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Der Mantel Napoleons

In jenem Teil des Saal 3 des Heeresgeschichtlichen Museums, der dem Ende der Koalitionskriege und der Herrschaft Napoleons gewidmet ist, findet sich ein zunächst unscheinbar anmutendes Objekt, welches eine bemerkenswerte Geschichte mit vielfältigen historischen Bezügen aufweist. Diese sind ihm jedoch nicht sofort anzuerkennen und so dürfte diesem Exponat häufig wohl weniger Aufmerksamkeit geschenkt werden, als es sich verdienen würde. Es handelt sich dabei um den Uniformmantel des russischen Generals Pavel Andrejevič Šuvalov (1776 – 1823). Seine ganz besondere Bedeutung erlangte er dadurch, dass er 1814 von Napoleon Bonaparte (1769 – 1821) während einer außergewöhnlichen Episode seines Ganges ins Exil auf der Insel Elba getragen wurde und so zu einem speziellen Sachzeugnis der Schlussphase der napoleonischen Ära geriet.

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Russischer Generalsmantel des General Pavel A. Šuvalov, getragen von Napoleon Bonaparte (HGM/Foto: Peter Svec pixXL®)

Die Vorgeschichte: Napoleons Abdankung

Nach der Niederlage Napoleons in der „Völkerschlacht bei Leipzig“ zwischen 16. und 19. Oktober 1813 war dieser endgültig in die strategische Defensive geraten. Er konnte bis Ende 1813 nur noch rund 56.000 Mann seines Feldheeres nach Frankreich zurückführen und trotz intensiver Bemühungen vermochte er für seine Hauptarmee danach kaum noch 80.000 Soldaten aufzubieten. Die weit überlegenen gegnerischen Streitkräfte der „Sechsten Koalition“, die im Februar 1814 in Frankreich selbst einmarschierten, wollte Napoleon durch eine „Strategie der inneren Linie“, das heißt schnelle Bewegungen und rasche Schläge gegen die noch getrennt voneinander vorrückenden gegnerischen Kräftegruppierungen zurückschlagen. Trotz mehrerer für ihn erfolgreicher Schlachten und Gefechte scheiterte er darin, die Vereinigung der beiden gegnerischen Heere unter dem österreichischen Feldmarschall Felix Fürst Schwarzenberg (1771 – 1820) und dem preußischen Generalfeldmarschall Gebhard von Blücher (1742 – 1819), zu verhindern. Zuvor hatte Napoleon ein letztes Angebot eines Verständigungsfriedens durch die Alliierten ausgeschlagen, welches Napoleon die Kaiserwürde und Frankreich die Grenzen von 1792 erhalten hätte. Den vereinigten österreichischen, russischen, preußischen württembergischen und bayerischen Truppen gelang es am 31. März 1814 in Paris einzumarschieren. Nur zwei Tage später beschlossen die beiden französischen Parlamentskammern die Absetzung Napoleons als Kaiser. Dieser hatte sich mit seinen Truppen inzwischen nach Fontainebleau zurückgezogen, wo er am 6. April die bedingungslose Abdankung verkündete, die am 11. April 1814 im „Vertrag von Fontainebleau“ fixiert wurde. Die Verbündeten gestanden Napoleon die Insel Elba als Exil und souveränes Herrschaftsgebiet, den Verbleib seines Titels und eine aus französischen Mitteln zu bestreitende jährliche Apanage von jährlich 2 Millionen Francs zu.

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Einzug der alliierten Streitkräfte in Paris am 31. März 1814, Kolorierter Kupferstich von Franz Barth (HGM)

Der Weg ins Exil

Seine Reise ins Exil trat Napoleon neun Tage später am 20. April 1814 an. Als Ehrenschutz und zur Gewährleistung seiner sicheren Überführung nach Elba wurden ihm Kommissäre der Alliierten beigegeben. Bei diesen handelte es sich um je einen Offizier Preußens, Großbritanniens, Russlands und Österreichs. Der britische Vertreter war Oberst Sir Neil Campbell (1776 – 1827), jener Preußens Oberst Graf Friedrich Ludwig Truchseß zu Waldburg (1776 – 1844) und der Repräsentant des Russischen Reiches der bereits erwähnte General Pavel Andrejevič Šuvalov. Das Habsburgerreich bestimmte für diese Aufgabe den Generaladjutanten Schwarzenbergs, Feldmarschallleutnant Franz Freiherr von Koller (1767 – 1826), der unter anderem auf dem ebenfalls in Saal 3 des HGM ausgestellten Monumentalgemälde Johann Peter Kraffts „Siegesmeldung nach der Völkerschlacht bei Leipzig“ dargestellt ist.

