HGM Wissensblog

Soldaten in Krieg und Frieden

Eine Annäherung…

Nähert man sich der Begrifflichkeit des „Soldaten“ in der Militär- und Kriegsgeschichte an, verfolgt seine Bedeutung sowohl in Zeiten des Friedens als auch des Konflikts, so wird man, je nach nationaler, politischer, sozialer oder auch religiöser Perspektive, unterschiedliche Kontextualisierungen im Verlauf der allgemeinen Geschichte vorfinden. In diesen das Narrativ des Soldaten prägenden „Rahmenbedingungen“, treten die tatsächlich gesetzten Handlungen und Taten oftmals in den Hintergrund. Dementsprechend assoziieren die unterschiedlichen – nationalen – Historiographien mit dem „Soldaten“ je nach Ausprägung und Wahl der oben genannten Perspektiven Bewertungen, die vom klassischen, meist apotheotisch überhöhten Heldenbild über Opfermythen bis hin zur profanen Gleichsetzungen mit Kriminellen, Banditen, Plünderern oder Mördern führen können.

Die Forschung hat sich in den letzten Jahren vermehrt mit dem Phänomen „Soldat“ zu beschäftigen begonnen, wobei vor allem soziologische Ansätze dominieren. Diese sollen im folgenden Beitrag weniger im Vordergrund stehen, sondern vor allem eine militärhistorische Bewertung, welche im Hinblick auf die Schaffung nationaler Helden- und Feindbilder von besonderer Bedeutung sind. Der vorliegende Beitrag versteht sich aber nicht als umfassende Darstellung dieser Problematik, sondern lediglich als eine Annäherung an dieses komplexe Themenfeld, welches sowohl national als auch international eine umfangreiche Bandbreite einnimmt.

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Jaquardgewebte Soldatendarstellungen aus verschiedenen Zeiten © HGM/MHI

Folgt man als Beispiel einzelnen nationalen militärgeschichtlichen Narrativen, so begegnen uns unterschiedliche Persönlichkeiten, die im eigenen nationalen Selbstbild eine wichtige Rolle einnehmen und in der historischen aber auch moralischen Bewertung meist einseitig dargestellt werden. Während etwa Alexander der Große bereits in der Antike und dann erneut Anfang des 19. Jahrhunderts nicht nur als Eroberer, sondern gleichfalls als Vorreiter moderner Wirtschaftspolitik und Vertreter einer Politik der Völkervermischung, also einer supranationalen Ausrichtung galt,1 extrapolierten moderne Historiker zunehmend Einzelaspekte und kamen zu durchaus kritischen Bewertungen, die wiederum ein übertrieben negatives Bild zeichneten, was durchaus dem gegenwärtigen Trend der „Dekonstruktion“ entspricht und sehr kritisch als „new orthodoxy“ bezeichnet wird.2 Ähnliches gilt für Eugen Franz, Prinz von Savoyen-Carignan, der als wichtigster und erfolgreichster Feldherr in den Kriegen Habsburgs gegen das Osmanische Reich und Begründer des Aufstiegs Österreichs zur Großmacht gilt. Als Kunstmäzen, Bauherr und Sammler entsprach auch sein außermilitärisches Interesse dem eines Fürsten des Barock.3

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Portrait Eugen Franz, Prinz von Savoyen-Carignan, Grave par B. Picard, 1722. Nach einem Gemälde von Jacques van Schuppen © HGM/MHI
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Gustav II Adolf, König von Schweden. Nach einem Gemälde © HGM/MHI

Andererseits galt auch er als Eroberer und Feldherr mit wenigen Sympathien für den Gegner. Seine Rolle wird heute von türkischen Historikern verständlicherweise kritischer beurteilt. Diese Ambivalenz in der Beurteilung ließe sich auch auf den schwedischen König Gustav II. Adolf, der durch sein Eingreifen den Sieg des kaiserlichen Lagers im Dreißigjährigen Krieg verhinderte und damit den Fortbestand des deutschen Protestantismus gewährleistete, oder Giuseppe Garibaldi, den „Helden“ des italienischen Risorgimento im 19. Jahrhundert, anwenden. Beide wurden in ihrer jeweiligen nationalen Rezeption zu „Helden“, in der Darstellung der ehemaligen Gegner als Usurpatoren oder simple Banditen stigmatisiert. Diese Liste ließe sich noch bedeutend verlängern, in allen Ländern finden sich derartige historische Persönlichkeiten.

Nun, da die Perspektive, die „Rahmenbedingungen“ oder Kontextualisierungen als maßgeblich erkannt worden sind, stellt sich die Frage nach dem speziellen Handeln des Soldaten in Krieg und Frieden, welches für eine Beurteilung mit vergleichendem Ansatz notwendig erscheint. In diesem Zusammenhang stellt sich sogleich die zusätzliche Frage nach der grundsätzlichen Definition des „Soldaten“ im Unterschied zum klassischen Kriegertypus, Freischärler, Guerillakämpfer, Milizen etc. Obwohl bereits im Vorfeld die klassischen (und gängigen) Definitionen des Soldaten als „im Sold stehend“ oder durch eine völkerrechtliche Bestimmung definiertes Subjekt vorweggenommen werden können, so bleiben sowohl in der einen als auch der anderen Hinsicht Zweifel, da vor allem die Abgrenzungen zu anderen Bezeichnungen nicht einwandfrei vorgenommen werden können. Wird der „Krieger“ gemeinhin dadurch definiert, dass sich sämtliche wehrfähigen Männer eines Stammes oder Volkes an einem Kriegszug – zumindest temporär – zu beteiligen hatten, man also bereits alleine durch seine Geburt zum Kriegsdienst angehalten wurde, so gelten „Soldaten“ heute im allgemeinen Sprachgebrauch lediglich als jener Teil der männlichen (und partiell auch weiblichen) Bevölkerung, welche durch Ausbildung und Ausrüstung für die Kriegsführung vorbereitet wird.4 Ihre Motivation sollte dabei vorerst nicht im Vordergrund stehen, wodurch die ursprünglich oft verwendete Abgrenzung zum „Söldner“ oder Militärbeamten gerade im Hinblick auf die aktuellen und modernen Konflikte kaum mehr haltbar erscheint. Demnach existiert der Archetypus des „Kriegers“ seit es Menschen gibt und der „Soldat“ seit rund 6000 Jahren.

