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Kriegsanleihen

Wie alle kriegführenden Mächte während des Ersten Weltkrieges stieß auch Österreich-Ungarn sehr bald an die Grenzen der Finanzierbarkeit des Krieges. Eine Möglichkeit, monetäre Mittel zu lukrieren, war die Auflage von Kriegsanleihen, eine Lösung, welche auch den Vorteil bot, gleichzeitig auf die durch die enorm expandierenden Rüstungsaufträge zu Inflation neigende überhitzte Wirtschaft durch Kaufkraftabschöpfung dämpfend entgegenzuwirken. In der cisleithanischen Reichshälfte wurden ab Herbst 1914 halbjährlich insgesamt acht Kriegsanleihen zur Zeichnung aufgelegt, in der ungarischen Reichshälfte insgesamt 17, wobei überaus reger Zuspruch registriert wurde. Die erste Kriegsanleihe mit einer Laufzeit von fünf Jahren und einer versprochenen Rendite von fünfeinhalb Prozent, von der man gehofft hatte, eine Milliarde Kronen zu lukrieren, wurde mit 2,2 Milliarden stark überzeichnet. Die Laufzeit der in Folge aufgelegten Anleihen wurde sukzessive auf bis zu 40 Jahre verlängert, der Zuspruch steigerte sich von Kriegsanleihe zu Kriegsanleihe, um bei den letzten beiden schließlich jeweils rund sechs Milliarden Kronen zu erzielen. Allerdings sank infolge der einsetzenden Inflation der Realwert ständig, sodass die letzte Anleihe nur noch ein Viertel des realen Wertes der ersten einbrachte.1

Diese Kriegsanleihen mussten natürlich möglichst wirksam beworben werden. Hierbei hatten sich die für die Bewerbung Verantwortlichen zu überlegen, wie sie ihre Werbekampagne anzulegen hätten, um einen möglichst großen Erfolg zu erzielen, wobei die intendierte Resonanz davon abhing, wie stark die jeweiligen Werbemaßnahmen, damals natürlich hauptsächlich Plakate, der jeweiligen Stimmungslage in der Bevölkerung entgegenkamen. Daher sind die Sujets der Plakate, welche die jeweiligen Auflagen der Kriegsanleihen bewarben, ein gutes Stimmungsbarometer für die Veränderung der Kriegsmoral und der allgemeinen Stimmungslage innerhalb der Bevölkerung der österreichischen Reichshälfte Österreich-Ungarns im Verlauf des Krieges. Deutlich wird, wie zu zeigen sein wird, dass die bei Kriegsausbruch vorhandenen patriotischen Gefühle, ja eine gewisse Kriegsbegeisterung, bald einer Kriegsmüdigkeit und Friedenssehnsucht Platz machten.

Bei der Bewerbung der ersten beiden Kriegsanleihen wurde teilweise stark auf reine Schriftplakate zurückgegriffen, welche sehr detailliert die technischen Bedingungen, wie Laufzeit, Reingewinn sowie Ort und Öffnungszeiten der Zeichnungsstellen beschrieben und darauf hinwiesen, dass das Zeichnen der Anleihen „patriotische Pflicht“ wäre.

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Zeichnung der Kriegs-Anleihe bis 29. Mai 1915 (HGM)

Hierbei wurde auch nicht davor zurückgescheut, mit dem Erzeugen von Schuldgefühlen bei jenen, die den Anleihen reserviert gegenüberstanden, sozialen Gruppendruck und Schuldgefühle zu erzeugen.

Wer sich dieser Pflicht entziehen würde, versündigt sich an den Interessen des Staates und schädigt sich selbst. Zögern wäre Schande und unanständig

heißt es in einem Plakat zur Werbung für die zweite Kriegsanleihe. Oder auf einem Plakat des Wiener Bankvereins zur vierten Kriegsanleihe steht zu lesen:

Es ist Ehrenpflicht eines jeden Einzelnen nach seinen Kräften zu zeichnen. Es ist ein Gebot des Gewissens dem Staate die Mittel zur siegreichen Beendigung des Krieges zur Verfügung zu stellen.

Neben diesen Schriftplakaten aber setzte man bei den ausgewählten künstlerischen Darstellungen, die ebenfalls zahlreich zur Ausführung kamen, auf patriotische Motive und Begleittexte. So zeigt ein Plakat der Filiale Wels der Anglo-Österreichischen Bank, in den Farben Schwarz und Gelb gehalten, einen eine Fahne tragenden k. u. k. Gebirgsoffizier mit dem Text:

Zum Siege führt gemeinsame starke Arbeit der Kämpfer und Nichtkämpfer! Jeder zeichne nach seinen Kräften Kriegsanleihe.