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„Siegesmeldung nach der Völkerschlacht bei Leipzig 1813“, Ölgemälde von Johann Peter Krafft (Feldmarschallleutnant Koller ist zwischen Feldmarschallleutnant Joseph Graf Radetzky und Feldmarschall Karl Philipp Fürst Schwarzenberg abgebildet) (HGM)
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Feldmarschallleutnant Franz Freiherr von Koller, Ölgemälde eines anonymen Künstlers, 1826 (HGM)

Vom preußischen Repräsentanten Graf Truchseß zu Waldburg, dem britischen Vertreter Sir Campbell und vor allem vom Kommissär der Habsburgermonarchie, Freiherr von Koller, stammende Berichte und Schilderungen erlauben einen Blick auf den Verlauf von Napoleons Gang ins Exil und darauf wie es dazu kam, dass sich Napoleon für einige Stunden in einen österreichischen Uniformrock und einen russischen Generalsmantel hüllte.

Ein möglichst großer Teil der Reise sollte nach dem Willen der verbündeten Mächte über den Seeweg bewältigt werden, da dies die Kontrolle über den immer noch mit Misstrauen betrachteten früheren Herrscher Frankreichs erleichtern würde. Beabsichtigt war daher, an Land die am schnellsten zurücklegbare Route zwischen Fontainebleau und dem ursprünglich vorgesehenen Einschiffungshafen Saint-Tropez zu nehmen, wobei sich die Kommissäre mit Napoleon darauf einigten über Briare, Roanne, Lyon, Valence, Avignon und Aix-en-Provence zu reisen. Es wurde darauf Bedacht genommen, übermäßige Aufmerksamkeit seitens der Zivilbevölkerung zu vermeiden, Aufenthalte so kurz wie möglich zu halten und an den einzelnen Poststationen entlang des Weges einen raschen Wechsel der Pferde vorzunehmen. Napoleon verzichtete allerdings bewusst auf die ihm zugestandene Eskortierung durch seine Garde und Truppen der Alliierten, da er es als Demütigung empfunden hätte, sich vor seinem eigenen Volk beschützen lassen zu müssen, bei dem er sich immer noch sehr beliebt glaubte. Jener 400 Mann umfassende Teil der Garde Napoleons, der ihm für sein Exil in Elba gewährt wurde, begab sich daher unabhängig vom Konvoi mit dem abgedankten Kaiser dorthin. Von den übrigen Angehörigen seiner Garde verabschiedete sich Napoleon am 20. April 1814 im Schloss Fontainebleau ­­– eine Szene, die in vielen Darstellungen künstlerisch verarbeitet wurde.

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„Napoleon Bonapartes Abdankung und Verabschiedung durch seine Getreuen, 20. April 1814“, unsignierte und undatierte Lithographie nach Vernet (HGM)

Lediglich bis zum zweiten Reisetag begleitete Napoleon noch eine Abteilung seiner berittenen Garde.

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„Napoleon auf der Reise ins Exil nach Elba“, Kupferstich eines unbekannten Künstlers (HGM)

Die Bevölkerung entlang der Route reagierte allerdings sehr unterschiedlich auf das Erscheinen des ehemaligen französischen Kaisers, ihm wurden sowohl Ovationen und Unterstützungsbekundungen, als auch Vorwürfe und Empörung entgegengebracht. Je weiter Napoleon und seine Begleiter in den Süden gelangten, desto feindseliger wurde die Stimmung der Bevölkerung, wobei sich der abgedankte Kaiser davon überzeugt zeigte, dass die neue französische Regierung die Menschen in den Orten entlang des Weges gegen ihn aufgewiegelt hätte. Ab dem 22. April mehrten sich Gruppen von Menschen, die königliche Kokarden trugen und so ihre Ablehnung Napoleons bekundeten. Lyon wurde in der Nacht von 23. auf 24. April erreicht und aus Sicherheitsgründen rasch durchquert. Hier trennte sich Oberst Campbell von den übrigen Begleitern Napoleons, um nach Saint-Tropez voraus zu reisen und alle Vorkehrungen für die Seepassage zu treffen.

Am Abend des 24. April erreichten Napoleon in Montélimart Nachrichten über die ihm gegenüber feindselige Stimmung in der Provence. Die Reise sollte daher noch in der Nacht fortgesetzt werden, um Avignon vor Tagesanbruch passieren zu können. In den Dörfern die am Weg dorthin durchquert wurden, häuften sich Bekundungen der Treue gegenüber dem neuen König Ludwig XVIII. Avignon wurde am frühen Morgen des 25. April 1814 erreicht und ab da kam es zu einer Reihe von Vorfällen, die Napoleon dazu bewogen in der Verkleidung mit Uniformteilen seiner früheren Gegner Zuflucht zu suchen.

