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Die Autographen des Egon Schiele (1890-1918) im Heeresgeschichtlichen Museum

Als mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an das Königreich Serbien am 28. Juli 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, war Egon Schiele gerade erst 24 Jahre alt. Die Monarchie mobilisierte 3,35 Millionen Soldaten, wovon 1,8 bis 2 Millionen zur Feldarmee an die Fronten auf den Balkan und nach Russland geschickt wurden. Der junge Künstler wurde mangels einer militärischen Ausbildung nicht von dieser „ersten Welle“ erfasst. In trügerischem Vertrauen auf diese anfängliche Rückstellung und wohl auch im Glauben an die kaiserliche Propaganda, dass bis Weihnachten alles vorbei wäre und die Feinde der Monarchie besiegt sein würden, sah der junge Künstler wohl keine Veranlassung, sich rechtzeitig um Protektion umzusehen, die ihn vor dem Militärdienst bewahrt hätte. Doch Ende des Jahres 1914 war weit und breit kein Kriegsende in Sicht, ganz im Gegenteil. Nach den aufreibenden Kämpfen an der Balkan- und Ostfront hatte die k. u. k. Armee die schier unglaubliche Zahl von 1,3 Millionen Verlusten an Toten, Verwundeten oder Kriegsgefangenen und Erkrankten zu verzeichnen.  Nun wurden als Personalersatz Marschformationen im Ausmaß von 863.000 Mann an die Fronten geschickt und immer mehr Männer in den Landsturm eingezogen. So erhielt auch Egon Schiele einen Einberufungsbefehl zum k. u. k. Infanterie-Regiment Nr. 75 zur Verwendung im militärischen Verwaltungsdienst, da ihm ein Tauglichkeitsgrad für den „Dienst ohne Waffe“ attestiert wurde. Zunächst für Bewachungsaufgaben herangezogen, war an eine künstlerische Tätigkeit unter solchen Umständen nicht zu denken. Wie unerträglich Schiele diese Situation empfand, brachte er in verschiedenen Briefen aus dieser Zeit zum Ausdruck.

Das bei Kriegsausbruch als Abteilung des Armeeoberkommandos (AOK) gegründete k. u. k. Kriegspressequartier (KPQ), in welchem verschiedenste Journalisten, Schriftsteller, Maler und Fotografen wie etwa Egon Erwin Kisch (1885-1948), Robert Musil (1880-1942), Franz Werfel (1890-1945), Anton Kolig (1886-1950), Oskar Laske (1874-1951), Ludwig Heinrich Jungnickel (1881-1965), Alexander Pock (1871-1950) und Oskar Kokoschka (1886-1980) „Unterschlupf“ fanden, hatte keine Posten mehr zu vergeben, zumal angesichts der hohen Verluste jeder, der sich auf keinen einflussreichen Mentor berufen konnte, mit unbarmherziger Sicherheit zur kämpfenden Truppe versetzt wurde.

So versuchte Schiele im Frühjahr 1916, wenigstens im k. u. k. Kriegsarchiv unterzukommen, jedoch ohne Erfolg, denn im Mai desselben Jahres wurde er in ein Kriegsgefangenenlager nach Mühling bei Wieselburg versetzt, wo er in der Provianturkanzlei beschäftigt wurde. Damit lag die künstlerische Entfaltung Schieles für ein weiteres Jahr brach. Anfang 1917 erreichte Schiele über den einflussreichen Kunsthändler und Offizier Karl Grünwald (1887-1964) eine Versetzung an die so genannte „k. u. k. Konsumanstalt des Heeres für die Gagisten der Armee im Felde“ in Wien. Diese Dienststelle wurde von Oberleutnant Hans Rosé (1890-1974) geleitet, der von Schieles künstlerischer Bedeutung überzeugt war und ihm einen recht freizügigen Dienst ermöglichte. Schiele sah sich auf Grund der lähmenden Schreibarbeit jedoch auch hier fehlbesetzt und bewarb sich im Herbst 1917 für eine Kommandierung an das k. u. k. Heeresmuseum, dem heutigen Heeresgeschichtlichen Museum, welches bereits für die Maler Anton Faistauer (1877-1930) und Carl Fahringer (1874-1952) zur einer Art Zufluchtsstätte geworden war.

Den unmittelbaren Kontakt zu Oberst Wilhelm John (1877-1934), der als Direktor des k. u. k. Heeresmuseums und Leiter der Kunstgruppe des KPQ eine für Künstler nicht unwesentliche Doppelfunktion innerhalb der k. u. k. Armee ausübte, dürfte der Maler und Bildhauer Ernst Wagner (1877-1951) hergestellt haben, der sich in einem Brief vom 16. Oktober 1917 für Schiele einsetzte. Es war wohl dieser Brief Wagners an John, dem eine Visitenkarte beilag, die Schiele rückseitig eigenhändig mit seinen militärischen Personaldaten beschriftet hatte. Auf der Vorderseite ist die Adresse des Ateliers von Egon Schiele auf der Hietzinger Hauptstraße gedruckt, welches in der Nähe seines Mentors Gustav Klimt (1862-1918) lag, er im Oktober 1912 anmietete und bis knapp vor seinem Tod behielt.