Nachdem beide Begriffe gerade im Hinblick auf die modernen Kriege des 20. und 21. Jahrhunderts mehr und mehr ihre gegenseitigen Abgrenzungen verwischten, versuchte und versucht das Völkerrecht Klarstellungen zu erreichen, indem etwa die Haager Abkommen sowie die Genfer Konventionen Präzisierungen bei hybriden Erscheinungsformen vornahmen.

Während die berühmten französischen „Franctireurs“ von 1870/71 in der Haager Landkriegsordnung noch als außerhalb des Völkerrechts stehend definiert wurden, erreichten die während des Zweiten Weltkriegs kämpfenden Partisanen oder „Macquisards“ nach 1945 eine weitgehende rechtliche Anerkennung, wenngleich ihnen hinsichtlich ihrer Kampfesweise konkrete Auflagen, wie etwa verantwortliche Kommandoführung, einheitliche Adjustierung/Abzeichen, offen getragene Waffen, Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen zur Behandlung von Kriegsgefangenen etc. gemacht wurden. Aber auch dabei konnten die Grenzen durchaus verschwimmen, wie die für die Unabhängigkeit Israels kämpfenden Geheimorganisationen „Haganah“ und „Irgun Zwai Leumi“ deutlich machen. Vor der Unabhängigkeit als terroristische Vereinigungen verurteilt, wurden sie nach der Staatsgründung Israels zum legalen Bestandteil der offiziellen staatlichen Armee.

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Porträtaufnahme eines Franctireurs, um 1870 © Wikimedia

Daraus resultiert, dass auch das Völkerrecht keine klaren Aussagen über das Wesen des Soldaten machen kann. Letztlich wird dann doch ein eher soziologischer Ansatz zu wählen sein. Bei Kriegern und Soldaten handelt es sich um Menschen, welche in einer Gruppe für den Kampf gegen andere Gruppen ausgebildet und ausgerüstet wurden und im Kampf Gewalthandlungen setzten, welche im Krieg im Allgemeinen als moralisch nicht verwerflich gelten oder geahndet werden.5

Nachdem die Frage nach der Charakteristik von Soldaten und Kriegern annähernd definiert wurde, stellt sich nun die Frage, wie Soldaten überhaupt „gemacht“ werden? Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, sollte als zeitliche Grenze das Ende des Mittelalters bzw. die Frühe Neuzeit herangezogen werden. Für diese Zeitperiode sind das Auslaufen des klassischen Rittertums mit seinen durch Lehensgebung verbundenen Loyalitäten und der Übergang zum besoldeten Mietsoldaten, dem „Söldner“, charakteristisch, wenngleich es in zahlreichen Herrschaftsgebieten parallel dazu auch noch Landesaufgebote der ortsansässigen Bevölkerung zu berücksichtigen gilt. Als erste Vorläufer modernen Söldnertums gelten die bereits im Spätmittelalter bekannten „Brabanzonen“, die nach ihrer ursprünglichen Herkunft Brabant bezeichnet wurden. Sie rekrutierten sich aus arbeitslosen Handwerkern und einkommenslosen adeligen Spätgeborenen, welche ihre Dienste jedem Soldzahler anboten. Ein erstes markantes Auftreten dieser Söldner ist in der Schlacht bei Crecy 1346 belegt.6 Im selben Zeitraum formierten sich im französischen Raum die sogenannten „Armagnaken“, benannt nach dem Adelsgeschlecht der „Armagnacs“, welche während des Hundertjährigen Krieges im französischen Bürgerkrieg auf Seite des Herzogs von Orleans kämpften. Sie rekrutierten sich aus zahlreichen Nationen und Volksstämmen und zeichneten sich durch ihre besonders brutale Kampfführung aus. Nachdem sie als Erkennungszeichen eine weiße Armbinde trugen, wurden sie auch als „les bandes“ bezeichnet, woraus sich dann der Begriff „Bande“ oder „Bandit“ entwickelte. Problematisch sowohl bei den Brabanzonen als auch Armagnaken erwies sich die Zeit nach Beendigung des Krieges, weil sie in der Regel kein ziviles Erwerbsleben entwickelten und schließlich auf eigene Kosten plündernd Landstriche verwüsteten. Ursprünglich als Verstärkung einer Kriegspartei angeworben, wurden sie nach Ende der Kampfhandlungen zum Problem und erforderten zu ihrer Eindämmung militärische Maßnahmen.7 Während sich Brabanzonen und Armagnaken noch selbständig aus erwerbslosen Söldnern formierten, fand die Anwerbung von Söldnern unter den „Condottieri“ gezielt und organisiert statt. Ihren Ursprung fanden die Condottieri im 13. und 14. Jahrhundert in Oberitalien, als die dortigen kleinen, aber reichen Stadtstaaten ihre Verteidigung durch bezahlte Söldnerführer organisieren ließen. Dabei wurden die Kontrakte direkt mit dem militärischen Führer oder Leitenden (ital. „condotta“) abgeschlossen. Durch das Vorhandensein einer Art militärischer Hierarchie erlangten die Condottieri, die als eine Art militärische Generalunternehmer fungierten, durchaus politische Macht. Ihr Niedergang war letztlich aber weniger strukturell als taktisch bedingt, zumal sie zu Beginn des 16. Jahrhunderts mit ihren teilweise noch dem mittelalterlich verhafteten Kampfverfahren gepanzerter Reiter den aufkommenden Landsknechtheeren unterlegen waren.8

Rekrutierten sich die ersten Soldaten des Spätmittelalters bzw. der Frühen Neuzeit aus angeworbenen Söldnern, die nach Ende der Kampfhandlungen nicht ins Zivilleben zurückkehrten und sich verselbständigten, so entstand mit den schweizerischen „Reisläufern“ und deutschen „Landsknechten“ die ersten Typen des Berufssoldaten.

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Landsknechte, 2.Viertel des 16. Jahrhunderts © HGM/MHI

Auch sie entschieden sich aus mangelnder Erwerbsperspektive für das Kriegshandwerk, wurden aber für den Kriegsdienst mittels eines Vertrages angeworben, welcher Dienstpflichten und –rechte sowie die Höhe des Soldes regelte. Mit heutigen Begriffen würde man Reisläufer und Landsknechte als freie Unternehmer bezeichnen, die ihren Kriegsdienst einem Kriegsherrn anboten und nach Kriegsende wieder entlassen wurden. Dabei stand ursprünglich das Prinzip der Freiwilligkeit im Vordergrund, auch bestand meist ein eigener Ehrenkodex, der auch eine eigenständige Jurisdiktion innerhalb des Regiments beinhaltete.9

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Statue Georg von Frundsberg in der Feldherrenhalle des Heeresgeschichtlichen Museums © HGM/MHI

Als einer der berühmtesten Landsknechtführer galt Georg von Frundsberg, der in habsburgisch-kaiserlichen Diensten Anfang des 16. Jahrhunderts vor allem im süddeutschen und oberitalienischen Raum kämpfte. Sein Versuch, das Landsknechtwesen als eine Art Soldatenorden moralisch zu etablieren scheiterte aber an den vorherrschenden materiellen Interessen der Geworbenen.10 Das Ausbleiben fälliger Soldzahlungen konnte durch Loyalität oder Moral oft nicht kompensiert werden. Die als „Sacco di Roma“ bekannt gewordene Plünderung Roms durch die Landsknechte Frundsbergs mag als augenscheinliches Beispiel dienen.