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„Napoleons Reiseabenteuer - Episode auf der Reise Napoleons auf die Insel Elba“, Kupferstich von Friedrich Campe (HGM)

Die Verkleidung Napoleons

Nach den Berichten des österreichischen Kommissärs, Feldmarschallleutnant von Koller, wurden in Avignon Steine gegen den Wagen Napoleons geschleudert und dessen Kutscher bedroht. Nur mit Mühe konnten die Pferde gewechselt und die Reise fortgesetzt werden. Im Dorf Orgon soll sich an jener Stelle an der die Pferde abermals gewechselt werden sollten, eine große Menschenmenge mit bourbonischen Kokarden eingefunden haben, die wütende Tiraden skandierten und auf die Kutsche Napoleons eindrangen, während eine Napoleon darstellende und mit Blut beschmierte Puppe an einem Galgen baumelte. In dieser brisanten Situation, in der sich die Begleiter bemühten die Sicherheit des abgedankten französischen Kaisers zu gewährleisten und die aufgebrachte Menge von dessen Kutsche abzuhalten, fuhr dieser dem restlichen Konvoi alleine voraus, sobald die Pferde gewechselt waren. Außerhalb des Ortes stieß Napoleon auf einen anderen Reisenden der von Hass und Unmut der Bevölkerung und Anschlagsplänen sprach. Dies bewog ihn offenbar zu seiner ersten Verkleidung. In einem schlichten Überrock und mit einem runden Hut mit weißer, royalistischer Kokarde bestieg er eines der Kutschenpferde und ritt mit nur einem Begleiter weit voraus, um so jeglichen Hinweis auf seine wahre Identität zu verschleiern. Erst unweit von Aix-en-Province machte er kehrt, ritt einen Teil des Weges zurück und begab sich in das unscheinbare Gasthaus „La Calade“ in dem er sich als Oberst Campbell ausgab. Auch nach dem Eintreffen des zurückgefallenen Restes des Konvois gedachte Napoleon diese Rolle beizubehalten, nahm dann jedoch ein anderes Pseudonym an, da der britische Kommissär am Weg nach Saint-Tropez schon vor ihm durch die Gegend gekommen sein musste und dies Verdacht erregen hätte können. Laut der Berichte Feldmarschallleutnant von Kollers und des Oberst Graf Truchseß zu Waldburg zeigte sich der abgedankte Kaiser während des Aufenthaltes in der Herberge „La Calade“ sehr nervös, unsicher und verzagt.

Es wurde beschlossen die Reise noch in der Nacht fortzusetzen und den Adjutanten des Feldmarschallleutnant Koller nach Aix-en-Provence vorauszuschicken, um die Stadttore abschließen zu lassen. Dennoch glaubte Napoleon neuerlich seine Verkleidung wechseln zu müssen um seine Rolle als einer der alliierten Kommissäre zu bekräftigen. Er kombinierte dazu auf eigenwillig Weise den österreichischen Uniformrock des Feldmarschallleutnant von Koller mit dem Mantel des Generals Šuvalov und setzte zuletzt den Hut des Grafen Truchseß zu Waldburg auf, während der Adjutant des russischen Generals seine bisherige Verkleidung übernehmen und so gegebenenfalls den abgedankten Kaiser repräsentieren musste.

Auf diese Weise kostümiert setzte Napoleon nach dem Passieren von Aix-en-Provence seine Fahrt mit nur wenigen Unterbrechungen fort bis am Nachmittag des 26. April 1814 der Ort Le-Luc erreicht wurde. Erst hier, wo Napoleon seine Schwester Pauline (1780 – 1825) und eine Ehrenwache zweier k. k. Husareneskadronen vorfand, legte Napoleon nach rund 15 Stunden die aus österreichischen, russischen und preußischen Uniformstücken zusammengesetzte Verkleidung wieder ab.

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„Napoleon Bonapartes Einschiffung nach der Insel Elba am 28. April 1814“, Kupferstich von C. Riedel (HGM)

Am nächsten Tag begab sich der Konvoi nach Fréjus von wo aus die Seereise aus Sicherheitsgründen anstelle von Saint-Tropez angetreten werden sollte. Erst am 29. April 1814 brach Napoleon jedoch auf der britischen Fregatte HMS Undaunted nach Elbau auf, wo er am 4. Mai 1814 eintraf. Er übernahm sodann die Souveränität über die Insel von der französischen Regierung und entfaltete in weiterer Folge eine rege Verwaltungs- und Regierungstätigkeit in seinem nunmehrigen Herrschaftsgebiet.

