HGM Wissensblog

Objekt des Monats September 2020

Karikatur auf die Lucona-Affäre: Szene aus dem Club 45 – Gerhard Haderer (*1951)

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Mischtechnik auf Papier, 31 x 39 cm; gewidmet und signiert: „Für Roman Schliesser | G. Haderer“, undatiert (1989/90); Schenkung aus Privatbesitz.

„Adabei“ Roman Schliesser (1931 – 2015), dem diese Zeichnung des berühmten Karikaturisten Gerhard Haderer gewidmet ist, war Gesellschaftsjournalist und Kolumnist – er ist rechts auf einem Sessel dargestellt, welcher mit seinem Pseudonym gekennzeichnet ist. Thaddäus „Teddy“ Podgorski (*1935) sitzt mit Schliesser beim Kaffee im Club 45, einer Art sozialdemokratischem Herrenclub, dem die Spitzen der österreichischen Politik – vor allem der SPÖ und der Wirtschaft der 1970er-Jahre – angehörten. Am Höhepunkt, in der Zeit der absoluten Mehrheit der SPÖ in den Jahren von 1970 bis 1983, sah sich der Club als Treffpunkt der politischen und wirtschaftlichen Elite Österreichs. Im Zuge der Lucona-Affäre wurde der Club 1992 schließlich aufgelöst.

Die Sessel, die mit „Lü“ (für den ehemaligen Bundesminister für Landesverteidigung Karl Lütgendorf, 1914 – 1981) und „U“ (für den Drahtzieher der Lucona-Affäre Udo Proksch, 1934 – 2001) gekennzeichnet sind, bleiben leer. Im Gemälde dahinter ist eine Bundesheer-Gefechtsszene mit Lütgendorf, Proksch und Podgorski (in martialischer Pose beim Granatenwerfen) dargestellt, auf dem Rahmen befindet sich die Inschrift „Seinerzeit“ – eine Anspielung auf die von Podgorski über 23 Jahre kreierte und moderierte gleichnamige ORF-Nostalgiesendung. Seine Physiognomie zeigt Podgorski in Erinnerungen schwelgend. Proksch gründete 1973 den Verein CUM („Verein zur Förderung ziviler und militärischer Bestrebungen hinsichtlich der Forschungs- und Entwicklungsarbeit auf dem Gebiet des Umweltschutzes“). Initiator war Lütgendorf, Präsident war Proksch und Podgorski Vizepräsident und Geschäftsführer. Der Verein diente als Rechtsträger verschiedener dubioser Geschäfte von Udo Proksch und erhielt auf Veranlassung von Minister Lütgendorf wiederholt ausgemusterte Flugzeuge und Lastkraftwagen aus Bundesheerbeständen als „Leihgaben“. Proksch durfte u. a. auf dem Truppenübungsplatz Hochfilzen in Tirol wiederholt Sprengübungen durchführen, was Haderer in dem Wandgemälde in seiner Karikatur persiflierte. Schließlich kam Proksch so auch in den Besitz von Sprengstoff aus Beständen des Österreichischen Bundesheeres, mit dem am 23. Jänner 1977 der Frachter „Lucona“ im Indischen Ozean versenkt wurde. Die juristische Aufarbeitung der Lucona-Affäre stürzte die Republik Österreich in einen bis dahin nie dagewesenen Politskandal: 16 Politiker, Juristen und Spitzenbeamte wurden von ihren Posten entfernt, angeklagt oder verurteilt; Verteidigungsminister Lütgendorf starb bereits 1981 (vermutlich durch Suizid), Proksch wurde 1992 wegen sechsfachen Mordes an der Besatzung des Schiffes zu lebenslanger Haft verurteilt, in der er 2001 infolge einer Herzoperation verstarb.

Der parlamentarische Ausschuss zur Untersuchung der Lucona-Affäre stellte hinsichtlich der Verwicklung Podgorskis 1990 fest: „Der heutige ORF-Generalintendant Podgorski hat sich zu leichtfertig in die Transaktionen zwischen Proksch und Lütgendorf einspannen lassen und sich zum Geschäftsführer der von Proksch für die Beschaffung von Bundesheermaterial vorgeschobenen Vereinigung CUM hergegeben. Szenen wie der Flug mit Proksch im ORF-Hubschrauber, um dessen Brillenfabrik zu besichtigen, oder die Proksch-Party in einem Salonwagen des ORF, der von Bundesheersoldaten bewacht wurde, sind Ausdruck einer Mentalität, die dem leichtfertigen Missbrauch öffentlicher Einrichtungen gleichgültig gegenübersteht. Was schon damals nicht mehr als harmlose Geselligkeit aufgefasst werden durfte, erscheint heute vor einem makabren Hintergrund.“1

 

1 Bericht des parlamentarischen Untersuchungsausschusses zur Untersuchung (Untersuchungsausschuss „Lucona“), 1000 der Beilagen zu den Stenographischen Protokollen des Nationalrates XVII. GP, veröffentlicht am 4. November 1990.

 

Literatur:

Georg Markus, „,Adabei‘ Roman Schliesser verstorben. Der legendäre Societyreporter starb im Alter von 84 Jahren“, in: „Kurier“, 7. Oktober 2015.

Hans Pretterebner, Der Fall Lucona. Ost-Spionage, Korruption und Mord im Dunstkreis der Regierungsspitze, Wien 1987.

Hans Pretterebner, Das Netzwerk der Macht: Anatomie der Bewältigung eines Skandals, Wien 1993.

Walter Albrecht

Walter Albrecht

HR Dr. Walter Albrecht
Kunsthistoriker und Historiker sowie Sammlungsleiter Kunst im Heeresgeschichtlichen Museum/Militärhistorischen Institut. Gemeinsam mit meinen sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bin ich für die Verwaltung aller Objekte mit kunsthistorischem Bezug wie Gemälde, Druckgrafiken, Aquarelle und Handzeichnungen, Skulpturen und Plastiken sowie Miniaturen zuständig. Dies umfasst u. a. Ausstellungswesen, Leihverkehr, Akquisition, Konservierung, Restaurierung und Depotwesen. Meine Forschungsinteressen liegen in der Kunst- und Militärgeschichte der Frühen Neuzeit, besonders des Dreißigjährigen Krieges; sowie der Kunst des Ersten Weltkrieges mit dem Schwerpunkt Kriegsmaler im k.u.k. Kriegspressequartier.

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