Dennoch dominierten Landsknechtheere das europäische Militärwesen bis in das späte 17. Jahrhundert, wobei sich die Freiwilligkeit der Geworbenen gerade während des Dreißigjährigen Krieges infolge des allgemeinen Soldatenmangels zugunsten unterschiedlicher Zwangsmaßnahmen reduzierte. Damit schwand auch noch die letzte möglicherweise vorhandene Loyalität gegenüber dem (Sold auszahlenden) Kriegsherrn. Ausbleibender Sold und schlechte Lebensbedingungen machten ganze Armeen für den jeweils Bestbietenden verfügbar. Auch hier fungierten – infolge finanzieller Engpässe der Staatskasse – Feldherren, wie etwa Albrecht von Wallenstein, oftmals als militärische „Generalunternehmer“, indem Aufbietung, Ausrüstung und Versorgung der Heere als private materielle Vorleistung für den politischen Machthaber organisiert wurde und Monarchen in finanzielle Abhängigkeiten zu ihren Befehlshabern führten.

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Blick in die Saalgruppe über den Dreißigjährigen Krieg. Mitte: Büste Albrecht von Wallensteins © Nadja Meister

Mit Ende des Dreißigjährigen Krieges und dem Übergang zum absolutistischen Herrschaftssystem veränderte sich auch das militärische System. Die nur für Feldzüge bzw. auf Kriegsdauer formierten und bezahlten Landsknechtheere verschwanden nach und nach in fast allen europäischen Staaten und wurden durch „stehende Heere“ ersetzt. Im Unterschied zur vorigen Epoche wurden die Soldaten nunmehr langfristig verpflichtet und auch bezahlt. Der „miles perpetuus“ wurde zwar immer noch geworben, stand jedoch in einem direkten Abhängigkeitsverhältnis zur staatlichen Souveränität, personifiziert durch den jeweiligen Landesfürsten. Gleichfalls setzten starke Vereinheitlichungen und Normierungen der Unterschiedlichkeit der Soldaten und Regimenter enge Grenzen, was auch durch die nach und nach in ganz Europa eingeführte einheitliche Uniformierung der Soldaten zum Ausdruck gebracht wurde. Mit der Übernahme der gesamten Finanzierung durch die Staatswesen bestanden auch keine Notwendigkeiten, durch Plünderungen, Geiselnahmen oder Brandschatzungen zusätzliche materielle Einkünfte zu erzielen. Der Schutz der steuerzahlenden Landbevölkerung vor Übergriffen der Soldateska wurde mit drakonischen Strafen sichergestellt. Dementsprechend gestaltete sich der Soldatendienst von nun an überaus hart und versprach lediglich die geringe offiziell geltende Entlohnung. Als Rekruten fanden sich vor allem Erwerbslose, welche den Ländern und Ständen durch die Armee als soziale Belastung schlichtweg „entsorgt“ wurden. Die Freiwilligkeit der Anwerbung wurde in vielen Regionen oftmals durch den Einsatz von Alkohol oder anderen Druckmitteln seitens der Werbeoffiziere unterlaufen, sodass die Bewertung der stehenden Heere des Absolutismus als reine Freiwilligenaufgebote sicherlich nicht zulässig ist.

Mit der erstmaligen Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Form der „Levée en masse“ im Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts verschwand die Freiwilligkeit des Kriegsdienstes nach und nach aus allen Armeen und beschränkte sich nur mehr auf das Offizierskorps bzw. freiwillig länger dienende Unteroffiziere. Der Soldat als Staatsbürger in Uniform wurde durch staatliche Gesetze zu den Waffen gerufen und blieb auch weitgehend national gebunden. Daraus resultiert, dass mit der Volksbewaffnung – im Unterschied zu den stehenden Heeren – nunmehr keine durchdisziplinierten Berufssoldaten zu den Waffen gerufen wurden, denen vielleicht sogar eine gewisse Neigung oder Freiwilligkeit hinsichtlich ihres Handwerks zugestanden werden kann, sondern auch jene, welche der militärischen Gewalt ablehnend gegenüberstehen. Mit der Mobilisierung der Volksmassen transformierte aber auch der Krieg zum Volkskrieg, mit der Gefahr, dass auf den Schlachtfeldern halbe Völker zugrunde gehen konnten.11 Dennoch blieben auch in Zeiten der allgemeinen Dienst- oder Wehrpflicht Freiwillige Bestandteil der modernen Heere. Beispielhaft wären die Freiwilligenverbände der Balkanstaaten währen der Balkankriege zu nennen oder etwa jene Frauen Ostgaliziens, welche während des Ersten Weltkriegs in die auf Seiten Österreich-Ungarns aufgestellten „Ukrainische Legion“ eintraten.12

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Sophie Haletschko, Kadettenaspirantin in der Ukrainische Legion © HGM/MHI

Neben der Aufbietung entsprechender Truppenstärken ergibt sich zusätzlich natürlich die Frage nach der Motivation des Einzelnen, freiwillig oder unfreiwillig in den Krieg zu ziehen und sowohl als Subjekt Gewalt auszuüben oder als Objekt zum Opfer von Gewalthandlungen zu werden. Dieser umfassende Komplex lässt sich verständlicherweise nicht einseitig erklären, vielmehr sind verschiedene Ebenen zu berücksichtigen und auch in temporärer Hinsicht wechselvolle Entwicklungen fassbar. Auch auf der obersten, der staatlichen Einstellung zu Krieg und Konflikt ergeben sich bereits erhebliche Unklarheiten, da im Verlauf der historischen Entwicklung starke Abweichungen zwischen „verkündeten“ Kriegsuraschen, also nach außen kommunizierte Vorwänden oder dem „Alibi“, und den wirklichen, tatsächlichen Ursachen unterschieden werden muss. Diese, meist nicht nach außen kommuniziert, werden durch Staatsführung oder das Staatsvolk determiniert und können politische, nationale, wirtschaftliche, religiöse, persönliche etc. Ursachen umfassen. Diese meist verborgenen und oftmals auch unterschwelligen Elemente werden dann durch einen entsprechenden Anlass, ein auslösendes Ereignis aktiviert und bestimmen wiederum die anfangs erwähnten, nach außen kolportierten „offiziellen“ Kriegsursachen. Letztlich werden sich die meisten Kriegsgründe, sowohl intern als auch extern, auf den Kampf um Raum und Einfluss, Landnahme, Revierverhalten und staatliches Prestige, materiellen und humanen Raub, Selbstdarstellung, Rachsucht und Genugtuung, Ruhmessucht und Religion beziehen, wobei durchaus hybride Erscheinungen möglich, ja sogar wahrscheinlich sind.13