Durch die Verwendung der Farben Schwarz und Gelb, der Figur des Soldaten und durch den Text sollten das patriotische Gefühl und die Gemeinschaft des Kombattanten mit dem Mann bzw. der Frau im Hinterland angesprochen werden.

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Zum Siege führt die Kriegsanleihe (HGM)

Auch auf mittelalterliche Motive wird zurückgegriffen, um das Hehre, Edle des Zeichnens ins Bild zu setzen. Es wird ein Herold dargestellt, welcher vor einer Festung steht und trommelnd verkündet: „Zeichnet Kriegsanleihe!“, dargestellt auf einem Plakat der Filiale Wiener Neustadt des Wiener Bankvereins. Noch deutlicher wird dies auf einem Plakat zur dritten Kriegsanleihe, auf welchem ein Ritter, mit Schwert bewaffnet und mit seinem − mit dem Doppeladler verzierten − Schild, die Speere der italienischen und russischen Feinde, deutlich gemacht durch an den Lanzen angebrachten stilisierten Fahnen, abwehrt und damit eine links hinter ihm sitzende Frau mit Kind verteidigt. Hier ist aber auch schon ein neues Motiv erkennbar. Nicht mehr nur die Erringung des Sieges erscheint wichtig, sondern das Defensive, das Verteidigen der eigenen Familie, tritt hier bereits im Herbst des zweiten Kriegsjahres, nach all den schon eingetretenen Verlusten und dem Kriegseintritt eines neuen Gegners, nämlich Italien, in den Vordergrund.

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Zeichnet 5 ½ % dritte Kriegsanleihe (HGM)

Ähnlich defensiv ist der Charakter des Plakats zur vierten Kriegsanleihe, welches einen nackten Mann mit Schwert und Schild zeigt, auf dem der Doppeladler mit aufgelegtem Bindenschild zu sehen ist. Im Hintergrund ist die schwarzgelb schraffierte Landkarte der Doppelmonarchie abgebildet.

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Zeichnet die Vierte Kriegsanleihe (HGM)

Auf eher ökonomische Realisten setzt hingegen ein Plakat, herausgegeben vom k. u. k. 11. Armeekommando, mit dem Titel „Die Sicherheit unserer Kriegsanleihen“. Mit grafischen Darstellungen wird das wirtschaftliche Wachstum der Monarchie in der Vorkriegszeit zwischen ca. 1900 und 1913 gezeigt und im Begleittext darauf hingewiesen:

Der wirtschaftliche Aufschwung unserer Monarchie, ihr Reichtum an Bodenprodukten bürgen für die Sicherheit unserer Kriegsanleihen. Wer Kriegsanleihe zeichnet, zeichnet die beste Kapitalsanlage!

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Die Sicherheit unserer Kriegsanleihen (HGM)

Auch auf einem reinen Schriftplakat des Wiener Bankvereins zur vierten Kriegsanleihe, aufgelegt im Frühjahr 1916, wird bereits eine gewisse Verschiebung deutlich:

Vaterlandsliebe und Selbsterhaltung gebieten infolge der Dauer des uns von unseren Feinden aufgezwungenen Krieges von neuem, dem Staate die Mittel zur siegreichen Beendigung der Feldzüge zur Verfügung zu stellen (…)

heißt es hier schon etwas gedämpft. Der Leidensdruck der Bevölkerung, hervorgerufen durch die schon lange anhaltenden Kämpfe, und der Drang zur Selbsterhaltung sind bereits vorherrschend.

Obwohl auf ein mittelalterlich heroisches Motiv zurückgegriffen wird, nämlich auf einen gepanzerten Ritter hoch zu Ross als Falkner, wird auf einem Plakat zur Bewerbung der siebenten Kriegsanleihe die Friedenssehnsucht dadurch deutlich, dass nicht ein Adler oder Falke, sondern die Friedenstaube dabei ist, sich auf der Faust des „Falkners“ niederzulassen.

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Zeichnet 7. Kriegsanleihe (HGM)

Ähnlich auch die Darstellung auf einem Plakat des Bankhauses Schellhammmer und Schatterer in Wien, das links einen mittelalterlichen Ritter zeigt, der einer jungen gekrönten Frau, welche wohl die „Austria“ darstellt, aufs Pferd hilft, während die rechte Bildhälfte von einer Sicht auf die Stadt Wien mit dem Stephansdom, über welchem die Sonne aufgeht, eingenommen wird und darüber der Schriftzug „Durch Sieg zum Frieden“ zu lesen ist.