Visitenkarte Egon Schieles, Avers (HGM/MHI)
Visitenkarte Egon Schieles, Revers (HGM/MHI) - Egon Schiele, E[injährig F[reiwilliger] Korporal Inf[anterie] Reg[iment] N[umer]o 75 eingerückt, jetzt vom Mil[itär]K[om]m[an]do an die K. u. K. Konsumanstalt für die Gag[isten] d[er] Armee i[m] Felde XIV. Mariahilferstr. 134 Assentiert 1915. seither C tauglich.

Am 23. Oktober 1917 schrieb John an Rosé und ersuchte um die Versetzung Schieles an das Museum, wozu Rosé seine prinzipielle Einwilligung gab. Egon Schiele ging das alles offenbar zu langsam, so schrieb er 3. Dezember 1917 selbst an den Direktor des k. u. k. Heeresmuseums:

Brief Egon Schieles an Wilhelm John vom 3. Dezember 1917 (Avers) (HGM/MHI)
Brief Egon Schieles an Wilhelm John vom 3. Dezember 1917 (Revers) (HGM/MHI)

 

  1. Dezember [1917]

Sehr geehrter Herr Ober-Ingenieur Dr. John!

Ich erlaube mir, an Sie die höfliche Frage zu stellen, ob ich noch Aussicht habe, an das Heeresmuseum kommandiert zu werden.

Als Sie mir den Brief an meinen Kommandanten mitgaben und dieser zwar einwilligte mich für einen guten Schreiber abgeben zu können, doch er selbst an das Kriegsministerium die Eingabe nicht machen konnte, weil ich seinerzeit von unserer Anstalt speziell angefordert wurde, sandte er durch mich einen Brief an Sie, dessen Inhalt ich weiß, den Brief aber selbst nicht übergeben konnte.

Mein jetziger Kommandant ist mir aufs Beste gesinnt und schätzt mich sehr als Maler und sieht mein unangebrachtes Dasein vollkommen ein. Inzwischen reichte ich, mit dem Einverständnis Dr. Haberditzls und meines jetzigen Kommandanten ein Gesuch, mit der Bitte um Kommandierung in das Heeresmuseum direkt beim Unterrichtsministerium ein. Vorigen Dienstag habe ich die einwandfreie Befürwortung des Unterrichtsministeriums dort selbst erfahren und – hoffe nun.

Mit vorzüglicher Hochachtung

EGON

SCHIELE

1917

Wien XIII., Hietzinger Hauptstraße 101

 

Die Mühlen der Bürokratie mahlten jedoch recht langsam, so musste vor seiner Versetzung aus der k.u.k. Konsumanstalt für Gagisten im Felde erst einmal ein Ersatzmann für Schiele gefunden werden. Dies wurde zwar bewilligt, dennoch geschah monatelang nichts. So schrieb der frustrierte Künstler am 11. Februar 1918 noch einmal an John, wobei er diesem Schreiben eine eigenhändige Abschrift seines Kommandanten, Oberleutnant Hans Rosé beilegte:

Brief Egon Schieles an Wilhelm John vom 11. Februar 1918 (HGM/MHI)

 

  1. Februar [1918]

(mündlich durch Obl. Lechner J)

Sehr geehrter Herr Direktor Dr. John!

Gleichzeitig übersende ich eine Abschrift der Antwort meines Anstaltskommandanten vom 7. Jänner, als die definitive befürwortende Kommandierung vom Kriegsministerium an uns kam und erlaube mir anzufragen ob das Heeresmuseum nicht selbst einen überflüssigen Schreiber hat der mich ablösen könnte, da mich mein jetziger Kommandant vorher nicht abgeben kann und schon am 7. Jänner wegen dieser Sache an das Kriegsministerium geschrieben wurde.

Mit vorzüglicher Hochachtung

EGON

SCHIELE

1918

Von Egon Schiele angefertigte Abschrift eines Schreibens von Hans Rosé an das Kriegsministerium vom 7. Jänner 1918 (HGM/MHI)

 

An das k. u. k. Reichskriegsministerium, Abt. 2/ST., Wien

Einj. Freiw. Korp. Egon Schiele ist laut Sichtungsbefund vom Mai 1917 beim Ldst. Bz. Kmdo. No 39 als invalid zum Landsturmdienste ohne Waffe geeignet klassifiziert worden. Um oben genannten Einj. Freiw. Korp. Egon Schiele ehestens abgeben zu können, erbitte ich als Ersatz einen Einj. Freiwilligen mit schöner Handschrift, der imstande ist, die Reinschriften der bei eigener Anstalt geführten Kalkulations- und Bestellbücher zu führen. – Nach Einlangen des Ersatzes wird Einj. Freiw. Korp. Egon Schiele sofort abgegeben werden.