Für das übergeordnete Thema dieses Artikels sind vor allem die Schlagworte Religionen, Ideologien und Patriotismus von besonderem Interesse, da sie für die individuellen Kriegsteilnehmer übergeordnete Motivationsfaktoren darstellen. Sie entsprechen meist den klassischen Propagandafaktoren, welche der mentalen und schließlich auch faktischen Mobilisierung der Heere vorausgehen. Dabei waren vor Ausbruch der Französischen Revolution Krieg und Religion immer schon Begleiter gewesen, wobei religiöse Inhalte oftmals dazu dienten, tatsächliche Kriegsursachen oder Motivationen zu verbergen. Manchmal ergaben sich aus der religiösen Motivation durchaus Unvereinbarkeiten mit den gesetzten oder zu setzenden Gewalthandlungen. So schrieb Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi in seinem berühmten Werk „Krieg und Frieden“ über die Schlacht: „ Man kommt zusammen, um einander umzubringen, man tötet oder verstümmelt Zehntausende von Menschen und hält dann Dankgottesdienste ab, weil es einem gelungen ist, so viele Menschen umzubringen.“14 Manchmal muteten gerade Gottesdienste in Zusammenhang mit kriegerischen Gewaltakten besonders bizarr an, etwa als die Befehlsausgabe vor dem Abwurf der Atombombe auf Nagasaki, die rund 36.000 Menschen in den Tod riss, mit dem Gebet eines Geistlichen beendet wurde, welche die Anwesenden „sehr bewegte“.15 Für das Ineinandergreifen von religiösen, politischen und wirtschaftlichen Interessen existieren in Europa zahllose Beispiele, wie der islamische „Heilige Krieg“, der Dschihad, die christliche Gegenbewegung der Kreuzzüge oder die Sachsenkriege Karls des Großen, die Hussitenkriege oder der Dreißigjährige Krieg.

Mit der Französischen Revolution bahnten sich die Ideologien ihren Weg in die Begründung von Kriegen, wobei auch sie hinsichtlich ihrer Beurteilung kritisch zu sehen sind. Gelten Ideologien nun als tatsächlicher Antrieb oder gar Auslöser für Konflikte oder sind sie ähnlich den Religionen lediglich als Etikette zu verstehen? Denn auch Ideologien dienen oftmals der Übertünchung realpolitischer und wirtschaftlicher Bestrebungen, wobei durchaus auch Anleihen bei religiösen Begriffen gesucht wurden. Sowohl der spanische Diktator Francisco Franko als auch der spätere Präsident Dwight D. Eisenhower bezeichneten ihre Kriege als „Kreuzzüge“. Letztlich bleibt der Krieg, egal ob religiös oder ideologisch motiviert, „der Drang nach Sicherheit, Macht und Ruhm“16 oder „Kampf eines Volkes um seinen Platz auf der Welt – Platz als Raum wie als Rang verstanden“.17 Zusammenfassend lässt sich jedoch feststellen, dass ideologisch oder religiös motivierte oder „etikettierte“ Kriege mit erheblich mehr Vehemenz, Brutalität und Fanatismus geführt werden, wobei: “Es ist ganz gleichgültig, welche Schlagworte in den Wind schallen, während die Türen und die Schädel eingeschlagen werden.“18

Bei all jenen als Überbegriffe der Motivation für Kriegs- und Gewalthandlungen einzuschätzenden Faktoren stellt sich natürlich die Frage, ob der einzelne Soldat jene durch Staaten, politische oder religiöse Führer vorgegeben Beweggründe auch tatsächlich reflektiert oder diesen durchaus auch teilnahmslos gegenübersteht. Patriotismus und Vaterlandliebe gelten in dieser Hinsicht sicherlich als umfassender Motivationsfaktor, obwohl auch sie als abstrakte Ideale gelten können. Meist werden sie aber durch Heldenfiguren personifiziert und damit „körperlich“ fassbar. Klassische Kriegerkönige wie etwa Alexander der Große, Richard Löwenherz oder Schwedens Karl XII. können als herausragende Beispiele angeführt werden. Ihre Soldaten wurden nicht nur faktisch, sondern auch im ideellen Sinn zu Teilhabenden des Ruhmes und wurden in ihrem eigenen Selbstwertgefühl erheblich gestärkt. Oftmals verschmelzen dann auch zusätzliche ideologische und sogar religiöse Momente in der Person des Feldherren, der gerade abgöttisch verehrt wird und durchaus zum bestimmenden Motivationsfaktor hochstilisiert wird.19 Gerade ab dem 18., vor allem jedoch dem beginnenden 19. Jahrhundert setzt – infolge des sich nach und nach entwickelnden Nationalismus in Europa – eine stärkere Betonung der Volkszugehörigkeit ein, welche bis weit ins 20. und 21. Jahrhundert verstärkt die politische Ideologie beeinflusste und beeinflusst. Die Durchdringung der Gesellschaft mit national(istisch)em Gedankengut durchläuft dabei alle Schichten und Gruppierungen, findet also sowohl beim Intellekt als auch den Bildungsfernen Anklang, eint scheinbar auch Arm und Reich. Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer meinte zum Nationalismus: “Die wohlfeilste Art des Stolzes ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt.“20

Über die persönliche Motivation des Einzelnen, Soldat zu werden, ist im Hinblick auf das Söldnerwesen der frühen Neuzeit und des 17. Jahrhunderts bereits berichtet worden. Auch über das Faktum, dass auch in Zeiten der allgemeinen Wehrpflicht immer noch zahlreiche Freiwillige in den Heeren zu finden waren. Dies ist natürlich für den Bereich des Offizierskorps und der Generalität leichter verständlich, wobei die ebenfalls schon erwähnte Sucht nach Ruhm und Ehre einerseits, die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs andererseits nicht zu unterschätzende Faktoren darstellen.

