

M. Christian Ortner

M. Christian Ortner

Direktor HR Mag. Dr. M. Christian Ortner, Bgdr

Ich bin seit 1995 am Heeresgeschichtlichen Museum in Wien tätig, vorerst als Referats- und Sammlungsleiter „Militärtechnik“ (zuständig für Marine, Luftfahrt, Waffenwesen, Artillerie, Munitionswesen, Harnische, Festungswesen, Modelle, militärische Optik etc.) sowie in weiterer Folge als Leiter der Museums- und Sammlungsabteilung. Seit 2007 bin ich Direktor des HGM/MHI.

Einer meiner Forschungsschwerpunkte ist "Österreich-Ungarn 1848 bis 1918".

Zusätzlich bin ich Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Ordenskunde (ÖGO), der Österreichischen Gesellschaft für Heereskunde, des International Committee of Museums and Collections of Arms and Military History (ICOMAM), bin Mitglied der Österreichischen Kommission für Militärgeschichte (CAHM) und Stv. Vorsitzender des Militärhistorischen Beirats der Wissenschaftskommission beim BMLV.

Preisträger des Werner-Hahlweg Preises für Militärgeschichte 2008
Verleihung des Civil Servant of the Year 2012

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