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Zeichnet 7. Kriegsanleihe (Bankhaus Schelhammer & Schattera) (HGM)

Teilweise wird auch auf das jeweils aktuelle Kampfgeschehen eingegangen oder die unmittelbar lokale patriotische Stimmung angesprochen. So etwa wenn auf einem Plakat der Bank für Tirol und Vorarlberg zur siebenten Kriegsanleihe ein im winterlichen Hochgebirge hinter einem Stacheldrahtverhau stehender Tiroler Kaiserjäger dargestellt wird oder ein anderes Plakat der k. k. privilegierten Allgemeinen Verkehrsbank Wien einen mit einem Stahlhelm ausgerüsteten k. u. k. Soldaten, eine Handgranate werfend, zeigt. Einen noch deutlicheren Bezug zu dem zum damaligen Zeitpunkt unmittelbar aktuellen Kriegsgeschehen stellt das Plakat der Centralbank der deutschen Sparkassen für die siebente Kriegsanleihe her, wenn es, nach der zehnten und während der elften Isonzoschlacht herausgegeben, einen größenmäßig stark überhöhten k. u. k. Soldaten auf dem Karst stehend zeigt, der das im Hintergrund deutlich erkennbare Triest verteidigt.

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Zeichnet die 7. oesterreichisch(e) Kriegsanleihe bei Eurer Sparkasse (HGM)

Oder, nicht ganz so zeitlich aktuell, die k. k. privilegierte österreichische Länderbank, die die achte Kriegsanleihe mit einer Darstellung der das Kampfgeschehen am Unterlauf des Isonzo verfolgenden österreichischen Generalität mit Kaiser Karl an der Spitze bewirbt, wobei als Vorlage eine Fotografie aus einer der vorangegangenen Isonzoschlachten herangezogen wurde.

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Zeichnet achte Kriegsanleihe (Länderbank) (HGM)

Auf einem Schriftplakat des k. k. privilegierten Wiener BankVereins, ebenfalls mit deutlichem Bezug zum damals aktuellen politischen und militärischen Geschehen, wird die siebente Kriegsanleihe dann ausdrücklich schon als „Friedensanleihe“ beworben, wenn es heißt:

Durch den Waffenstillstand mit Russland und die militärischen Erfolge gegen Italien wird die Siebente österreichische Kriegsanleihe aller Voraussicht nach eine Friedens-Anleihe!

Die Brixener Bank in Innsbruck stellt dies auf einem ebenfalls die achte Kriegsanleihe bewerbenden Plakat auch grafisch dar, indem sie einen übergroßen k. u. k. Soldaten, unterstützt von in Tiroler Tracht gekleideten Zivilisten, beim Bau einer Brücke zeigt, auf welcher der vierspännige Wagen der „Austria“, einen Palmzweig als Friedenssymbol haltend, bereit steht, um nach Fertigstellung der Brücke, also nach (natürlich siegreicher) Beendigung des Krieges, ins Land einzuziehen.

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Zeichnet die 8. Kriegsanleihe (Brixener Bank) (HGM)

Auf einem ebenfalls die achte Kriegsanleihe bewerbenden Plakat der Ersten Österreichischen Bank sieht man Zivilisten aller Altersstufen beim Bau einer mit den Ziffern 2 bis 8 gekennzeichneten Stiege, auf welcher ein k. u. k. Soldat zu einem oben stehenden Friedensengel hinaufsteigt, wobei die Aussage so klar und deutlich zutage tritt, dass jeglicher erklärender Text eingespart werden kann. Die Wiener Kommerzial-Bank bewirbt die achte Kriegsanleihe mit dem Bild zweier Soldaten, die eine schwere Tür aufstemmen, die nicht zum Sieg, sondern zum strahlenden Frieden führt.

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8. Kriegsanleihe (Wiener-Kommerzial-Bank) (HGM)

Und noch wesentlich deutlicher spricht das Plakat der Allgemeinen Depositen-Bank Wien zur achten Kriegsanleihe die Friedenssehnsucht an: In einer freudigen Szene marschieren hier von links kommend k. u. k. Soldaten auf die rechts stehenden Familienmitglieder zu, im Hintergrund eine friedlich anmutende Darstellung Wiens mit dem Kahlen- und Bisamberg, und da rüber der Schriftzug: „Je mehr der Mittel zur kraftvollen Wehr − Umso früher die Wiederkehr! “.

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Zeichnet 8. Kriegsanleihe (Allgemeine Depositen-Bank Wien) (HGM)

Geradezu verzweifelt wirkt dann der Aufruf des Wiener Bürgermeisters Dr. Richard Weiskirchner vom Juni 1918, wenn es da heißt:

Mitbürger! Vier Jahre wehren wir uns erfolgreich gegen den Feind! Sollen wir jetzt im Widerstande erlahmen? Sollen alle bisher gebrachten Opfer vergeblich sein? Wer das nicht will, der zeichne 8. Kriegsanleihe!


1 Tobias Auböck, Österreichisch-Ungarische Kriegsfinanzierung im Ersten Weltkrieg, Innsbruck 2010, S. 12f.

Peter Enne

Peter Enne

HR Mag. Peter Enne
Ich bin Leiter des Sammlungsreferates "Audio und visuelle Medien".

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