Andererseits sind auch für den Bereich der militärischen Führung zwanghafte Maßnahmen gesetzt worden – sei es von den Eltern oder durch den Landesfürsten –, die den Eintritt von Jugendlichen in die Armee forcierten. Viele Persönlichkeiten von Politik und Kultur waren Absolventen von Militärschulen, wie etwa Napoleon Bonaparte, der die Militärschule von Brienne besuchte,21 Friedrich Schiller als Frequentant der Württembergischen Militärakademie sowie die österreichischen Literaten Rainer Maria Rilke und Robert Musil, die k.k. Militärschulen besucht hatten. Für den Mannschaftsbereich ist wohl auch das Spektrum der Freiwilligkeit in Zeiten der Allgemeinen Wehrpflicht noch vorhanden, wobei in diesem Zusammenhang zwei parallele Entwicklungen fassbar sind:

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Portrait Napoleon Bonaparte am großen St. Bernhard, nach dem Gemälde von J.L.David © HGM/MHI

Zum einen, die so genannten „Friedensfreiwilligen“, welche sich zwar für den Soldatenberuf entschieden, jedoch ausschließlich im Friedensdienst, und keine besonderen Ambitionen an den Tag leg(t)en, in den Krieg zu ziehen. Diesen „Friedensfreiwilligen“ wurde oftmals auch der Vorwurf der „Drückebergerei“ gemacht, zumal sie dem entbehrungsreichen (zivilen) Arbeitsalltag entflohen und dem zwar eintönigen, aber versorgungssicheren Armeedienst zustrebten. So meinte einer der Protagonisten in Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ zum Militärdienst: „Jeden Tag ist dein Futter da, sonst machst du Krach, hast dein Bett, alle acht Tage deine Wäsche wie ein Kavalier, machst deinen Unteroffiziersdienst, hast dein schönes Zeug – abends bist du ein freier Mann und gehst in die Kneipe.“22 Und der berühmte Wüstenkämpfer T. E. Lawrence schrieb, als er sich unter einem Pseudonym als Rekrut zur britischen Luftwaffe meldete, um ein neues Leben zu beginnen: „Jetzt brauche ich mir die nächsten sieben Jahre lang nicht den Kopf zu zerbrechen, wo ich mein Essen herbekomme…Wenn jemand sich freiwillig meldet, gesteht er damit ein, im Leben eine Niederlage erlitten zu haben.“23 Diese Feststellung gilt auch noch für die modernen Armeen nach dem Zweiten Weltkrieg, wo die Masse der freiwillig sich verpflichtenden Soldaten von der Armee vor allem soziale Sicherstellung, eine zivil anerkannte Ausbildung, Komfort in jeder Lebenslage und ein möglichst geringes Risiko, verwundet oder getötet zu werden, erwartete.24

Neben diesen klassischen „Friedens-Soldaten“, denen der gesicherte Lebensunterhalt als wichtigste und grundlegende Motivation für den freiwilligen Eintritt in die Armee zugerechnet werden kann, spielten auch weitere Faktoren eine wichtige Rolle, von denen die „Beutegier“ wohl als wichtigste Triebkraft angeführt werden muss. Hier bestimmen natürlich die unterschiedliche hierarchischen Ebenen eine Rolle. Während für Staaten und Völker bzw. deren Lenker und Führer der Raub von Territorien, Bodenschätzen, Menschen etc. im Vordergrund stand, strebten die militärischen Führer neben materieller Beute auch nach „Trophäen“, die als klassische Siegeszeichen die eigenen militärischen Erfolge untermauern halfen. Ausgehend vom antiken „tropaion“ konnten sich diese Siegeszeichen in militärischen Gütern, Feldzeichen oder Kriegsgefangenen manifestieren, in manchen Kulturen galten und gelten sogar heute noch abgeschlagene Köpfe oder andere Körperteile als militärische Trophäe. Wenngleich diese barbarische Art der Trophäensammlung im Verlauf der letzten beiden Jahrhunderte zunehmend der materiellen Plünderung gewichen ist, wobei sich der Kunst- und Kulturraub als neue Kategorie staatlich-privater Plünderung entwickelte,25 erlebt die Verstümmelung von Toten neuerdings eine Renaissance.

Weiters spielte und spielt auch die Abenteuerlust für die Attraktivität des Soldatenberufes eine besondere Rolle. Meist romantisch verklärt, wird die Liebe zur Gefahr und an Orte zu gelangen, die man im Zivilleben wohl nie gesehen hätte, zu einem wichtigen Motivationsfaktor, den auch die heute noch bestehende französische Fremdenlegion bestens zu nutzen weiß, wobei vor allem die Jugend diesen Vorstellungen Vieles abgewinnen konnte. Winston Churchill meinte, „Es ist diese Lockung der Jugend – Abenteuer, und Abenteuer um des Abenteuers willen.“26 Wohl lief der Krieg dann meist ganz anders ab als erwartet, war aber – zumindest aus der Perspektive des Einzelnen bis zum 19. Jahrhundert – nicht immer ganz so schrecklich wie befürchtet, aber sicherlich weniger romantisch als erhofft.27