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„Napoleon landet unter dem Donner der Kanonen in Porte Ferrayo und nimmt Besitz von der ihm von den verbündeten Mächten erteilten Insel Elba den 4. Mai 1814“, Kupferstich von Anton Leitner (HGM)

Napoleons Aufenthalt auf der Insel Elba sollte jedoch dennoch nicht von langer Dauer sein. Nicht einmal zehn Monate später ­– am 26. Februar 1815 – kehrte Napoleon aus seinem Exil nach Frankreich zurück, um ein letztes Mal sein Kaiserreich zu restaurieren und die sogenannte „Herrschaft der 100 Tage“ anzutreten, die dann durch die Schlacht bei Waterloo (Belle-Alliance) am 18. Juni 1815 ihr Ende fand.

Der Mantel des Napoleons und das Heeresgeschichtliche Museum

Wie kam es dazu, dass der Mantel des General Šuvalovs nunmehr im Heeresgeschichtlichen Museum besichtigt werden kann? Feldmarschallleutnant von Koller soll seinen eigenen Uniformrock, sobald er von Napoleon getragen worden war, als besonderes historisches Erinnerungsstück betrachtet und ab diesem Zeitpunkt nicht mehr getragen haben. Die einstmalige Verkleidung Napoleons wurde dann innerhalb der Familie weitergegeben bis sich der Enkel des Feldmarschallleutnant Franz Freiherr von Koller, Ministerialrat Alexander Freiherr von Koller, im Jahr 1904 dazu entschloss dieses Uniformstück dem damaligen k. u. k. Heeresmuseum zu überlassen. Nach der großen „Erzherzog Karl-Ausstellung“ im Jahr 1909 kam eine weitere Schenkung historischer Erinnerungsstücke aus Familienbesitz – insgesamt etwa 100 Objekte, viele davon mit Bezug zum früheren Reichskriegsminister und Sohn des Begleiters Napoleons, General der Kavallerie Alexander Freiherr von Koller – hinzu. Ein wichtiger Impuls für die Schenkung der von Napoleon getragenen Uniform war dabei vom Historiker und früheren Minister Josef Alexander Freiherr von Helfert ausgegangen, der schon im Jahr 1874 die Studie „Napoleon I. Fahrt von Fontainebleau nach Elba“ verfasst und sich für einen gesicherten Erhalt dieses besonderen Objektes in einer öffentlichen Sammlung ausgesprochen hatte.

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Museale Präsentation des Waffenrocks Feldmarschallleutnant von Kollers und des Mantels des General Šuvalov im Wiener Heeresmuseums vor 1938 (HGM)

Der Mantel General Šuvalovs, der ebenfalls über den Nachlass Feldmarschallleutnant von Kollers an das Museum gelangt war, nahm in der musealen Repräsentation zunächst jedoch nur eine nachrangige Rolle ein. Die von Napoleon am 25. und 26. April 1814 getragenen Uniformstücke verschiedener Herkunft wurden im früheren Heeresmuseum bis zum Zweiten Weltkrieg zwar in einer gemeinsamen Vitrine im sogenannten „Waffensaal II“ (im Bereich des heutigen Saal 3) ausgestellt, doch war der Mantel eher unscheinbar am Boden der Vitrine ausgebreitet, während der Uniformrock Kollers gut sichtbar und figurinenartig präsentiert wurde. Letzterer ging jedoch am Ende des Zweiten Weltkrieges oder in der unmittelbaren Nachkriegszeit an einem der Auslagerungsorte des Heeresmuseums durch Plünderung verloren. Seither verbleibt nur noch der Mantel des General Šuvalov um als Sachzeugnis an jene kuriose Episode am Ende der napoleonischen Ära zu erinnern.

Der eher unauffällige Mantel verweist damit auf die sozialen- und politischen Spannungen in der Schlussphase des Ersten Französischen Kaiserreiches und die ungleiche Stimmungslage gegenüber Napoleon, auf widersprüchliche Facetten der Persönlichkeit des „Kaisers der Franzosen“, aber auch auf ein besonderes Stück Diplomatiegeschichte.

Stefan Kurz

Stefan Kurz

MMag. Stefan Kurz
Ich bin Historiker und Politikwissenschafter. Als wissenschaftlicher Assistent der Direktion ist mein Aufgabengebiet sehr vielfältig und jeweils anlassbezogen mit den verschiedensten musealen Tätigkeiten verbunden. Es erstreckt sich damit u.a. von eigentlichen Assistenzaufgaben, über das Kuratieren von Ausstellungen bis hin zu wissenschaftlichen Arbeiten.
Meine Forschungsinteressen liegen insbesondere in der Militärgeschichte der Habsburgermonarchie des „langen 19. Jahrhunderts“, der Militärdiplomatie und dem Zusammenhang zwischen der Entwicklung des stehenden Heeres und der modernen Staatlichkeit. Aktuelles Forschungsgebiet ist die Geschichte des Heeresgeschichtlichen Museums.

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