  1. Jänner 1918 k.u.k. Anstaltskommandant

[Dr. Hans Rosè]

 

Erst nach einer neuerlichen schriftlichen Intervention des Anstaltskommandanten im Kriegsministerium Anfang März 1918 nahm die Versetzung Schieles endlich Fahrt auf. Am 24. April 1918 erhielt die k. u. k. Konsumanstalt ihren Ersatzmann. Wenige Tage später, am 29. April, konnte Schiele seinen Dienst im Heeresmuseum endlich antreten, rund ein halbes Jahr nach seiner Bewerbung. Ein weiterer Autograph bezeugt den Wandel von der Frustration zur überschwänglichen Motivation Egon Schieles, hervorgerufen durch die nun endlich gelungene Versetzung:

Brief Egon Schieles an Wilhelm John vom 21. Mai 1918 (HGM/MHI)

 

  1. Mai 1918

Sehr geehrter Herr Ober-Ingenieur Dr. John!

Gestatten Sie, daß ich Ihnen als Künstler dasjenige schreibe, welches ich mir als militärische Mannschaftsperson, Ihrer hohen Stellung gegenüber mir, nicht mit diesem Ausdruck und dieser Unbefangenheit erlauben kann. –

„Ich habe die Absicht, nicht bloß eine Erinnerung, sondern etwas Starkes, Unvergängliches für das Museum zu schaffen.“ [Hervorhebung durch den Verfasser]

Es ist mein Wille, mich unverzüglich mit den wirklichen Formenstudien zu befassen, da die Idee wohl lebendig, doch aber lediglich vom Handwerk abhängig ist.

Vorerst möchte ich doch Gefangene, Italiener und andere, zeichnen, welche mir schon dereinst einen starken Eindruck zurückließen. – Und nach dem Sommer möchte ich gerne die Front unseres wirklichen Feindes erleben.


Arnot eröffnet morgen eine Ausstellung meiner letzten Zeichnungen, – ich erlaube mir, Sie durch diese Galerie einzuladen und möchte mich sehr sehr freuen, wenn Sie, Herr Ober-Ingenieur, mich in der nächsten Zeit in meiner Werkstatt besuchen würden.

Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr dankergebener

EGON

SCHIELE

 

Egon Schiele, nun endlich im k. u. k. Heeresmuseum angelangt, durfte ab dem 4. Mai 1918 Zivilkleidung tragen und organisierte in weiterer Folge unter der Leitung von Direktor Wilhelm John Kriegsbilderausstellungen. Endlich konnte er wieder relativ ungestört der Malerei nachgehen, auch wenn die Kriegsbürokratie ihn nicht vergessen hatte: so befindet sich in der Albertina der Entwurf eines Briefes an John vom 2. Oktober 1918, in welchem ihn Schiele bittet, ihn vor einer neuerlichen Musterung zu bewahren. Doch dazu kam es nicht mehr, am 31. Oktober 1918 starb Schiele an der Spanischen Grippe. sein Dienst im k. u. k. Heeresmuseum dauerte nur ein halbes Jahr.

 

 

Literaturverzeichnis

Leopold Auer: Egon Schiele und das Heeresmuseum, in: Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs (MÖStA), 26, Wien 1973, S. 456-459.

Ilse Krumpöck: Anton Faistauers militärische Nichtsnutzigkeit, in: Schriftenreihe zu Anton Faistauer und seiner Zeit. Herausgegeben vom Anton Faistauer Forum, Maishofen, 2007.

Walter Albrecht

HR Dr. Walter Albrecht
Kunsthistoriker und Historiker sowie Sammlungsleiter Kunst im Heeresgeschichtlichen Museum/Militärhistorischen Institut. Gemeinsam mit meinen sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bin ich für die Verwaltung aller Objekte mit kunsthistorischem Bezug wie Gemälde, Druckgrafiken, Aquarelle und Handzeichnungen, Skulpturen und Plastiken sowie Miniaturen zuständig. Dies umfasst u. a. Ausstellungswesen, Leihverkehr, Akquisition, Konservierung, Restaurierung und Depotwesen. Meine Forschungsinteressen liegen in der Kunst- und Militärgeschichte der Frühen Neuzeit, besonders des Dreißigjährigen Krieges; sowie der Kunst des Ersten Weltkrieges mit dem Schwerpunkt Kriegsmaler im k.u.k. Kriegspressequartier.

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