Eine wichtige, für das Soldatenhandwerk essentielle Frage manifestierte sich im Themenkomplex des Tötens. Hätten sich Krieger und Soldaten geweigert, Gewalt auszuüben und zu töten, wären Kriege wohl nicht zu führen gewesen. In der Regel blieben aber jene, die sich – aus welchen Gründen und Motivationen auch immer – weigerten, die Ausnahme. Aber auch im Hinblick auf jene, die mit ihren Armeen an Feldzügen teilnahmen, ergibt sich kein einheitliches, homogenes Bild. Nicht alle Soldaten kamen überhaupt in Situationen, wo der Gebrauch der Waffe notwendig wurde, d.h. die „Umstände“ ersparten ihnen die Ausübung von Gewalt. Andere wiederum setzten ihre Waffen nur mit Widerwillen oder unsachgemäß ein, um die Wirkung zu reduzieren. Eine dritte Gruppe vollzog die gegebenen Befehle entweder aufgrund disziplinären Drucks seitens der hierarchischen Struktur eines Heeres oder wurden durch „Umstände“ – wie etwa eigene Lebensgefahr – dazu gezwungen. Andere wiederum wurden erst durch die Erfahrung des Krieges von gewaltfreien Menschen zu willfährigen Mitläufern der Tötungsmaschinerie – transformierten also in ihrem psychischen und sozialen Charakter – und letztendlich handelte es sich bei der letzten Gruppen um jene, für die der Krieg die Gelegenheit bot, die Lust an Gewalt und Tod nunmehr straffrei ausleben zu können.28 Damit wird ein Aspekt angesprochen, der nicht nur durch seine faktische Auslebung, sondern vielmehr auch in seiner rückblickenden Bewertung und historischen Reflexion jenes moralische Moment erzeugt, welches die Gesamtbeurteilung des Soldaten/Kämpfers bzw. des übergeordneten Ziels, für das gekämpft wird, nicht nur prägt, sondern oftmals geradezu ausmacht – die Gier nach Blut oder der „Blutrausch“. Während in klassischen Kriegerkulturen Brutalität und Mordlust geradezu als systemimmanent galten – über von den Hunnen eroberte Städte hieß es: „…war noch sechs Jahre später alles menschenleer…der Boden war derart mit Gebeinen der Erschlagenen bedeckt, dass es schwerfiel, einen Ruheort zu finden…“29 Ähnliches ist wohl auch über das Verhalten der Kreuzritter nach der Eroberung Jerusalems 1099 zu berichten, bei der es zu einem Massaker an der dortigen Bevölkerung kam.

Dass dieses Verhalten bei den Massenheeren der Allgemeinen Wehrpflicht durch Aufklärung, zivilisatorische Entwicklung oder religiös bedingten Respekt vor menschlichen Leben entschwunden wäre, wird durch die unzähligen Darstellungen aus den Französischen Revolutionskriegen des ausgehenden 18., beginnenden 19. Jahrhunderts sowie die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts mehr als widerlegt; und dass die militärische Barbarei in den hybriden Kriegsformen der Gegenwart erneute Höhepunkte erreicht, zeigen die täglichen Medienberichte, wenngleich im Hinblick auf die oben erwähnten unterschiedlichen Soldatengruppen – im Unterschied zu früheren Epochen – jene Kombattanten, die entweder überhaupt nicht töten wollen oder solchen Gelegenheiten auszuweichen versuchen, geringer zu werden scheint. Hier ergibt sich natürlich wiederum ein wichtiger Rückschluss auf die Motivation des Kämpfers, wobei politische oder religiöse Verbrämung des Krieges wohl die schrecklichsten Taten auslöste und immer noch auslöst.

Für reguläre Armeen mit regulären Soldaten stellen diese Exzesse verständlicherweise ein eminentes Problem dar. Es liegt im Interesse der militärischen Führung, dass sich die Armee als homogener Körper darstellt, was einen Umformungsprozess des zum Soldaten werdenden Individuums notwendig macht. Der Kampflustige hat daher seinen natürlichen Instinkt im allgemeinen Friedensdienst genauso zurückzuhalten wie der Unwillige dagegen im Kampf Aggressivität und Angriffslust zu entwickeln hat; und beides natürlich auf Anordnung der militärischen Hierarchie. Dementsprechend sucht das Militär, sämtliche individuellen charakterlichen Eigenschaften zu unterdrücken, was in der Regel durch intensive Ausbildung, den Drill, zu erreichen war. Zusätzlich funktionierte das enge Korsett der Heeresorganisation als zusätzliches Korrektiv. Die Einheit – welcher Ebene auch immer – duldet(e) keine individuellen Interessensauslebungen. Mit der Veränderung der Kampfführung am Beginn des 20. Jahrhunderts entfiel dieses Korrektiv mehr und mehr. Denn die „Leere des Schlachtfelds“ und die bewegliche, unübersichtliche moderne Kampfführung fordern vom Einzelnen das selbständige Handeln im Sinne der militärischen Führung. Für die Armeen ergab sich daraus bereits Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts ein Dilemma, denn: „…Das Tiraillieren nährt den natürlichen Hundsfott (sic), der, wenn wir aufrichtig sein wollen, doch in uns allen steckt; und diesen muß man zu unterdrücken suchen…ein in Reih und Glied zu stehen gewöhnter Mann wird sich gewiß nicht so keck unter die Kanonen einer Festung heranschleichen wie ein französischer Tirailleur…dagegen wird ein Tirailleur, des gewohnten Schutzes seiner Hecken, Gräben, Löcher und so weiter beraubt, meinen, es sei nichts Anderes zu tun, als darunter zulaufen und jenen Schutz zu suchen…“30

Dennoch sollten neben all jenen Akten der Gewalt, die von Soldaten und Kriegern ausgehen, auch ihre Rollen als Objekte im Rahmen kriegerischer Handlungen nicht unerwähnt bleiben. Mehr noch, Soldaten oder Kombattanten stellen zwar jene Menschengruppe dar, die wohl am meisten Leiden zugefügt hat, andererseits haben sie auch am meisten gelitten.31 Es scheint dabei aber nicht zulässig, aktive und passive Partizipation an Gewalt gegenzurechnen, zumal gerade bei modernen Konflikten die klare Trennung zwischen Kombattanten und Nicht-Kombattanten nicht mehr so klar möglich ist.

Dennoch zeigte sich das Soldatenhandwerk auch abseits des Schlachtfeldes als überaus strapaziös und belastend. Als markante Beispiele können dabei durchaus der Zug Alexanders des Großen nach Asien oder Hannibals Marsch über die Alpen angeführt werden, die bereits während der Marschbewegungen Tausenden das Leben kosteten. Die russischen Feldzüge Karls XII. im Jahre 1709, Napoleons Russlandabenteuer 1812 oder Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion 1941-1944 zeigten sogar die kriegsentscheidende Bedeutung von Witterung und Jahreszeiten auf. Hunger, Seuchen, Erschöpfung, Durst, mangelnde Hygiene zählten und zählen zu den ständigen Begleitern des Soldaten im Krieg. Durch den Gegner waren dann Kriegsgefangenschaft, Verwundung oder Tod zu vergegenwärtigen. Während in bestimmten Kulturen, Kriege grundsätzlich um Gefangene geführt wurden, die entweder als Sklaven gehalten oder im Rahmen religiöser Riten geopfert wurden, entwickelte sich zur Zeit der Söldnerheere das Erpressen von Lösegeld für Gefangene zu einer respektablen Einnahmequelle. Im Zeitalter der stehenden Heere des 18. Jahrhunderts wurden die gefangenen Gegner kurzerhand in die eigenen Regimenter integriert, was meist keinen allzu großen Unterschied machte, da die Kriege ohnehin meist aus politischen Gründen geführt wurden und die Heere einen multinationalen Charakter aufwiesen. Nach dem Einzug des Nationalismus und der politischen oder religiösen Indoktrination der Soldaten wandelte sich das Schicksal des Kriegsgefangenen. Immer noch als Symbol des Sieges, als eine Art Trophäe, war er jedoch der Willkür des Siegers ausgeliefert. Ihr Schicksal suchte man auf den Haager Friedenskonferenzen von 1899 bis 1907 zu bessern. Dennoch können gerade die beiden Weltkriege als Beispiel für die völlige Entrechtung gelten. Millionen starben an Seuchen und Hunger, entweder weil man die gewaltigen Menschenmassen gar nicht ernähren und medizinisch betreuen konnte oder wollte. Wiederum begegnen uns unterschiedliche Herangehensweisen, wobei neuerlich Ideologie, Religion aber auch nationaler kultureller Hintergrund bestimmend wurden und werden.

In letzter Konsequenz endete das Schicksal des Soldaten mit seinem Tod. Lässt man die auch zu Friedenszeiten auftretenden Todesfälle, die meist auch auf allgemeine, zivile Ursachen wie Unfälle, Seuchen oder strapaziöse Lebensverhältnisse zurückgeführt werden können beiseite, so ergibt sich für den Soldaten eine große Bandbreite an Möglichkeiten, sein Leben zu verlieren. In Gefechtshandlungen, an erlittenen Verwundungen, Strapazen der Kriegsgefangenschaft, Repressalien etc. Im Unterschied zum Zivilisten, der an etwas stirbt, bleibt beim Soldaten auch im Tod das wofür im Mittelpunkt der Betrachtung. Letztendlich entscheidet sich daraus, wie die Beurteilung des Soldaten durch Außenstehende und in der Nachwelt ausfallen wird. Aber auch hier ergeben sich erhebliche Interpretationsspielräume.

Mit dem „Helden“ verbindet die klassische Militärgeschichte militärische Höchstleistungen, die – und dies zieht sich geradezu wie ein roter Faden durch nationale Narrative – in der Regel mit dem Tod des/der Protagonisten enden. Dabei eigenen sich Niederlagen besonders gut für das Entstehen von Heldenmythen, denn Tragödien lassen sich hervorragend instrumentalisieren. Der Tod des Leonidas am Thermophylen-Pass weist dabei genauso große Ähnlichkeiten mit der für das nordamerikanische Selbstverständnis so wichtigen Schlacht von Alamo 1836, dem Gefecht der Französischen Fremdenlegion bei Camerone (Mexiko), der berühmten österreichischen „Batterie der Toten“ bei Königgrätz/Sadowa 1866 oder dem Fall der Nilfestung Khartoum 1885 auf. Die höchste Heldenstufe schien und scheint erreicht, wenn der Held nicht nur stirbt, sondern in diesem Zusammenhang auch noch ein hohes Maß an Selbstaufopferung verbunden wird; die gesellschaftlich populärste Form der Tragödie.

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Gemälde "Die Batterie der Toten" von Václav Sochor, 1901/07. Saal über "Radetzky und seine Zeit" im Heeresgeschichtlichen Museum © Nadja Meister

Neben diesen individuellen Taten wirken aber auch hier die großen übergreifenden Motivationen Politik, Ideologie oder Religion. Auf der „richtigen“ Seite zu stehen, transformiert jeden Soldaten automatisch zum Helden, wobei auch hier im Falle des Todes eine weitere Überhöhung verbunden ist. Die Vielzahl der gefallenen Soldaten erreicht diese Stufe jedoch niemals, bestenfalls vielleicht noch als Teil einer größeren Masse eigentlich anonymer Opfer wie etwa die Soldaten der in Stalingrad untergegangenen deutschen 6. Armee.

Mit dem Komplex des soldatischen Todes geht aber gleichfalls die Frage einher, wie man diesem Schicksal denn entgehen könnte. Mangelnder Gehorsam, das Vermeiden gefährlicher Situationen oder schlicht die nicht vorhandene Bereitschaft, sich aufzuopfern charakterisiert den bereits erwähnten „Drückeberger“,32 wobei hier bis heute fließende Grenzen bestehen. Galten Fälle von Kriegsneurosen, Traumata oder seelische Verwundungen33 bis in die Zeit des Ersten und Zweiten Weltkriegs noch als Ausdruck der „Feigheit“, so sind sie heute als Krankheiten allgemein anerkannt.

Der Bereich der „Fahnenflucht“ ist in diesem Zusammenhang schon schwieriger zu beurteilen, wobei diese zur Zeit der Söldnerheere als lediglich Nichteinhaltung eines Vertrages mit – vor allem – materiellem Folgeschaden oder „stranded investment“ gesehen wurde. Mit dem Entstehen der Massenheere, geformt unter dem Schirm von Nationalismus, Ideologie oder Religion, machte das Militär die Desertion zum schimpflichsten Verbrechen, welches – egal ob es als Verrat an übergeordneten Werten oder der unmittelbaren Kampfgemeinschaft interpretiert wird – mit den höchsten Strafen belegt wird. Aber auch hier sind die moralischen Interpretationen inzwischen höchst unterschiedlich, etwa wenn Desertionen zu Akten des Kampfes/Widerstandes interpretiert werden und – im Falle von militärischen Justifizierungen – das Entstehen neuer Heldenbilder fördern.

Gerade aus den zuletzt genannten Überlegungen lässt sich zusammenfassend ein sehr inhomogenes Bild des Soldaten erstellen. Als maßgeblicher Träger staatlicher Gewalt gilt der Soldat – zumindest im Krieg – auch als das Hauptopfer von Gewalthandlungen, wenngleich sich das Verhältnis von zivilen und militärischen Opfern gerade im Hinblick auf die hybriden Kriege der jüngsten Vergangenheit nicht mehr klar darlegen lässt. Dennoch bleibt der Subjekt-Objekt-Zwiespalt hinsichtlich der soziologischen, historischen oder moralischen Einschätzung aufrecht. Als zweites Dilemma kann das Vorhandensein zweier Beurteilungsebenen angenommen werden. Zum einen die individuellen Taten des Soldaten selbst, sein Verhalten auf dem Schlachtfeld bzw. seine Beweggründe, Gewalt anzuwenden, zum anderen der geistige Überbau – meist ohne sein Zutun durch Ideologien, Religionen oder Nationalismen vorgegeben –, der ihn zum ausführenden Element eines Systems macht. Daraus resultiert, dass identisches soldatisches Tun meist nicht ident bewertet wird. In Extremen formuliert, sind die außerhalb des Militärs definierten Grenzziehungen zwischen „Helden“ und „Verbrechern“ durchaus unpräzise und sowohl geographisch als auch zeitlich, vor allem rückblickend, volatil.

Als abschließendes und augenscheinliches Beispiel dafür möge etwa der Geburtsjahrgang 1900 in der österreichischen Militärgeschichte betrachtet werden. Er wurde als letzter noch im Ersten Weltkrieg eingezogen, die Soldaten waren noch im Sinne der Donaumonarchie auf den habsburgischen Kaiser vereidigt. Mit dem Waffenstillstand 1918 bestand ihm der Dienst in der zuerst sozialdemokratisch geprägten republikanischen Volkswehr 1918/1919, dann im konservativ geprägten Bundesheer der Jahre 1921-1933 offen. Mit dem Übergang zu einem totalitären System im Jahre 1933 wurde auch das Bundesheer „politisiert“ und im Rahmen zweier Bürgerkriege 1934 eingesetzt.

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Wien Ringstraße, Volkswehrparade am 13.8.1919 © HGM/MHI

Im Rahmen des „Anschlusses“ im März 1938 wurde das Bundesheer in die Deutsche Wehrmacht überführt und in diesem Sinne neuerlich politisiert und wohl auch nationalisiert. Nach Kriegsende wurde ab den 1950er Jahren an der Wiederaufstellung österreichischer Streitkräfte gearbeitet, die dann mit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1955 auch Realität wurde. Einige wenige Militärpersonen des Jahrganges 1900 fanden auch innerhalb des neuen Bundesheeres eine neuerliche, meist administrative Verwendung und hatten damit letztlich in sechs unterschiedlichen Armeen gedient; obwohl derselbe Mensch, machte ihn die jeweilige Ideologie und Nationalität in der entsprechenden historiographischen und moralischen Einschätzung einmal zu Helden, einmal zu Verbrechern.

1 Waldemar Heckel: The Conquests of Alexander the Great. Cambridge 2007, S. IXf

2 Frank Holt: Alexander the Great today. In the Interests of Historical Accuracy? In: The Ancient History Bulletin 13, 1999, S. 111–117.

3 Vgl. dazu: Hanne Egghardt: Prinz Eugen. Der Philosoph in Kriegsrüstung, Wien 2007

4 Wolf Schneider: Das Buch vom Soldaten. Geschichte und Porträt einer umstrittenen Gestalt, Düsseldorf 1964, S. 52

5 Ebda. S. 51 f.

6 Andrew Ayton: The English Army at Crécy. In: Andrew Ayton, Philip Preston (Hrsg.): The Battle of Crécy, 1346. Woodbridge 2005, S. 159ff

7 Schneider, S. 61

8 Vgl. dazu: Michael Mallett: Der Condottiere. In: Eugenio Garin (Hrsg.): Der Mensch der Renaissance, Essen 2004, S. 49–78.

9 Gilbert Anger: Illustrierte Geschichte der k.k. Armee. 3 Bde, Wien 1886, Band 1, S. 229-235

10 Ebda. S. 298-301

11 Arnold Toynbee: Krieg und Kultur, Frankfurt 1950, S. I

12 Vgl. dazu: M. Christian Ortner, Die k.u.k. Armee und ihr letzter Krieg, Wien 2013, S.82 f.

13 Vgl. dazu: Raymond Aron, Frieden und Krieg, . Eine Theorie der Staatenwelt, Frankfurt 1963

14 Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi: Krieg und Frieden, 2 Bände, München 1953, Band II, S. 1014

15 William L. Lawrence: The New York Times, Ausgabe vom 9. September 1945

16 Raymond Aron, S. 82-85

17 Quincy Wright: A study of war, 2 Bände, Chikago 1947, Band II, S. 726 f.

18 Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes, 2 Bände, München 1923, Band II, S. 533

19 Schneider, S. 168 f.

20 Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit, o.O. 1851 S. IV

21 Vgl. dazu: Volker Ullrich: Napoleon, Reinbek bei Hamburg 2004, S. 12–15 und August Fournier: Napoleon der I. Eine Biographie, Wien/Leipzig, 1922 S. 1–6

22 Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, Berlin 1963, S. 61 f.

23 T. E. Lawrence, Unter dem Prägestock, München 1955, S. 21, 31

24 Samuel Stouffer: The American Soldier, 2 Bände, Princeton 1949/50, Band 2, S. 841

25 Vgl. dazu: Friedrich Wecker-Wildberg (Hg.): Napoleon, die Memoiren seines Lebens, 7 Bände, Hamburg, o.J., Band 1 S. 348, Band 2, S.101

26 Winston Churchill: Meine frühen Jahre, München 1965, S. 80

27 Schneider, S. 218

28 Schneider, S. 232

29 Franz Altheim: Reich gegen Mitternacht. Asiens Weg nach Europa, Hamburg 1955, S. 50 f.

30 Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst, 2 Bde, Nachdruck der Ausgabe 1920-1932, Hamburg 2008, Band II, S. 531

31 Schneider, S. 365

32 Schneider, S. 415

33 The Ineffective Soldier. Lessons for the Management and the Nation, 3 Bde, New York 1959, Band I, S. 60 f.

M. Christian Ortner

M. Christian Ortner

Direktor HR Mag. Dr. M. Christian Ortner, ObstdhmfD

Ich bin seit 1995 am Heeresgeschichtlichen Museum in Wien tätig, vorerst als Referats- und Sammlungsleiter „Militärtechnik“ (zuständig für Marine, Luftfahrt, Waffenwesen, Artillerie, Munitionswesen, Harnische, Festungswesen, Modelle, militärische Optik etc.) sowie in weiterer Folge als Leiter der Museums- und Sammlungsabteilung. Seit 2007 bin ich Direktor des HGM/MHI.

Einer meiner Forschungsschwerpunkte ist "Österreich-Ungarn 1848 bis 1918".

Zusätzlich bin ich Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Ordenskunde (ÖGO), der Österreichischen Gesellschaft für Heereskunde, des International Committee of Museums and Collections of Arms and Military History (ICOMAM), bin Mitglied der Österreichischen Kommission für Militärgeschichte (CAHM) und Stv. Vorsitzender des Militärhistorischen Beirats der Wissenschaftskommission beim BMLV.

Preisträger des Werner-Hahlweg Preises für Militärgeschichte 2008
Verleihung des Civil Servant of the Year 2012

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